Rezension über:

Torsten Fried: Geprägte Macht. Münzen und Medaillen der mecklenburgischen Herzöge als Zeichen fürstlicher Herrschaft (= Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte; Heft 76), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, 502 S., ISBN 978-3-412-22442-4, EUR 69,90
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Rezension von:
Gerd Dethlefs
LWL - Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Gerd Dethlefs: Rezension von: Torsten Fried: Geprägte Macht. Münzen und Medaillen der mecklenburgischen Herzöge als Zeichen fürstlicher Herrschaft, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 12 [15.12.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/12/28071.html


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Torsten Fried: Geprägte Macht

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Für Historiker sind Münzen und Medaillen als Quellengattung ähnlich hermetisch wie Mecklenburg als periphere Geschichtslandschaft entlegen scheint. Beides zu erschließen macht sich Torsten Fried, Kustos des Münzkabinetts am Landesmuseum Schwerin, in seiner 2013 eingereichten und nun im Druck vorliegenden Habilitationsschrift zur Aufgabe.

Frieds Fragestellung folgt dem "cultural turn" der Geschichtsschreibung in den letzten zwanzig Jahren. Politische Herrschaft wird dabei gerade in ihren kulturellen Ausformungen wahrgenommen, nämlich als ein Kommunikationssystem, das nicht nur Texte, sondern auch Bilder, Handlungen, Zeremonien und Rituale nutzt. Den dafür gebräuchlichen Medien sind auch Münzen und Medaillen zuzurechnen - Münzen als das Medium, in denen die ausgebende Obrigkeit den Münznutzern, ihren Untertanen wie Landfremden gegenübertritt, Medaillen als das Mittel, Personen und / oder Ereignisse zu verewigen und differenziertere Interpretationen von Herrschaft an Zeitgenossen und Nachwelt zu vermitteln. Schaumünzen und Medaillen dienten als Gaben an Standespersonen, um in deren Sammlungen ihre Botschaften reproduzieren zu können. Die fürstliche Sammlung selbst wurde damit zu einem Repertoire der politischen Familiengeschichte. Torsten Fried nimmt als Betreuer der früheren herzoglichen Sammlung bei ihrer Analyse eine Doppelrolle ein. Er ist sowohl Adressat wie Exeget der Überlieferung an Münzen und Medaillen mecklenburgischer Herrscher.

Die Fragestellung der Arbeit (11-36) gilt den medialen Aussagen der Umlaufmünzen wie der Schaumünzen und Medaillen zwischen etwa 1650 und 1800: der Ikonografie, dem Einsatz der Münzprägung für "Machtpolitik und Repräsentation", den Gedenkmünzen und ihren Empfängern und ihrer Rezeption, auch im Vergleich zu anderen deutschen Dynastien. Dabei werden die Münzen nach Ikonografie, dem "herrscherlichen Gebrauch" und ihrer Funktion als Gedenkmünzen behandelt (37-150), während die Medaillen in chronologischer Folge analysiert sind (151-327).

Die Fragestellungen des "cultural turn" sind in dieser Breite und bezogen auf die Gesamtheit von Münzen und Medaillen eines Fürstenhauses noch nicht bearbeitet. Vorbildhaft ist etwa das Buch von Dagmar Sommer zu den sächsischen Repräsentationsprägungen mit Architekturdarstellungen, wo auch die Funktion der Schaumünzen nach schriftlichen Quellen akribisch rekonstruiert ist. [1] Fried wertet neben Zeremonialschriften die meist ungedruckte Überlieferung in den Münzakten und Ego-Dokumenten der Herzöge ebenso aus wie er Querverbindungen zu anderen höfischen Kunstgattungen wie Porträtmalerei, Festen, Orden herstellt. Das hebt seine Analyse weit über das Niveau der leider oft nur deskriptiven Katalogwerke, die - von Michael Kunzel sogar aus den Münzakten, also auf archivalischer Basis erarbeitet - schon seit 20 Jahren vorliegen. [2]

Die repräsentative Funktion der Münzprägung untersucht Fried anhand der Ikonografie (39-83): Bildnisse, Devisen, die mehrfach Tagespolitik kommentierten, Wappen und Monogramme, königliche Orden sowohl auf Bildnissen oder als Wappeneinfassung, die den Rang des Herzogs und seine Stellung im Netzwerk der großen Dynastien anzuzeigen vermochten, dann die Münzprägung in politischen Krisen- und Umbruchsituationen (84-124) wie dem Intermezzo der Wallensteinschen Herrschaft in Mecklenburg (1628-1631), der Landesteilung von 1701 und dem Siebenjährigen Krieg. Die Münzprägung als fürstliches Prärogativ war ein wichtiges Statuszeichen gerade in Konkurrenz zu anderen Kleinstaaten und damit ein wichtiges Medium für die Rekonstruktion der "Kulturgeschichte des Politischen" (124; nach Barbara Stollberg-Rilinger). Gedenkmünzen auf dynastische Ereignisse lassen sich fünf zählen (130-148). Vier sind Begräbnistaler, einer auf den Tod eines nachgeborenen Prinzen, drei von Herzoginnen, die bei den Trauerfeiern an - auch auswärtige - Gäste verteilt wurden und offenbar (auch mit Rücksicht auf deren Herkunftsfamilien?, vgl. 148) ein das Prestige und Renommee steigerndes Medium waren. Eine Goldmünze wurde geprägt zur Hochzeit des Schweriner Herzogs 1704, der auch zahlreiche Medaillen herausgab. Die Münzen zum Reformationsjubiläum 1717 ordnen sich in zahlreiche Emissionen deutscher Staaten ein, bleiben aber unkommentiert (133-134). Gedenkmünzen gab es in Mecklenburg viel seltener als in anderen deutschen Territorien.

