Rezension über:

Dominic Olariu: La genèse de la représentation ressemblante de l'homme. Reconsidérations du portrait à partir du XIIIe siècle, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2013, 602 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-0343-0051-3, EUR 95,20
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Rezension von:
Romedio Schmitz-Esser
Deutsches Studienzentrum, Venedig
Redaktionelle Betreuung:
Philippe Cordez
Empfohlene Zitierweise:
Romedio Schmitz-Esser: Rezension von: Dominic Olariu: La genèse de la représentation ressemblante de l'homme. Reconsidérations du portrait à partir du XIIIe siècle, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/07/25231.html


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Dominic Olariu: La genèse de la représentation ressemblante de l'homme

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Was tun, wenn ein großer Künstler stirbt? Bei Albrecht Dürer sollen seine Kollegen seinen Leichnam exhumiert haben, um von seinem Gesicht eine Totenmaske anzufertigen. Mit dieser Anekdote steigt Dominic Olariu in seine Geschichte der Porträtkunst ein, die vor allem der Frage gewidmet ist, wie sich die Abbildung der Gesichtszüge nach dem körperlichen Vorbild im Hoch- und Spätmittelalter herausbildete. Diese Untersuchung wirft ein umfangreiches Licht auf die Modellierung nach der Natur und bietet damit einen Beitrag zur Bedeutung des toten Körpers in der Vormoderne aus kunsthistorischer Sicht; ein spannendes Thema, das durchaus im Trend liegt. [1]

Das erste Hauptkapitel widmet Olariu der etymologischen Herkunft des Wortes "Porträt" und verweist hier auf das 12. und 13. Jahrhundert, das er als Schlüsselzeit seiner Studie immer wieder in den Blick nimmt. Ausgehend vom Auftauchen des Begriffs in Chrétien de Troyes' "Philomena" und der Verwendung bei Villard de Honnecourt, der das getreue Abbilden von Bauskulptur als Porträt bezeichnet, skizziert das Kapitel die allmähliche Entwicklung des Begriffs fort von der Wortbedeutung einer detaillierten Abbildung hin zu einem Abbild einer konkreten Person.

Das zweite, mit Abstand längste Hauptkapitel (81-210) beschäftigt sich mit der Einbalsamierung im Mittelalter und den Veränderungen, die der Wunsch nach einer Erhaltung und / oder Ausstellung insbesondere des Gesichts mit sich brachten. Für Olariu hängt diese Veränderung vor allem mit der Nutzung von Wachs und Wachsbinden seit dem 13. Jahrhundert zusammen. Er bietet damit auf der Basis des bislang beklagenswert überschaubaren Forschungsstandes eine konzise These an, die man noch durch einen Blick in die frühmittelalterliche Entwicklung erweitern könnte (so findet sich beispielsweise in der Vita des Hl. Ulrich aus dem 10. Jahrhundert bereits ein Hinweis auf die Verwendung eines wächsernen Textils für die Leiche). Durch die Fokussierung auf das 12. und 13. Jahrhundert und den Vergleich zur Antike betont Olariu den byzantinischen Einfluss auf die neue Sichtbarkeit der Physiognomie des Toten, und hieraus habe sich durch die konkrete Einbalsamierungstechnik mit Wachs bedingt schließlich die Totenmaske entwickelt, deren Aufkommen das dritte Hauptkapitel gewidmet ist.

Anders als die bisherige Forschung argumentiert Olariu hier, dass nicht erst die Totenmasken Bernhardins von Siena oder Filippo Brunelleschis aus dem 15. Jahrhundert und Dantes Totenmaske des 14. Jahrhunderts vom Gesicht des Toten abgenommen worden sein dürften, sondern diese Praxis im Spätmittelalter bereits weit verbreitet gewesen sei. Dabei greift er etwa auf die Effigies der englischen Könige zurück, die in Zusammenhang mit Totenmasken angefertigt wurden. Zentral für die Datierung bereits auf das 13. Jahrhundert ist insbesondere der Fall der Isabella von Aragón: Die 1271 durch einen Sturz vom Pferd verstorbene Gattin König Philipps III. von Frankreich begrub man im Dom von Cosenza, wo die Figur ihres Grabmonuments durch die geschlossenen Augen und die Deformierung ihrer rechten Wange (nach Olariu eine Wunde des Sturzes vom Pferd) offensichtliche Zeichen einer Abformung des Gesichts der Toten trage. Interessant scheint in diesem Zusammenhang, dass Isabellas Leichnam gekocht wurde, um die Knochen nach Frankreich überführen zu können, was eine Darstellung ihres Gesichts am Sterbebett nochmals wünschenswerter erscheinen lassen mochte.

