Rezension über:

Jürgen Finger: Eigensinn im Einheitsstaat. NS-Schulpolitik in Württemberg, Baden und im Elsass 1933-1945 (= Historische Grundlagen der Moderne), Baden-Baden: NOMOS 2016, 603 S., ISBN 978-3-8487-2174-0, EUR 119,00
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Rezension von:
Marie Muschalek
Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Empfohlene Zitierweise:
Marie Muschalek: Rezension von: Jürgen Finger: Eigensinn im Einheitsstaat. NS-Schulpolitik in Württemberg, Baden und im Elsass 1933-1945, Baden-Baden: NOMOS 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 12 [15.12.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/12/29005.html


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Jürgen Finger: Eigensinn im Einheitsstaat

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Der Nationalsozialismus ist längst nicht "ausgeforscht". Es fehlen beispielsweise immer noch empirisch belegte Erkenntnisse über das Funktionieren seines anstaltsstaatlichen Machtapparats. Doch die Forschungen sind inzwischen angelaufen: Im vergangenen Jahrzehnt haben nahezu alle Bundesministerien die Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit in Auftrag gegeben. Und auch auf Landesebene - in Bayern und Baden-Württemberg - werden derzeit einzelne Ministerialbürokratien auf ihre NS-Geschichte untersucht. Jürgen Finger hat nun mit seiner beeindruckend dicht dokumentierten und umfassenden Studie über die NS-Schulpolitik in Württemberg, Baden und im Elsass einen wichtigen Beitrag geleistet.

Finger zielt auf eine "Neubewertung der Rolle der Länder in der Schulpolitik und Schulverwaltung des Nationalsozialismus" (22) und betrachtet vor allem politische Entscheidungsmechanismen, die innerhalb des Verwaltungsalltags der Landesministerien stattfanden. Sein Augenmerk gilt den Aushandlungsprozessen zwischen Reichs- und Landesbehörden, die nach seinem Ermessen wesentlich für die Entwicklung der Schulen und die dort eröffneten Lebenschancen für junge Menschen im Nationalsozialismus waren.

Die vier großen Hauptkapitel nähern sich der Frage nach den Handlungsspielräumen der Mittelinstanzen in äußerst unterschiedlicher Art und Weise. Dabei handelt es sich weder um eine rein chronologische noch um eine ausschließlich thematische Gliederung. Auch erfahren die drei Untersuchungsgebiete Württemberg, Baden und Elsass in den Kapiteln jeweils unterschiedliche Gewichtungen. Doch die nicht sofort ersichtliche Gliederungssystematik und das Ungleichgewicht der Untersuchungsräume stören die Lektüre der einzelnen Kapitel nicht, die in sich geschlossen sind und daher auch gesondert gelesen werden können. Alle Kapitel sind reich an exemplarischen Darstellungen, die Fingers übergreifende Argumentation eindrücklich veranschaulichen.

In einem ersten Schritt (Kapitel II) erörtert Finger, wie die Landesregierungen angesichts der Gleichschaltungs- und Umstrukturierungsprogramme des Reichs im bürokratischen Alltag zu Entscheidungen gelangten. Dabei handelten sie "eigensinnig", wenngleich zunächst "reichsfreundlich" (55). Finger geht in diesem Zusammenhang ausführlich auf ein vom württembergischen Kultminister Mergenthaler formuliertes Leitbild ein, das handlungsweisend war: Es forderte "nationalsozialistisches Wollen"(72) und "initiative[s] Handeln" (84) von den Funktionären der Ministerialverwaltung und sicherte somit, dass nationalsozialistische Politik in der Behördenpraxis zum Tragen kam.

Kapitel III widmet sich der Frage, inwiefern sich die von Reich und Ländern initiierten strukturellen Schulreformen in lokal tradierte Bildungssysteme einschrieben und diese veränderten. Anhand ausführlicher quantitativer (vornehmlich topographischer und demographischer) Daten macht Finger deutlich, dass die regionalen Schulsysteme einen "starren, wenig elastischen Rahmen" (51) darstellten. Für die "Herrschaft vor Ort" (477) waren somit Anpassungsleistungen vonnöten. Das Kapitel geht dabei einerseits systematisch nach Schularten und andererseits vergleichend zwischen den Ländern vor.

