Rezension über:

Jürgen Schmidt: Arbeiter in der Moderne. Arbeitsbedingungen, Lebenswelten, Organisationen, Frankfurt/M.: Campus 2015, 285 S., ISBN 978-3-593-50340-0, EUR 29,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Mario Boccia
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Mario Boccia: Rezension von: Jürgen Schmidt: Arbeiter in der Moderne. Arbeitsbedingungen, Lebenswelten, Organisationen, Frankfurt/M.: Campus 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 3 [15.03.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/03/27928.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Jürgen Schmidt: Arbeiter in der Moderne

Textgröße: A A A

Jürgen Schmidts Buch beschreibt auf knapp 300 Seiten die Entwicklung vom vorindustriellen Handwerker zum Arbeiter von heute. Im Mittelpunkt stehen die Arbeitsverhältnisse, die Identität und Situation der Arbeitenden beziehungsweise deren soziales Milieu sowie die organisierte Arbeiterbewegung. Arbeit, Lebenswelt und Arbeiterorganisationen können als die entscheidenden Punkte eines Koordinatensystems begriffen werden, in deren Zentrum der arbeitende Mensch steht. Aus diesem Grund geht es im vorliegenden Buch weniger um soziale Strukturen und abstrakte Prozesse. Die Analyse geht vielmehr vom "Individuum in seinen multiplen Identitäten" (11) aus und bezieht den Akteur stets mit ein. Schmidt gelingt es dabei, den inneren Zusammenhang der Bereiche Arbeitswelt, Lebenswelt und Arbeiterorganisation deutlich zu machen.

In einem einleitenden Kapitel stellt der Autor - wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg "Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive" an der Humboldt-Universität zu Berlin - seine Begriffe und Konzepte vor. Mit der neueren Forschung geht Schmidt von einer abnehmenden Bedeutung körperlicher Arbeit und einer damit einhergehenden Veränderung der traditionellen Arbeiterkultur aus. Den "Bedeutungsverlust der Kategorie 'Arbeiter'" (26) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begründet er zum einen mit dem Strukturwandel in den westlichen Gesellschaften - der "Abwickelung" des "Malochers" in den Schlüsselindustrien -, zum zweiten mit dem gesellschaftlichen "Teilhabe-Schub", der durch das allgemeine Wahlrecht und die Regierungsverantwortung von Arbeiterparteien eintrat. Als dritten und vierten Faktor nennt der Autor die Reallohnzuwächse beziehungsweise den Abbau der Lebensrisiken und den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass dem postulierten "Bedeutungsverlust" die Tatsache gegenübersteht, dass große Teile der Bevölkerung - auch in Europa und den USA - einer lohnabhängigen Beschäftigung nachgehen, wenn auch nicht als "blue-collar-worker" in industriellen Großbetrieben.

In den vier folgenden Kapiteln behandelt Schmidt erstens die Lebenswelten und die Milieus der Arbeiter und Arbeiterinnen, zweitens ihre Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbeziehungen, drittens die Arbeiter- und Arbeiterbewegungskultur und viertens die Organisationen, in denen sich die Arbeitenden bewegten. Das Kapitel "Kultur der Arbeit, Arbeiterbewegung und Arbeiterbewegungskultur" sticht dabei besonders heraus. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen unpolitischer Arbeiter- und politischer Arbeiterbewegungskultur werden hier die wesentlichen Merkmale dieser Phänomene äußerst differenziert dargestellt, wobei auch Überschneidungen Berücksichtigung finden. Arbeiterkultur, so Schmidt, war als Subkultur unmittelbar mit der Welt der Arbeit verbunden und "wurzelte [...] in der Erfahrung von Armut" (104). Diese "wiederum setzte Grenzen in der Ausformung der kulturellen Praktiken, Symbole und Werte; gleichzeitig determinierte die Armut die Ausgestaltung dieser kulturellen Muster" (105). Arbeiterbewegungskultur begreift Schmidt dagegen als "sich organisierende Gegenkultur" mit einem "politischen Deutungsrahmen" (147).