In den folgenden Kapiteln vier und fünf bezieht Olariu das somit deutliche Bemühen um die Erhaltung der physischen Erscheinung insbesondere des Gesichts auf ein scholastisches Umfeld, in dem - etwa ausgehend von Thomas von Aquin und Petrus von Abano - das Individuum mit seiner äußeren Erscheinung in Verbindung zu bringen sei. Das zeigt sich etwa am Beispiel des Heiligen Franz von Assisi, der durch die Stigmatisierung die äußeren, physischen Zeichen der Heiligkeit aufwies. Spannend wäre hier zu fragen, wie sich diese Beobachtung mit der im Umfeld der Bettelorden im frühen 14. Jahrhundert zu beobachtenden Tendenz in Einklang bringen lässt, dass sich göttliche Zeichen auch in inneren Organen fanden, wie dies beispielsweise für Chiara von Montefalco oder Margherita von Città di Castello belegt ist.

Ein abschließendes sechstes Kapitel stellt die Parallele zwischen physischer Präsenz des Leichnams und einem Abbild der äußeren Körperhülle her, die wiederum im 13. Jahrhundert mit Verwendung von Gisant und Effigies immer deutlicher wird. Ein umfangreicher Annex bietet vor allem Textpassagen zur Etymologie von "Porträt" und mehrere für die Argumentation einschlägige Quellentexte mit französischen Übersetzungen; ein Index erschließt das Werk nach Personen, Orten und Schlagworten. Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels machen das Buch leichter zugänglich, und die grundsätzlichen Thesen sind gut überlegt und formuliert.

Die umfangreiche Argumentation Olarius, die auch die moderne Einbalsamierung von Päpsten ins Kalkül zieht, verbindet kunsthistorische, historische und theologische Quellen miteinander; hierin liegt ihr besonderer Reiz. Noch keine Berücksichtigung fand hingegen der archäologische Befund, der gerade auf die frühmittelalterliche Einbalsamierung noch ein verändertes Bild wirft, zumal auch historiografische Quellen Versuche der Erhaltung der Körperhülle deutlich vor dem 12. Jahrhundert belegen oder nahelegen (etwa für Karl den Kahlen im 9. Jahrhundert). Inwieweit die Einbalsamierungspraxis also aus Byzanz in das lateinische Europa importiert wurde, scheint noch eine interessante Frage zu bleiben, der man sich aus byzantinischer Sicht hoffentlich demnächst stellt. Das hier anzuzeigende Werk hat damit gerade bei der Einbalsamierung in einem bislang kaum behandelten Feld eine neue Perspektive vorgeschlagen. Nicht nur diese Diskussion hat Dominic Olariu mit seinem beachtenswerten, klare Thesen nicht scheuenden Werk eindrücklich eröffnet.


Anmerkung:

[1] Verwiesen sei hier etwa auf die Studie von Urte Krass: Nah zum Leichnam. Bilder neuer Heiliger im Quattrocento (= I Mandorli; Bd. 16), Berlin / München 2012, die auch ausführlich dem Phänomen der Totenmasken für das 15. Jahrhundert nachgeht; Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 48), Ostfildern 2014, 165-309, der gerade der Einbalsamierung ein größeres Kapitel widmet; und Katharine Park: Secrets of Women. Gender, Generation, and the Origins of Human Dissection, New York 2010, die die Verbindung der Geschichte der Sektion mit der Behandlung weiblicher Heiliger behandelt.

Romedio Schmitz-Esser