Finger wendet sich daraufhin der Sondersituation im Elsass zu (Kapitel IV). Hier kann er aufzeigen, dass selbst unter den dramatisch anderen Konditionen einer völkerrechtswidrigen Annexion und trotz des politischen Anspruchs einer radikalen Germanisierung keine "infrastrukturelle Tabula Rasa" (358) gemacht, sondern auf vorgefundenen Strukturen aufgebaut wurde. Diese glichen den badischen Verhältnissen in vielerlei Hinsicht, sodass ein "spiegelbildliches Pendant zum badischen [...] Schulwesen" (472) entstand. Aufgrund der Gebietsbesetzung und der besonderen Stellung des Chefs der Zivilverwaltung im Elsass, der zugleich auch Reichsstatthalter des Gaus Baden-Elsass war, kam es erneut zu Machtaushandlungen zwischen Land und Reich, die sich wiederum auf die Schulpolitik in Baden auswirkten.

Das letzte Kapitel (V) befasst sich mit der Schulverwaltung der Länder in Zeiten des Kriegs. Hier geht Finger stärker als in den vorherigen Kapiteln auf die Lebenserfahrungen von Lehrpersonal und Schülerinnen und Schülern im Rahmen von Kriegsdienst und Kinderlandverschickung ein. Er belegt einmal mehr, wie entscheidend die Bedingungen vor Ort für die Entwicklung von Verwaltungshandeln und Schulpolitik waren. Diese war durch eine Delegierung von Verantwortlichkeiten zurück in die Länder und sogar noch weiter in die einzelnen schulischen Einrichtungen im Zeichen der sogenannten Verwaltungsvereinfachung gekennzeichnet.

Eigensinn im Einheitsstaat belegt überzeugend, dass die Umsetzung der Zentralisierungsbemühungen des Reichs im Schulsektor stark von regionalen Entscheidungsträgern abhing, die die "Normensetzung" mit "lokalen Spezifika in Einklang" (477) brachten. Die Folge war ein "dekonzentrierter Einheitsstaat" (471). Und ganz gleich ob es sich dabei um "württembergische Vorstöße" oder um "badische Zurückhaltung" (477) handelte, diese Aneignungsprozesse waren immer von nationalsozialistischer Weltanschauung und der Volksgemeinschaftutopie geleitet. So kann Finger schließlich bestätigen, dass "die Politisierung der Schulen [...] in den Ländern betrieben" [1] wurde.

Jürgen Fingers Untersuchung ist eine zeitgemäße und empirisch überaus fundierte Studie zur NS-Schulpolitik aus verwaltungsgeschichtlicher Perspektive. Besonders das Kapitel zum Elsass liefert weitreichende neue Einblicke in nationalsozialistisches Verwaltungshandeln - auch über das Feld der Schulpolitik hinaus. Finger verweist auf größere Forschungsdiskussionen dort, wo es angemessen ist und verhandelt diese souverän. Bei allem Fokus auf Techniken und Formalitäten erörtert er somit auch immer wieder die interessante Frage nach dem Zusammenhang von Formalem und Inhaltlichem, von Verwaltung und Ideologie bzw. Politik.

Da es sich um die überarbeitete Fassung einer Dissertation handelt, ist das Buch in Teilen etwas sperrig durch die große Häufung an Quellen- und Literaturverweisen. Erstaunlicherweise wurde ein beachtlicher Bestand im französischen Departementalarchiv Bas-Rhin [2] nicht berücksichtigt. Hinter den ausgiebig beschriebenen Strukturen und tagespolitischen Entscheidungsprozessen scheinen zudem die einzelnen Akteure bisweilen zu verschwinden. Denn mit Ausnahme der Ressortchefs erfährt man nur wenig über die Erfahrungen und Lebensgeschichten der Beamtinnen und Beamten der Länderverwaltungen. Dessen ungeachtet bleibt Jürgen Fingers Analyse ein intelligentes und bestechendes Beispiel moderner Regionalgeschichte und dafür, wie erkenntnisfördernd neue Verwaltungsgeschichte sein kann.


Anmerkungen:

[1] Interview mit Jürgen Finger, http://ns-ministerien-bw.de/2016/07/die-politisierung-der-schulen-wird-in-den-laendern-betrieben-interview-mit-dr-juergen-finger-ueber-die-nationalsozialistische-bildungspolitik-in-baden-wuerttemberg-und-im/; Zugriff am 29.09.2016.

[2] Bestand der Abteilung Erziehung, Unterricht und Volksbildung beim Chef der Zivilverwaltung mit der Signatur AL 128 in den Archives Départementales du Bas-Rhin in Strasbourg.

Marie Muschalek