Rezension über:

Axel Schildt (Hg.): Von draußen. Ausländische intellektuelle Einflüsse in der Bundesrepublik bis 1990 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte; Bd. 55), Göttingen: Wallstein 2016, 308 S., ISBN 978-3-8353-1808-3, EUR 42,00
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Rezension von:
Sebastian Liebold
Technische Universität, Chemnitz
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Liebold: Rezension von: Axel Schildt (Hg.): Von draußen. Ausländische intellektuelle Einflüsse in der Bundesrepublik bis 1990, Göttingen: Wallstein 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 12 [15.12.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/12/28535.html


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Axel Schildt (Hg.): Von draußen

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Eine Tagung der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte vom Spätherbst 2013 dokumentiert der kaleidoskopartige Band, dessen Teile für sich stehen. Unter dem Dach einer im Bau befindlichen Intellectual History der Bundesrepublik versammelt der Herausgeber deutsche Autoren, die geistige Einflüsse - sei es durch einzelne Akteure oder durch breitere Strömungen - auf die "Bonner" Zeit der Bundesrepublik untersuchen; vertreten sind traditionalistische, progressiv-radikale ebenso wie feministische. Den allgemeineren Anspruch, Ideenimporte "von draußen" als Puzzleteile einer neu zusammengesetzten politischen Kultur - und damit einer "Buntheit" gesellschaftlicher Deutungen - nachzuvollziehen, deklinieren die Autoren auf vielfältige Art: Birgit Aschmann sieht in der fast mystischen Verehrung José Ortega y Gassets einen Grund für dessen Erfolg unter Zeitgenossen. Während Alexander Gallus vom "Traditionstransfer" T. S. Eliots spricht, ist bei Fedor Stepun - Christian Hufen zufolge - die Konturierung des Denkens "im Dialog" (73) unter Emigranten zu beobachten: So konnte der Intellektuelle einerseits zum Vermittler russischer Kultur, andererseits zum außenpolitischen Ratgeber der frühen Bundesrepublik werden. Jean-Paul Sartre hat für Klaus Große Kracht vom Faible der Nachkriegsgesellschaft für das Theater profitiert.

Zwischenfazit zum biographischen Teil: Die Beiträge zu einzelnen Köpfen repräsentieren einen fruchtbaren, in Typenfragen wie sozial- und mediengeschichtlichen Aspekten äußerst innovativen Zweig der jungen Intellectual History. [1] Zugleich markiert etwa der Text über Ortega die Verzweigtheit eines Intellektuellenlebens, in dem die Wirkung bestimmter Ideen und Begriffe teils nur durch einen Fingerzeig erfolgte; viel Rhetorik steckt beispielsweise in Ortegas Goethebuch von 1932, das 1949 auf Deutsch erschien: Vagheit gegenüber damals neuen, Konflikte hervorhebenden Forschungspositionen und das Evozieren individueller Gefühle ermöglichten es ihm, fast jeden Leser anzusprechen. Als "Zeitkritiker Europas" (48) beherrschte es Ortega, Thesen wie den Qualitätsverfall durch demokratische Nivellierung überall auf dem Kontinent zu kommunizieren. Der Aufsatz betrachtet die Wirkung in Deutschland vor allem durch Belege der Vortragsvisite im August 1949. Dass Ortega unmittelbar vorher - im Juli 1949 - mit einer Rede zur "Goethe Bicentennial Convocation" in Aspen im globalen Maßstab eine weitaus stärkere Resonanz erfuhr, bleibt unerwähnt. Dort präsentierten Emigranten und europäische Nicht-Emigranten eine Art westliches Kondensat des zeitgenössischen Goethe-Denkens und gaben einen Impuls, auch die deutsche Nachkriegsgesellschaft in Richtung der unbescholtenen Klassik zu dirigieren. [2] Mithin bliesen auswärtige Intellektuelle zum Teil in dasselbe Horn wie hiesige und gaben in der Zeit grundlegender Modernisierung erwarteten Kulturformeln - wie der einigenden des "Abendlands" - reichlich Nahrung.