Am Beginn der Medaillen stehen ein bei der Rostocker Huldigung 1662 verteilter tragbarer goldener Gnadenpfennig für Honoratioren und silberne Auswurfmedaillen für das Volk (161-163) in der Tradition von Kaiserkrönungen. Ihre Aufschrift prangert den Neid des Güstrower Herzogs an und hatte so eine direkte politische Funktion. Dagegen bleibt der Empfängerkreis der in vier Varianten geprägten Gedächtnismedaille für Herzog Gustav Adolf von Güstrow 1696 (164-169) unsicher.

Medaillen entstanden nur selten: zwischen 1692 und 1800 sind 30 Ausgaben der Schweriner Herzöge zu zählen, allein 18 aus der Regierungszeit des Herzogs Friedrich Wilhelm 1692-1713 (169-217). Die Neuverteilung der Gebiete der erloschenen Linie zu Güstrow 1701 allein gab Anlass für sieben teils satirische Medaillen, mit denen der Herzog Stellung bezog und seinen Erfolg feiern ließ. Direkt politisch sollte eine Medaille auf den Vertrag mit der Stadt Rostock 1702 wirken, mit der er dort um Vertrauen warb - letztlich vergeblich. Die übrigen galten dynastischen Festen, seiner Rückkehr von einem Kuraufenthalt 1711 und einem Kirchenneubau zu Schwerin. Seine Nachfolger in Schwerin gaben nur vereinzelt Medaillen heraus (217-301), zum Regierungsantritt, als Personenmedaillen für Geschenkzwecke, bei denen dänische und russische Ordensverleihungen gewürdigt wurden, dann als Prämienmedaillen für Wissenschaft und Kunst. Die Strelitzer Linie brachte gar nur zwei höfische Privatmedaillen und drei Medaillen zum Herrschaftsantritt 1753/1794 hervor (307-327). Diese wurden jeweils an die Elite am Hof und im Lande verteilt - was Kunzel schon 1994 beschrieben hat.

Der Autor bietet aber zu jeder einzelnen Prägung nicht nur eine ikonografische Deutung, sondern auch eine Kontextualisierung zu den Strategien der Herrschaftskommunikation. Die Normen für den Umgang mit dem Medium rekonstruiert er aus zeitgenössischen Traktaten. Auch wenn Medaillen in Mecklenburg eher ausnahmsweise genutzt wurden, kann Fried doch die Funktion dieser höfischen Kunstgattung in vielen Facetten ausleuchten. Für "Publikum und Nachwelt" (1785, 291) geschaffen, bleibt allerdings blass, wer eigentlich die Empfänger der Medaillen waren und was diese mit den Stücken machten (vgl. 242, 276, 320). Gab es Münz- und Medaillensammlungen im Lande neben der herzoglichen (vgl. 148, 285-286)? Besonders die heute hochseltenen, teils nur als Einzelstücke überlieferten Prägungen werfen die Frage nach Reichweite und Wirkung der Schaustücke auf; nur wenige sind in den alten fürstlichen Sammlungen in Berlin, Dresden, Gotha, Hannover und München erhalten, wie Kunzels Katalogen zu entnehmen ist.

Ein Vergleich mit den Medaillen der Herzöge von Württemberg (331-337) zeigt, dass auch dort die Ausgabe von Medaillen für Herrschaft nicht "konstitutiv", sondern "nur ornamentativ" war (339). Fried weist indes überzeugend nach, dass Münzen und Medaillen als Medium im Rahmen fürstlicher Herrschafts- und Kommunikationspraxis "vielschichtige Botschaften" (330) bieten.


Anmerkungen:

[1] Dagmar Sommer: Fürstliche Bauten auf sächsischen Medaillen. Studien zur medialen Vermittlung landesherrlicher Architektur und Bautätigkeit, Berlin 2007.

[2] Michael Kunzel: Das Münzwesen Mecklenburgs von 1492 bis 1872. Münzgeschichte und Geprägekatalog (= Berliner numismatische Forschungen N.F.; Bd. 2), Berlin 1994; ders.: Die Gnadenpfennige und Ereignismedaillen der regierenden Herzöge und Grossherzöge von Mecklenburg 1537 bis 1918 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Mecklenburg B: Schriften zur mecklenburgischen Geschichte; Bd. 9), Rostock 1995.

Gerd Dethlefs