Rezension über:

Carlos Collado Seidel: Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts, 3., überarb. u. erg. Aufl., München: C.H.Beck 2016, 237 S., 5 Kt., ISBN 978-3-406-69677-0, EUR 14,95
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Paul Preston: The Last Days of the Spanish Republic, London: HarperCollins 2016, X + 390 S., 17 s/w-Abb., ISBN 978-0-00-816340-2, GBP 25,00
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Rezension von:
Reiner Tosstorff
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Reiner Tosstorff: Neue Untersuchungen zum Spanischen Bürgerkrieg (Rezension), in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 2 [15.02.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/02/29237.html


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Neue Untersuchungen zum Spanischen Bürgerkrieg

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In einer dritten Auflage liegt nun die kompakte Übersichtsdarstellung zum spanischen Bürgerkrieg von Carlos Collado Seidel, Historiker an der Universität Marburg, vor. Bereits die erste ist in den "sehepunkten" von Walter Lehmann ausführlich vorgestellt worden. [1] Dem ist wenig hinzuzufügen. Sie richtet sich an ein breites Lesepublikum, was sich im Verzicht auf einen Anmerkungsapparat ausdrückt. Es tauchen allerdings verschiedentlich Literaturverweise im Text auf, dem eine Chronologie sowie eine ausführliche Bibliographie angefügt sind. Dazu sind Kurzbiographien der wichtigsten Personen eingestreut; anhand einer Reihe von Karten lässt sich zudem die Entwicklung des Frontverlaufs nachvollziehen. Diese Auflage enthält erfreulicherweise auch ein Personenregister.

Das Buch beginnt chronologisch mit der Vorgeschichte und den militärischen Ereignissen in den ersten Monaten nach dem Putsch, um dann zu einer systematischen Darstellung zuerst der internationalen Dimension mit ihren verschiedenen Akteuren und anschließend der politisch-ideologischen Fronten des Bürgerkriegs überzugehen. Der Verfasser zeigt damit, wie aus dem ursprünglich im Gefolge der strukturellen Verwerfungen der spanischen Gesellschaft endogen entstandenen Bürgerkrieg mit seiner sozialrevolutionären Dimension ein, wie es im Untertitel heißt, "europäischer Konflikt" wurde.

Ein abschließendes Kapitel beschäftigt sich mit der Repression durch die siegreiche frankistische Seite, dem Exil und der Erinnerung an den Krieg. In der Diktatur diente sie als Instrument der Drohung und Einschüchterung, nach Francos Tod kam es dagegen im Zuge des Elitenpakts zwischen den reformbereiten Regierungskräften und der Opposition zu einer Art des offiziellen Beschweigens, wie es sich im Amnestiegesetz von 1977 ausdrückte. Es bedurfte erst eines Generationenwechsels (begleitet von einem Regierungswechsel), bis es 2007 zum Gesetz über die "Zurückgewinnung des historischen Gedächtnisses" kam. Doch der Ausbruch der Wirtschaftskrise und ein erneuter Regierungswechsel ließen das Thema erst einmal wieder von der offiziellen Agenda verschwinden.

Für diese dritte Auflage, die den Stand von 2016 wiedergibt, damit also noch nicht unter dem Eindruck der Krise um die katalanische Unabhängigkeitsbewegung steht, hat der Autor neben kleinen Verbesserungen im Text ein Nachwort beigesteuert, das sich mit dem Stand der Bewältigung der Diktatur in den letzten Jahren auseinandersetzt. Über 40 Jahre nach dem Tod Francos und damit auch nach dem Tod seiner Weggefährten gibt es noch immer eine Art ideologisches Residuum, das in zahlreichen, auch publizistisch ausgetragenen Kontroversen um die Bewertung der Diktatur und damit auch des Bürgerkriegs seinen Ausdruck findet. Insofern ist, wie Collado Seidel schließt, die Frage auch für die Geschichtswissenschaft offen, welchen Herausforderungen sie sich in diesem Zusammenhang noch stellen muss.

Liefert Collado Seidels Buch einen sehr gedrängten, aber doch präzisen Gesamtüberblick, konzentriert sich der britische Historiker Paul Preston auf einen besonderen, in den einschlägigen Darstellungen oft zu kurz kommenden Zeitabschnitt, der aufgrund des plötzlich ausgebrochenen "Bürgerkriegs im Bürgerkrieg", also militärischer Kämpfe innerhalb des republikanischen Lagers, obskur erschien. Es handelt sich um die letzten zwei Monate vor dem endgültigen Sieg Francos am 1. April 1939, quasi den Todeskampf der Republik, nachdem in den ersten Februar-Tagen 1939 die Einnahme Kataloniens durch die Frankisten abgeschlossen worden war. Doch ein großes Gebiet vom Zentrum bis ans Mittelmeer in der Form eines Art Dreiecks (wenn auch in der Realität mit vielen Ausbuchtungen) mit den ungefähren Eckpunkten Madrid, Almería und Valencia war noch nicht besetzt.

Die politische und militärische Führung mit dem Präsidenten Manuel Azaña und vor allem dem Ministerpräsidenten Juan Negrín an der Spitze war zunächst im Zuge der Fluchtbewegung von Katalonien nach Frankreich gelangt. War in dem verbliebenen republikanischen Gebiet noch Widerstand möglich? Musste man nicht etwas tun, um zumindest möglichst vielen Menschen den Fluchtweg übers Meer zu sichern? Die Republik hatte immerhin noch ihre im Juli 1936 weitgehend gesicherte Flotte zur Verfügung.

