Rezension über:

Florence Chave-Mahir / Julien Véronèse: Rituel d'exorcisme ou manuel de magie? Le manuscrit Clm 10085 de la Bayerische Staatsbibliothek de Munich (début du XVe siècle) (= Micrologus Library; 73), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2015, XII + 232 S., 4 s/w-Abb., ISBN 978-88-8450-667-2, EUR 48,00
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Rezension von:
Albrecht Classen
German Studies, University of Arizona, Tucson, AZ
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Albrecht Classen: Rezension von: Florence Chave-Mahir / Julien Véronèse: Rituel d'exorcisme ou manuel de magie? Le manuscrit Clm 10085 de la Bayerische Staatsbibliothek de Munich (début du XVe siècle), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 5 [15.05.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/05/28138.html


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Florence Chave-Mahir / Julien Véronèse: Rituel d'exorcisme ou manuel de magie?

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Viel häufiger, als eigentlich zu erwarten, entstanden aus der Feder von gelehrten Theologen des Spätmittelalters Bücher, die sich mit Teufelsbeschwörungen beschäftigten. Es scheint im 14. und 15. Jahrhundert gehäuft zu Formen von Besessenheit gekommen zu sein, was die Priester auf den Plan rief, die mit einschlägigen Formeln gegen den Teufel und dessen Dämonen vorzugehen berufen waren.

Florence Chave-Mahir und Julien Véronèse legen hier eine einführende Studie zu solcher Literatur vor, die ebenfalls eine kritische Edition eines solchen Werkes umfasst, heute in der Bayerischen Staatsbibliothek unter der Signatur Clm 10085 aufbewahrt. Religion und Magie sind seit jeher Hand in Hand gegangen, auch wenn die offiziellen Vertreter der Kirche stets heftig gegen Magie kämpften. Aber angesichts von Dämonen, die unschuldige Personen beherrschen und sie zu Wahnsinnigen machen, wie wir heute sagen würden, war es notwendig, mit allen zur Verfügung stehenden kirchlichen Mitteln dagegen vorzugehen. Ein besonders gravierender Fall trat im Nonnenkloster von Santa Lucia di San Ginesio bei Tolentino auf, wo Nicolaus von Tolentino (gestorben 1305) schon sehr früh mit Teufelsbeschwörungen begonnen hatte.

Der erste Teil des beeindruckenden Bandes behandelt eine Vielzahl von Autoren von Exorzismus-Büchern vor allem des 15. Jahrhunderts, als das Phänomen offensichtlich immer größere Ausmaße annahm. So widmen sich die Verfasser Gelehrten wie Nicolas Jacquier (gestorben 1472), Nicolaus von Jauer (ca. 1355-1435), Lagenator von Dieburg (ca. 1380-1440), Heinrich von Gorkum (ca. 1378-1431) und vielen anderen mehr. Viele von ihnen stützten sich explizit auf die große Autorität von Thomas von Aquin und waren gar nicht darum besorgt, selbst der Häresie verdächtigt zu werden, weil sie sich auf festem theologischem Boden bewegten. Sogar Hildegard von Bingen (gestorben 1179) wird als sehr frühes Beispiel angeführt, wie es ja wohl stets ein Grundbemühen der Kirche gewesen zu sein scheint, den Kampf gegen die teuflischen Mächte aufzunehmen, weswegen hier der Hinweis auf Heinrich Kramer (Maller maleficarum, 1486) zu Recht fällt. Chave-Mahir und Véronèse gehen auch auf vergleichbare Werke in der Bayerischen Staatsbibliothek ein, z.B. auf den Codex Clm 23325, wo häufiger Textauszüge aus dem Evangelium und Beschwörungsformeln aus dem alten Pontificale romano-germanicum aufeinander stoßen.

Im zweiten Teil beginnen die Verfasser mit einer detaillierten Beschreibung von Clm 10085, einer Handschrift, die aus einer Kombination von kanonischen Beschwörungsformeln und 'Zaubersprüchen' besteht und genaue Anweisungen vermittelt, wie der Exorzismus praktisch durchgeführt werden sollte - ein Exorzismus, der sogar von Kaiser Karl IV. persönlich angewandt worden sein soll, wie eine Textstelle anzeigt. Die Jungfrau Maria wird sehr deutlich als Helferin in den Vordergrund gerückt, aber primär geht es um einfache sprachliche Formeln wie "Conjuro te" für die Vertreibung des Teufels.

Nicht zu übersehen ist zugleich die starke Tendenz, den Ursprung der Formeln beim altjüdischen König Solomon zu suchen, wie es auch in der Münchener Handschrift Clm 849 der Fall ist, wobei es zu einer faszinierenden Mischung von exorzistischer Sprache und Magie zu kommen scheint, was eine Schautafel am Ende dieses Kapitels (Clm 849 gegenüber dem Pontificale) gut illustriert.

Da es sich bei vorliegender Handschrift um einen codex unicus mit sehr wenigen Fehlern handelt, haben sich die Herausgeber zu Recht darum bemüht, weitgehend eine genaue Transkription vorzulegen; nur wenn Korrekturen angebracht werden mussten, wurde dies im Apparat angemerkt. Dieser besteht praktisch ausschließlich aus Erklärungen zum Text, die aber als extrem wertvoll anzusehen sind und in die Arkana magischer Rituale einführen. Am Ende folgt noch der Abdruck der deutschsprachigen Beschwörungsformeln auf fol. 345-445. Daran schließen sich ein Verzeichnis der konsultierten Handschriften, die Bibliografie, ein Personen- und Ortsregister sowie ein Sachregister an. Man kann sich nur wünschen, dass noch weitere solcher soliden Editionen, die von umfangreichen Einführungen begleitet werden, eher obskure Werke dieser Art wieder ans Tageslicht bringen - Werke, die jedenfalls in ihrer Zeit von großer Bedeutung waren.

Albrecht Classen