Rezension über:

Dieter Kastner (Bearb.): Die Urkunden des Stadtarchivs Rees. Regesten 1142-1499 (= Inventare nichtstaatlicher Archive; 55), Bonn: Habelt 2015, 330 S., ISBN 978-3-7749-3952-3, EUR 28,50
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Rezension von:
Manuel Hagemann
Erzbischöfliches Archiv Freiburg, Archivstelle Sigmaringen
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Manuel Hagemann: Rezension von: Dieter Kastner (Bearb.): Die Urkunden des Stadtarchivs Rees. Regesten 1142-1499, Bonn: Habelt 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 12 [15.12.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/12/28273.html


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Dieter Kastner (Bearb.): Die Urkunden des Stadtarchivs Rees

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Wer sich bislang mit der urkundlichen Überlieferung der niederrheinischen Stadt Rees befassen wollte, konnte seit 1897 zu den von Robert Scholten und Armin Tille in den Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein veröffentlichten Regesten greifen. [1] Dass diese Übersicht modernen Ansprüchen keineswegs mehr genügt, versteht sich von selbst, zumal die Bearbeiter auf eine Berücksichtigung der im Stadtarchiv verwahrten Urkunden des Hospitals und der Liebfrauenbruderschaft verzichteten, "da der unbedeutende und gleichartige Inhalt dieser Stücke eine solche Arbeit vor der Hand als kaum lohnen erscheinen" [2] ließe.

Mit dem hier zu besprechenden Regestenband legt Dieter Kastner eine Neubearbeitung der wertvollen und reichhaltigen Reeser Urkundenüberlieferung vor. Aus pragmatischen Gründen beschränkt sich das Werk auf die mittelalterlichen Urkunden bis zum Jahr 1499. Insgesamt wurden 478 Stücke erfasst, darunter auch zahlreiche Transfixe und eine Reihe von Schöffenrotuli aus dem Zeitraum von 1392 bis 1429. Neben dem Haupturkundenbestand wurden nun auch die Urkunden der Bruderschaft und des Hospitals bearbeitet. Im Volltext mitgeteilt werden die älteren Stücke bis zum Jahr 1300 - es handelt sich um eine Urkunde des 12. und 17 des 13. Jahrhunderts -, daneben aber auch ausgewählte jüngere Dokumente wie beispielsweise die Statuten des Wollenamts von 1335 oder das Ratswahlprivileg von 1473. Die Mehrzahl der Urkunden wird als gut lesbare Vollregesten wiedergegeben. Aus Nutzersicht besonders erfreulich ist, dass sämtliche Personennamen nicht eingedeutscht, sondern in der originalen Schreibweise wiedergegeben werden, wodurch ärgerliche Verwechselungen vermieden werden, und dass außerdem für zahlreiche Ausdrücke und Formulierungen auch die Quellenbegriffe geboten werden. Grundsätzlich war es ein erklärtes Ziel des Bearbeiters, "bei der Wiedergabe des Inhalts der Urkunden möglichst viel von der Zeit und dem Lokalkolorit des unteren Niederrheins deutlich werden zu lassen" (28).

Dass im Fall von Transfixen die Regesten der jüngeren Urkunden stets der Haupturkunde folgen und an der Stelle, an der sie bei einer chronologischen Einordnung zu erwarten wären, kein Verweis erfolgt, stellt einen kleinen Wermutstropfen dar.

In einer ausführlichen Einführung bietet Kastner einen Abriss der bislang nur unzureichend erforschten Reeser Stadtgeschichte. Bereits vor der Mitte des 12. Jahrhunderts waren Kaufleute in dem am Rhein gelegenen Ort ansässig, der 1188 als oppidum bezeichnet und 1228 durch den Kölner Erzbischof mit Stadtrecht versehen wurde. Schöffen sind ab 1258 nachweisbar. Noch im 13. Jahrhundert erhielt die Stadt eine steinerne Befestigung, die auch dem Schutz vor dem Rhein diente. Nicht frei von Spannungen war das Verhältnis zwischen der Stadt und dem bereits im 11. Jahrhundert gegründeten Marienstift, dessen Kirche zugleich Pfarrkirche war. 1392 gelangte Rees mit dem umliegenden Amt Aspel als Pfand an den Grafen von Kleve und wurde nicht wieder ausgelöst.

Eingebettet in den spezifischen historischen Kontext führt der Bearbeiter exemplarisch Auswertungsmöglichkeiten des Materials vor, beispielsweise hinsichtlich der Flurnamenforschung und der Namenkunde, der historischen Prosopographie und Genealogie, der Territorialgeschichte, der städtischen Wirtschaftsgeschichte oder der Entwicklung der "recht urtümlichen" Stadtverfassung (24). Ein ausführliches Personen- und Ortsregister sowie ein Sachregister schließen den Band ab.

Dieter Kastner hat mit seinem Regestenband eine wesentliche Grundlage für die Erforschung der Geschichte der Stadt Rees gelegt. Freilich ist für dieses Vorhaben auch die im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland (Duisburg) verwahrte urkundliche Überlieferung des Reeser Marienstifts von großer Bedeutung; mit allein rund 870 Stücken bis zum Ausgang des Mittelalters stellt dieser Bestand die städtische Überlieferung wenigstens quantitativ sogar in den Schatten. Eine Neubearbeitung dieses wichtigen Bestands bleibt ein Desiderat.

Doch die Bedeutung des Urkundenbestands des Stadtarchivs reicht auch über die engere Geschichte der Stadt Rees hinaus. In Verbindung mit anderen in den letzten Jahren erschienenen Quellenpublikationen niederrheinischer Urkundenfonds - die zu einem nicht geringen Teil ebenfalls von der Hand Kastners stammen [3] - und aktuell in Arbeit befindlichen Urkundenbüchern - zu denken ist hier beispielsweise an Kalkar und Dinslaken - stellt dieses Regestenwerk einen wichtigen Baustein für eine intensivere historische Erforschung dieser Region dar.


Anmerkungen:

[1] Stadtarchiv zu Rees, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 64 (1897), 150-208.

[2] Ebd., 150.

[3] Beispielsweise: Dieter Kastner (Bearb.): Die Urkunden des Gräflich von Loëschen Archivs von Schloß Wissen. Regesten (Inventare nichtstaatlicher Archive 42-45), 4 Bde., Brauweiler/Bonn 2004-2008; Ders. (Bearb.): Die Urkunden des Stiftsarchivs Xanten. Regesten (Inventare nichtstaatlicher Archiv 48, 49, 53, 54), Bd. 2-5, Bonn 2006-2014.

Manuel Hagemann