In diesem Feld bewegten sich die Optionen der republikanischen Regierung. Doch am 27. Februar 1939 erkannten Großbritannien und Frankreich Franco an, obwohl dieser noch nicht die Hauptstadt erobert hatte. Präsident Azaña trat daraufhin demoralisiert zurück, während Negrín bereits zwei Wochen zuvor in die republikanische Zone zurückgekehrt war, um den Widerstand trotz ständig schlechter werdender Versorgungslage zu organisieren. Die Konflikte zwischen den verschiedenen politischen Kräften verschärften sich. Eine allgemeine Stimmung der Entmutigung machte sich breit, die einen weiteren Widerstand aussichtslos erscheinen ließ.

Konnte Negrín sich noch auf seine schwindende Anhängerschaft in der Sozialistischen Partei und vor allem auf die kommunistische Partei stützen, fanden sich, orchestriert durch den Chef der republikanischen Armee in dieser Zone, der Oberst Segismundo Casado, die anderen politischen Kräfte von den "nicht-negrinistischen" Strömungen bei den Sozialisten über Anarchisten und bürgerliche Republikaner mit einem wichtigen Teil des Militärs in der Hoffnung zusammen, mit dem offensichtlichen Sieger eine Art ehrenvolle Übergabe auszuhandeln. Dafür erforderlich war der Kampf gegen Negrín und die ihn stützenden Truppenteile. Daher kam es am 5. März 1939 in Madrid zu einem Putsch.

Doch die Hoffnungen auf Zugeständnisse Francos trogen, was nicht nur wegen der schon erkennbaren Repressionen absehbar gewesen wäre. Bereits am 9. Februar 1939 hatte Franco ein "Gesetz über politische Verantwortlichkeiten" erlassen, das den Anhängern der Republik grausame Rache ankündigte. Und so trat dies auch ein. Ebenso wie diejenigen, die die Organisation des Widerstands versucht hatten, gerieten auch die Anführer des Casado-Putsches, soweit sie nicht, wie der Oberst selbst, noch hatten fliehen können, in die Repressionsmaschinerie Francos. Und in dem durch den Putsch ausgelösten Chaos war die republikanische Flotte regelrecht (zumeist nach Tunesien) desertiert, statt möglichst vielen Menschen die Flucht zu ermöglichen.

Negríns Strategie beruhte nicht zuletzt darauf, den Kampf bis zu einer Veränderung der internationalen Lage fortzuführen. Diese trat bekanntlich mit dem Einmarsch der deutschen Truppen am 15. März 1939 in Prag ein, doch angesichts der Ereignisse zehn Tage zuvor in Madrid zu spät. Insofern ist es eine Art kontrafaktische Frage, ob diese Hoffnung, angesichts der bereits erfolgten Anerkennung Francos durch die Westmächte, überhaupt realistisch war. Doch es ist immerhin sicher, dass jegliche Aussicht auf größtmögliche Evakuierungen durch den Putsch Casados dahin war. Oder in den Worten Prestons: "an avoidable tragedy".

Die Darstellung basiert auf einer detaillierten Durchsicht der zahlreichen veröffentlichten Quellen, der vielen Memoiren und Rechtfertigungsschriften, von den zeitgenössischen Statements erst gar nicht zu reden. Dazu kommen noch umfangreiche Forschungen in den Archiven, wobei von besonderem Interesse zweifellos der Nachlass Negríns und die britischen Akten sind. Denn insbesondere das Vereinigte Königreich spielte hinter den Kulissen eine intensive Rolle, um den Bürgerkrieg möglichst schnell zu beenden, und Casado hatte dorthin gute Verbindungen. Angesichts der britischen Geheimhaltungspolitik ist es nicht auszuschließen, dass noch Unterlagen etwa des MI6 zurückgehalten werden.

Preston stellt drei Persönlichkeiten in den Vordergrund, ohne alle anderen Protagonisten dabei zu vernachlässigen: Julián Besteiro, Sozialist, der aus einer Art Pazifismus an die Möglichkeit einer gewissen Nachsicht auf Seiten Francos glaubte und dem er Handeln aus Naivität bescheinigt; Casado, bei dem er eine Mischung aus Arroganz, Zynismus und Selbstsüchtigkeit feststellt; Ministerpräsident Negrín, in seiner Darstellung durch die Bemühungen, möglichst viel und viele zu retten, zweifellos der Held, was gegenüber vielen anderen Bürgerkriegsdarstellungen (wie es z.B. auch bei Collado Seidel, 142f., anklingt) eigene Akzente setzt. Nun handelt es sich hier "nur" um eine Schilderung der allerletzten Wochen der Republik statt des umfassenden Verlaufs. Doch zweifellos hat Preston eine wichtige Monographie zu einem kleinen Teil der Bürgerkriegsgeschichte geliefert, die in dieser Detailliertheit und auf der Grundlage der neuesten Forschungsergebnisse einen bedeutenden historiographischen Beitrag darstellt und zugleich wertvolle Hinweise für den Ablauf des gesamten Bürgerkriegs gibt.


Anmerkung:

[1] Vgl. Walter Lehmann: Rezension von: Carlos Collado Seidel: Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts, München 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/12/13986.html.

Reiner Tosstorff