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Rezension von:
Reiner Tosstorff
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
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Reiner Tosstorff: Neuerscheinungen zum Spanischen Bürgerkrieg (Rezension), in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 [15.10.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/10/25640.html


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Neuerscheinungen zum Spanischen Bürgerkrieg

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Die Geschichte des spanischen Bürgerkriegs bleibt ein Dauerthema. Trotz ganzer Bibliotheken lassen sich immer wieder neue Quellen, Themen und Fragestellungen entdecken. Als ein Schlüsselereignis des zwanzigsten Jahrhunderts, von entscheidender Bedeutung für die Herausbildung der zum Zweiten Weltkrieg führenden Konstellation, hatte er maßgebliche Auswirkung auf die politisch-ideologischen Prägungen der folgenden Jahrzehnte und erweckt auch heute noch breites Interesse über ein reines Fachpublikum hinaus.

Im Folgenden sollen vier Neuerscheinungen in englischer Sprache vorgestellt werden. Zwar hat sich sehr schnell nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 der Schwerpunkt der Forschungen nach Spanien verlagert, wo er ja auch hingehört. Doch noch immer werden an englischsprachigen Universitäten aufgrund der starken Verankerung der Spanien-Forschung wichtige Beiträge geleistet. Vor allem aber ermöglichen daraus entstehende Veröffentlichungen, ebenso wie Übersetzungen aus dem Spanischen ins Englische, eine besonders große internationale Verbreitung.

Bei dem ersten Titel handelt es sich um eine Überblicksdarstellung von einem der führenden Bürgerkriegshistoriker Spaniens, des an der Universität Zaragoza tätigen Julián Casanova. In seinen Forschungen bilden der Anarchismus und die mit den Ereignissen jener Jahre verbundene Gewaltexplosion Schwerpunkte. Seine Darstellung orientiert sich nicht so sehr an der Chronologie. Sie ist vielmehr, nach einer Skizze der Ursachen des Militärputsches im Juli 1936, anhand von Problemaufrissen strukturiert. Ein erstes Kapitel beschreibt den Zerfall der republikanischen Staatsmacht im Gefolge des Militärputsches und wie daraus ein Bürgerkrieg wurde. Die hierbei entstehende Gewalt richtete sich auch gegen die katholische Kirche als Symbol der Reaktion (nicht zuletzt in einer Ersatzfunktion für das Militär), der Casanova ausführlich auf der Grundlage der neuesten Forschungen nachgeht. Ein weiteres Kapitel beschreibt die internationalen Verflechtungen, für die der Bürgerkrieg am besten bekannt ist. Weitere Kapitel sind der Kriegsführung durch die verschiedenen republikanischen Regierungen und dem Kriegsverlauf selbst gewidmet. Begrüßenswert ist auch ein eigenständiges Kapitel zur Herausbildung der Franco-Diktatur in der "nationalen Zone", das klar die Orientierung an den faschistischen Vorbildern nachweist.

Casanovas Buch ist insgesamt eine notwendigerweise vom Format und Umfang her stark gedrängte Darstellung, ohne allzu große Detailliertheit. Es ist ein Einführungstext, wie er heute zum Angebot vieler angelsächsischer akademischer Verlage mit der Zielgruppe Undergraduate-Studenten gehört (und in diesem Fall sicher auch noch allgemein Geschichtsinteressierte). Vergleichbare Publikationen gibt es allerdings ebenfalls auf Deutsch [1], wenn auch dieses Buch aufgrund der Forschungen des Autors mit seinen Schwerpunkten sowie durch seine Verweise auf zahlreiche neuere Untersuchungen nicht uninteressant ist.

Wenn im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg der Begriff Revolution auftaucht, so hat das vor allem mit einem Teil des Landes zu tun: Katalonien. Hier fand tatsächlich - zumindest in den ersten Monaten nach dem 19. Juli 1936 - eine der weitestgehenden sozialen Umwälzungen statt, die Europa im zwanzigsten Jahrhundert erlebte und die in vielerlei Hinsicht auch tiefer ging als die revolutionäre Welle nach dem Ersten Weltkrieg. Eng verknüpft mit dem oftmals romantisch verklärten Mythos des Anarchismus, fand sie durch zahlreiche Augenzeugenberichte einen literarischen, immer auch mit heftigem politischem Deutungsstreit verbundenen Niederschlag. George Orwells "Homage to Catalonia" ist da nur das bekannteste unter vielen Büchern.