Ausgehend von der zentralen Kategorie "Lohnarbeit" entfaltet der Autor ein facettenreiches Panorama, das auch (massen-)kulturelle und ästhetische Phänomene mit einbezieht. Gleichzeitig präsentiert er statistische Daten, die die einzelnen Befunde zu verallgemeinern versuchen. Durch diese Herangehensweise wird im Verlauf der Studie deutlich, wie sehr "Arbeit" an den jeweiligen historischen Kontext gebunden war und welche Strahlkraft sie auch über ihren engeren Bereich ausübte.

In der Darstellungsmethode liegt aber eben dann auch eine grundlegende Schwäche des Buches. Die rein deskriptive Aneinanderreihung erscheint oftmals willkürlich, da Schmidt keine systematische gesellschaftliche und politisch-kulturelle Kontextualisierung der unterschiedlichen historischen Ausformungen von Arbeit vornimmt. Die einzelnen, an manchen Stellen anekdotisch wirkenden Betrachtungen werden nur selten zusammengeführt und bewertet, Zusammenhänge und Differenzen begrifflich kaum näher bestimmt. Der tendenziell kursorischen Betrachtung mangelt es an analytischer Tiefe.

Schmidt behandelt nicht nur Arbeitsformen, die als (klassische) Lohnarbeit gelten können. Im Abschnitt "Unfreie Arbeit, Zwangsarbeit, Pervertierung der Arbeit" (75f.) nimmt er auch die Sklavenarbeit der US-Agrarindustrie der Mitte des 19. Jahrhunderts, das sogenannte Redemptioner-System als "Übergangsphänomen zwischen unfreier und freier Arbeit" (76) und die Zwangsarbeit beziehungsweise Lagerarbeit im Nationalsozialismus in den Blick. Durch die ausschließlich negative Bestimmung als "unfreie Arbeit" streift er die spezifischen Phänomene jedoch nur und erläutert ihren Stellenwert in der Gesamtbetrachtung nicht näher. Eine Festlegung auf formell freie Lohnarbeitsformen wäre hier sinnvoll gewesen.

Eine Einschränkung wird zwar theoretisch im einleitenden Kapitel geleistet, in dem sich der Autor von der "globalen Arbeitergeschichte" abgrenzt, die die Begriffe Lohnarbeiter und Klasse aufgibt, um Arbeit in einem umfassenderen Sinn behandeln zu können. Dabei geraten jedoch, so Schmidt, die "analytische Kraft, die durch die Verknüpfung von Arbeiterschaft und Klasse entstand - besonders durch ihre Fähigkeit, auch das Scheitern von Klassenbildungen zu analysieren - [...] ins Hintertreffen" (31). Obwohl der Autor also eine begriffliche Abgrenzung von Lohnarbeits- zu anderen Arbeitsverhältnissen vornimmt und unterschiedliche Klassenbegriffe und -theorien behandelt, nimmt er trotzdem auch andere Arbeitsformen in den Blick. Angesichts des ohnehin engen Rahmens von knapp 300 Seiten hätte dem Buch eine Begrenzung auf Lohnarbeit in der Moderne aber gutgetan, vor allem weil die Untersuchung sich nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt, sondern global angelegt ist.

Das Buch "Arbeiter in der Moderne" bietet einen guten Überblick über (Lohn-)Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert. Was die Studie schon aufgrund des begrenzten Raums nicht leisten kann, ist die analytische Tiefenschärfung und gesellschaftliche Kontextualisierung der einzelnen Phänomene. Schmidt hat eine breite, über den eurozentristischen Tellerrand hinausgreifende Überblicksdarstellung vorgelegt, die gerade für eine erste Annäherung an das Thema dienlich sein kann.

Mario Boccia