Wie bekamen breitere Strömungen in Westdeutschland Rang und Einfluss? Amerikanische Methoden des sozialwissenschaftlichen Arbeitens setzten sich durch, weil zur Demokratisierung der Gesellschaft statistische Evidenz gehörte - daher fanden die frühen Projekte der Carnegie, Ford und Rockefeller Foundation ihre Fortsetzung in der - verschleppten - Rezeption von Talcott Parsons' "Structure of Social Action". Empirische Herangehensweisen, das zeigt Thomas Mergel, ließen etwa die Soziologen Arnold Gehlen und Helmut Schelsky zugunsten historischer Argumentationsmuster außen vor, bevor sie auf den Zug aufsprangen und plötzlich "schon immer" den Strukturfunktionalismus als wichtige Richtung betitelten. Erst als diese selbst Konkurrenz bekam, verbreiterte sich die Wahrnehmung. Am Rande vergleicht der Autor diese Rezeptionsgeschichte mit jener der in Chicago entwickelten Stadtsoziologie, die wohl "einem ganz untheoretischen Zeitbedürfnis" wegen schmaler ausfiel (127). Kaum Erfolg hatte das mediale Anliegen Ernest Bornemans, einen Fernsehsender nach englischem Modell zu etablieren, weil dem Privatfernsehen heftige kulturelle Kritik entgegenschlug und weil deutsche Angestellte des Senders - oft mit "brauner" Biographie - nicht bereit waren, britische Erfahrungen für ein deutsches Publikum umzusetzen (131). Zudem befürchteten politische wie unternehmerische Akteure den Einflussgewinn von "sozialistischen und linksintellektuellen Kräften" (137). Einen Kulturtransfer durch ein "Übermaß ausländischer Serien" lehnten die Deutschen um 1960 ausweislich einer Umfrage von Allensbach mehrheitlich ab (144). Vor allem das ZDF habe als konservativer öffentlicher Sender Methoden und bereits produzierte Sendungen dann vielfach übernommen - und so indirekt zu einer Modernisierung der Medienlandschaft beigetragen.

Bei weiteren Sondierungsversuchen über ausländische Einflüsse lässt sich nicht mehr übersehen: Ein Vergleich hätte dem Band gut getan. Linke Einflüsse wie der schillernde Begriff der "internationalen Solidarität" (Andreas Eckert betont, wie kritiklos diese Bewegung oft war) und linke Radikalisierungstendenzen aus Italien (Petra Terhoeven hebt die Faszination der "heroischen Tat" hervor) sowie der von Thomas Kroll beschriebene "Eurokommunismus" und feministische Einflüsse aus Amerika in Ute Gerhards Lesart stehen recht unvermittelt neben dissidentischen Impulsen von osteuropäischen Intellektuellen, deren Wirkung Hans-Jürgen Bömelburg treffend als "schwach" bewertet - abgesehen vom zivilen Ungehorsam als einer bereitwillig aufgegriffenen Ausprägung des spätsozialistischen Staatsbürger-Engagements. Die von Pascal Eitler in einem vagen Tableau umrissenen afrikanischen und asiatischen Einflüsse hätten, obgleich er Instruktives über gewandelte Religionsideen in Folge von "New Age" (292) und über die Bedeutung von Sexualität und Gewalt berichtet, besser in abgegrenzten Berichten Platz gefunden.

Aus der Reihe tanzt der Beitrag von Michael Hochgeschwender. Mit Verve zeichnet er das sukzessive Verschwinden des Nationalkonservatismus nach. Ein "hegemoniales liberalkonservatives Lager" (152) habe alle radikaleren Strömungen zu Minoritäten gemacht. Wenn er die transatlantische Einigkeit der Liberalkonservativen betont, fallen indes antiwestliche Köpfe wie Andreas Hermes, der auf deutsche Einheit und die Kontinuität einer auf alten Werten fußenden Kultur setzte, weg. Wie deutsche Konservative auf die Verwestlichung reagierten? Oft mit "Selbstmitleid" (156). Erhellend ist, wie der Autor parteipolitische Positionen sieht: Anders als britische Tories und amerikanische Republikaner seien CDU und CSU als Sammelbecken verschiedener Richtungen "Koalitionen opportunistischen Machterhalts" (164) eingegangen. Tiefergehenderes hätte sich der Rezensent über den transatlantischen Zwist in der Frage des immer stärkeren "Staatsinterventionismus" (183) gewünscht, der Etatisten und Marktgläubige oft entzweit. Die Internationalisierung ursprünglich deutscher ordoliberaler Ideen in der Gegenwart stärkt jedenfalls Hochgeschwenders gut durchdachte Perspektive: Intellektuelle Einflüsse sind keine Einbahnstraße.


Anmerkungen:

[1] Vgl. statt vieler: Frank Schale / Sebastian Liebold: Intellectual History der Bundesrepublik. Ein Werkstattbericht, in: Denkströme - Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften 16 (2016), 97-119.

[2] Die Rede über Goethes Lebensauffassung ist dokumentiert bei: Arnold Bergstraesser (Hg.): Goethe and the Modern Age, Chicago 1950; vgl. John O'Rear: The Aspen Story, New York 1966; Sebastian Liebold: Arnold Bergstraesser und Fritz Caspari in Amerika, in: Intellektuelle Emigration. Zur Aktualität eines historischen Phänomens, hg. von Frank Schale u.a., Wiesbaden 2012, 89-110.

Sebastian Liebold