Eine Gesamtdarstellung der Entwicklung in Katalonien vom Bürgerkriegsausbruch bis zum Sieg Francos ist Gegenstand der Monographie von Pelai Pagès, Historiker an der Universität Barcelona und Verfasser einer Reihe von Studien u.a. zur Geschichte der in Katalonien bedeutenden POUM - dazu weiter unten - , zum Justizsystem des Landes in dieser Zeit und zuletzt zur Kriegswirtschaft. Diese 1987 zuerst auf Katalanisch erschienene Monographie wurde dann 2007 grundlegend für eine spanische Ausgabe überarbeitet, auf der die durch einen amerikanischen Hispanisten besorgte Übersetzung fußt. An der Chronologie orientiert, verfolgt Pagès die Entwicklung nach einem kurzen Blick auf die Wurzeln des Konflikts vom Scheitern des Militärputsches in Barcelona und der katalanischen Provinz zur revolutionären Eruption. Sie führte zur Bildung eines von den Anarchisten dominierten Milizheeres, das auf Aragón marschierte. An der "Heimatfront" äußerte sich die Umwälzung in der Übernahme von Industrie und Landwirtschaft durch die Gewerkschaften und der Schaffung eines neuen Ordnungs- und Justizsystems, wobei die Organisation der Kriegsführung Priorität erhielt und entsprechende Umstellungen in der Wirtschaft erforderte. Das blieb nicht ohne Konflikte zwischen einem auf die Sicherung der Revolution zielenden und einem diese der Kriegsführung unterordnenden Lager: auf der einen Seite Anarchisten und POUM, auf der anderen Seite die linksbürgerlichen Autonomisten und die pro-sowjetische KP. Überlagert wurde dieser Gegensatz zudem durch den Konflikt zwischen Katalonien und der spanischen Zentralregierung. Es kam im Mai 1937 in Barcelona zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den politischen Lagern, die zur Übernahme der Macht durch die Zentralregierung führten, begleitet von einer kommunistischen Kampagne gegen jegliche Abweichler. Trotz einzelner Erfolge gelang aber angesichts der internationalen Situation und der faschistischen Unterstützung für das Franco-Lager keine grundlegende Wende mehr. Im Januar 1939 war die Besetzung Kataloniens abgeschlossen. Zwei Monate später konnte Franco dann auch in dem übrigen noch von der Republik gehaltenen Gebiet den Sieg verkünden.

Dies alles wird von Pagès entlang von Fragen nach den grundlegenden politisch-strategischen Auseinandersetzungen innerhalb des republikanischen Lagers, nach der Entwicklung der militärischen Kämpfe und nach den sozioökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen dargestellt. Dabei legt er in seinen Schlussbemerkungen seine eigene Position in den Kontroversen über die Deutung dar: Gegen die - grob gesprochen - von konservativer Seite vorgetragene Meinung, mit der revolutionären Welle von 1936 sei ein Bruch in der Kontinuität der katalanischen Gesellschaft erfolgt und nicht erst 1939, mit der Besetzung durch Francos Truppen, argumentiert er entschieden, dass die Umwälzung des Sommers 1936 die Konsequenz von lange in der katalanischen Gesellschaft wirkenden Kräften gewesen sei. Francos Sieg habe dagegen darauf abgezielt, die Eigenständigkeit Kataloniens zu beseitigen, auch wenn das letztlich nicht gelungen sei.

Pagès' Hauptquellen stellen verschiedenste zeitgenössische Materialien dar, wobei insbesondere die von der Regierung des autonomen Kataloniens geführte Crònica diària ("Tageschronik"), eine tägliche Meldung der wichtigsten Ereignisse, hervorsticht. Sie ist erst seit einigen Jahren der Forschung im Nachlass eines führenden katalanischen Politikers, Josep Tarradellas, zugänglich, liegt mittlerweile aber auch ediert vor. [2] Der Autor verzichtet auf größere Ausflüge in die mehr als umfangreiche Sekundärliteratur, auch wenn immer wieder Hinweise gegeben werden und er, durch eigene Beiträge bestens ausgewiesen, zweifellos den Forschungsstand immer berücksichtigt. Doch ist das Buch weniger als Auseinandersetzung mit anderen Spezialisten gedacht, sondern richtet sich an ein Publikum, das eine solide abgesicherte Darstellung dieser so entscheidenden Jahre sucht. Nützlich sind dabei auch eine Reihe von zeitgenössischen Dokumenten, die in einem Anhang verschiedene Kapitel vertiefen, sowie Fußnoten des Übersetzers, der Lesern außerhalb Spaniens Erläuterungen zu Personen, Ereignissen oder Redewendungen gibt. Insgesamt handelt es sich also um einen informativen Überblick. Inzwischen liegt auch eine Paperback-Ausgabe vor.

Das Buch von Alan Sennett ist die überarbeitete Fassung seiner politikwissenschaftlichen Dissertation an der Universität Manchester aus dem Jahre 1992. Deren Untertitel gibt genauer an, was im Mittelpunkt steht: "The Influence of Trotsky's Marxism upon the Spanish Dissident Communists, 1930-1937". Es geht also um die Strömung der spanischen Linken, die sich als Opposition gegen den Stalinismus in der offiziellen KP herausbildete, teils in direkter organisatorischer Verbindung zu Trotzki, teils unabhängig von ihm und eher in Gegnerschaft zum Trotzkismus vor allem in Katalonien. Doch diese beiden Gruppen vereinigten sich 1935 zur POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung). Ihre bedeutendsten Persönlichkeiten waren ihr einziger Parlamentsabgeordneter und Generalsekretär Joaquín Maurín, der sich beim Militärputsch in der "frankistischen" Zone befand, und sein Nachfolger an der Spitze Andreu Nin, der 1921 nach Moskau gegangen war, wo er bis 1928 wirkte, bis er als politischer Weggefährte Trotzkis die Sowjetunion verlassen musste. Diese Ursprünge haben der POUM oft das Etikett "Trotzkismus" eingebracht, zumal es dann von der sowjetischen Propaganda und den kommunistischen Parteien auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors zur Brandmarkung gebraucht wurde. Tatsächlich ist das nicht korrekt, da es keine direkte organisatorische Verbindung, wohl aber eine Reihe von Differenzen gab. Man kann da der Definition von Günter Grass folgen: "Die POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista) war eine spanische linkssozialistische Arbeiterpartei, die, innerhalb des republikanischen Lagers, von den Kommunisten bekämpft und mit stalinistischen Methoden als Trotzkisten-Partei verfolgt wurde." [3] Nichtsdestotrotz achtete die POUM Trotzki als bedeutenden marxistischen Theoretiker und Führer der Oktoberrevolution, so dass sie viele Sympathien für Trotzkis Kampf gegen Stalin äußerte und ohne Wenn und Aber die Moskauer Schauprozesse öffentlich verurteilte, als viele (nichtkommunistische) Kräfte der europäischen Linken diplomatische Rücksichtnahme betrieben. Für ihre politische Rolle wurde die POUM dann auch das Ziel stalinistischer Verleumdungskampagnen und ihr Sekretär Nin - nicht als einziger aus ihren Reihen - ein Opfer des sowjetischen Geheimdienstes. Das bereits erwähnte Buch von Orwell hat das international bekanntgemacht.

Bei Sennett allerdings geht es nicht in erster Linie um die Geschichte dieser Partei, ihr konkretes Wirken im Kontext der spanischen Linken. Im Vordergrund stehen zum einen der politisch-ideologische Einfluss Trotzkis auf die Entwicklung in Spanien, seine Anwendung der von ihm aus der russischen Revolution entwickelten Theorie der permanenten Revolution auf Spanien und seine Bewertungen der politisch-sozialen Kämpfe von der Proklamation der Republik bis zum Bürgerkrieg. Zum anderen geht es um die Rezeption dieser Positionen, teils als Übernahme, teils in Abgrenzung, durch die aus der offiziellen KP ausgeschlossenen dissidenten Kommunisten und vor diesem Hintergrund um die Entwicklung von Programmatik und Strategie der dann 1935 gebildeten POUM. Sennett zeigt auf, wie sehr sie in ihren theoretischen Grundlagen von Trotzki beeinflusst war, auch wenn es angesichts der konkreten Herausforderungen in Spanien und insbesondere in Katalonien - wo ihr organisatorischer Schwerpunkt lag - zu einer Reihe schwerwiegender Meinungsverschiedenheiten kam. Allerdings erwies sich als ihr Hauptproblem, dass sie innerhalb der kurzen Zeit von der Gründung im September 1935 bis zum Bürgerkriegsausbruch im Juli 1936 keine wirkliche Homogenität erreichen konnte. Als Minderheitskraft lastete auf ihr der Druck, den vor allem die hegemonialen Anarchisten ausübten. Als die revolutionäre Welle im Frühjahr 1937 zurückging - nicht zuletzt aufgrund der internationalen Lage der Republik -, traf dies vor allem die POUM. Sie wurde ein Ziel Stalins.

Sennetts Buch basiert im Wesentlichen auf einer Auswertung der umfangreichen spanischen Sekundärliteratur sowie der vielen theoretischen Schriften der dreißiger Jahre, die nach Franco wiederveröffentlicht wurden. Archivforschungen, die vor allem den Zugang zu dem konkreten politischen Wirken und zur Bestimmung des Kontextes der POUM eröffnet hätten, oder auch nur eine Auswertung der zeitgenössischen Presse hat der Autor nicht vorgenommen. Insofern bleibt sein Zugang zu den realen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen jener so entscheidenden Jahre doch letztlich begrenzt. [4] Ein dreißigseitiger Essay im Anhang, der diesen historischen Kontext herstellen will, kann da nur einen beschränkten Ausgleich liefern. So liefert das Buch vor allem eine Herangehensweise auf der Ebene der politischen Theorie und Ideengeschichte.

Die Unterdrückungskampagne gegen den echten oder angeblichen Trotzkismus während des Bürgerkriegs in Spanien wurde allerdings nicht nur von den Vertretern des sowjetischen Geheimdienstes betrieben. Sie konnte sich wesentlich auf den Apparat der spanischen KP stützen. Diese war vor Bürgerkriegsbeginn eigentlich eine eher kleine Partei, erhielt aber nach dem 19. Juli 1936 zahlreichen Zustrom. Von besonderer Bedeutung war die Gewinnung der Jugendorganisation der spanischen Sozialisten unter Führung Santiago Carrillos, des zukünftigen Parteiführers im Exil. Seinen Aufstieg innerhalb der Parteihierarchie betrieb er also in der Zeit Stalins, auch wenn sein Name heutzutage eher mit Entstalinisierung und Eurokommunismus verbunden ist. Ihm ist nun eine Biographie durch Paul Preston gewidmet, in welcher der Bürgerkrieg zwar einen wichtigen, weil prägenden Stellenwert hat, die aber natürlich aufgrund seiner späteren Bedeutung bis an die unmittelbare Gegenwart heranreicht und die, wie viele seiner Bücher, über den bloßen Kreis der Historiker hinaus, in Spanien zu einem vieldiskutierten Bestseller geworden ist.

Detailliert zeichnet Preston die Herkunft des 1915 geborenen Carrillo aus einer sozialistischen Arbeiterfamilie nach, die unter der Diktatur Miguel Primo de Riveras Verfolgung und materielle Not erlebte. Der Vater war führender Gewerkschafter und Politiker auf der Parteilinken. Daran orientierte sich zunächst auch der Sohn, der unter den Bedingungen der Republik seit 1931 eine Blitzkarriere in der Sozialistischen Jugend hinlegte und 1934 mit neunzehn Jahren ihr Generalsekretär wurde. Zunächst radikaler Linker mit Sympathien für Trotzki, vollzog er eine Kehrtwende, nachdem er von der Kommunistischen Internationale, u.a. bei einer Reise nach Moskau im Frühjahr 1936, intensiv umworben worden war. Die Sozialistische Jugend verschmolz mit der KP-Jugendorganisation (was übrigens das Vorbild für die "Einheitsparteien" nach 1945 wurde). Für den linken Flügel der Sozialisten war das ein Schlag, von dem er sich nie wieder richtig erholen konnte, während die Kommunistische Partei durch die "Vereinigte Sozialistische Jugend" unter den Bedingungen des wenige Monate später ausbrechenden Bürgerkriegs endlich eine Massenpartei wurde. In den Augen seines Biographen war Carrillos Konversion das Ergebnis eines "poisonous cocktail" von Ambitionen, Selbstvertrauen und Verantwortungslosigkeit (64).

Von nun an überspielte Carrillo die sozialistisch-linksradikalen Flecken aus seiner Jugendzeit mit entschlossenen stalinistischen Bekenntnissen. Im Bürgerkrieg war er im November 1936, bei der Belagerung von Madrid, in Massaker an Gefangenen involviert, was ihn noch bis in die Nach-Franco-Zeit verfolgen sollte. Detailliert dröselt Preston seine Verwicklung - führend beteiligt, aber wohl nicht der Hauptverantwortliche - und seine spätere Spurenverwischung auf. Unmittelbar nach Bürgerkriegsende denunzierte er öffentlich seinen Vater und erweckte dadurch umso mehr das Interesse der Komintern-Hierarchie. Nach 1939 zunächst in Moskau, dann in Lateinamerika, nahm er nach 1945 in Frankreich die Kontrolle über die Partei in die Hand.

So griff Carrillo Zug um Zug nach der Parteiführung, die ihm schließlich Ende der fünfziger Jahre zufiel, immer gekennzeichnet von einem unbegrenzten Optimismus, was den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Franco-Diktatur anbetraf, und dem Bestehen auf seiner Führungsrolle. Die sich in Spanien verändernden Bedingungen im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs nahm er zunächst nicht wahr, schloss 1964 zwei Mitglieder aus dem Politbüro aus - Fernando Claudín und Jorge Semprún -, um nachher Elemente ihrer Kritik aufzunehmen, aber selbstverständlich mit der Begründung, die Parteiführung - d.h. er - habe das schon immer richtig analysiert. Eine wichtige Rolle spielte er nach dem Tod Francos und in der Übergangsphase bis zur Etablierung einer parlamentarischen Monarchie, weil die spanischen Kommunisten zweifellos die am besten organisierte Kraft waren. Nachdem er als Bannerträger des seinerzeit vieldiskutierten, heute vergessenen "Eurokommunismus" offenen Widerspruch gegen die Sowjetunion erhoben hatte, setzte er dank seiner Kontrolle über die Partei ihre Mäßigung in den Konflikten auf der Straße durch, ohne die es wohl nicht zu der vergleichsweise friedlichen, die frankistische Betonfraktion an die Seite schiebenden "transición" gekommen wäre.

Den Preis dafür bezahlte allerdings die Partei, die Carrillo teilweise rechts von den Sozialisten platzierte und in der er zugleich die neue Generation der Aktivisten von der Parteiführung zugunsten seiner alten Gefährten aus Bürgerkrieg und Exil fernhielt. Sein demokratisches Bekenntnis endete vor den autoritären Parteistrukturen, seine innerparteilichen Widersacher wurden ausgeschlossen. Die Quittung dafür waren massive Mitgliederverluste und Wahlniederlagen, bis die Partei ihn selbst 1985 ausschloss, um zu retten, was noch zu retten war. Der Versuch einer eigenen Splitterpartei blieb erfolglos. Sie löste sich, kurz nach dem Ende der Sowjetunion, ausgerechnet in der Sozialistischen Partei auf, ein Schritt, den Carrillo selbst auf Grund seiner politischen Vergangenheit nicht mit vollziehen konnte. Er konzentrierte sich in den beiden Jahrzehnten vor seinem Tod 2012 darauf, seine eigene Legende durch umfangreiche Memoiren und viele Auftritte in den Medien zu stricken. Preston lässt an diesen Versuchen kein gutes Haar: "In none of those volumes could there be found anything resembling repentance, but there was certainly ample falsification and obfuscation." (333) Auch enthüllte er keines der ihm gewiss bekannten vielen Parteigeheimnisse. Preston spart nicht, wie auch schon der Titel andeutet, mit harschen Urteilen, so z.B. auf Seite 335: "Certainly, it was a life of failures seasoned with eternal optimism and reflected on with lies". Dabei streitet er ihm nicht seine Bedeutung in den Jahren des Übergangs nach Franco ab, nicht zuletzt auch seinen Mut beim Putschversuch im Februar 1981.

Prestons Arbeit beruht auf den jahrzehntelangen Forschungen des Autors zur spanischen Zeitgeschichte und basiert auf einer breiten Dokumentation an Forschungsliteratur, zeitgenössischen Veröffentlichungen und Materialien aus dem Archiv der spanischen KP. Gerichtet an ein breites Publikum über Spezialistenkreise hinaus, ist es äußerst lesbar geschrieben. Dadurch, dass die innerparteilichen Machtkämpfe in den Zusammenhang zur allgemeinen Situation gestellt wurden, führt Preston zugleich in einer Art "tour de force" durch wesentliche Etappen der Geschichte des Landes seit dem Bürgerkrieg. Eine deutsche Übersetzung wäre zu wünschen.


Anmerkungen:

[1] Z.B. Walther L. Bernecker: Krieg in Spanien 1936-1939, Darmstadt 22005; Carlos Collado Seidel: Der Spanische Bürgerkrieg: Geschichte eines europäischen Konflikts, München 22010.

[2] Josep Tarradellas: Crònica de la Guerra Civil a Catalunya. Crònica diària de la Generalitat de Catalunya, hg. von Jordi Casassas i Ymbert, 2 Bde., Barcelona 2008.

[3] Günter Grass: Werkausgabe in zehn Bänden, Bd. 8: Theaterspiele, Darmstadt / Neuwied 1987, 381-396, hier 396. Anlass dafür war seine Verteidigung Willy Brandts im Bundestagswahlkampf 1965 gegen Angriffe wegen seiner Tätigkeit 1937 in Barcelona an der Seite der POUM.

[4] Vgl. demgegenüber die aus zahlreichen Primärquellen schöpfende historische Dissertation über die Aktivitäten der weiblichen POUM-Mitglieder von Cindy Coignard: Les militantes du POUM 1935-1980, Rennes 2015.

Reiner Tosstorff