Rezension über:

Phillip N. Haberkern: Patron Saint and Prophet. Jan Hus in the Bohemian and German Reformations (= Oxford Studies in Historical Theology), Oxford: Oxford University Press 2016, XIII + 334 S., ISBN 978-0-19-028073-4, GBP 47,99
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Pavel Soukup
Zentrum für mediävistische Studien, Tschechische Akademie der Wissenschaften, Prag
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Pavel Soukup: Rezension von: Phillip N. Haberkern: Patron Saint and Prophet. Jan Hus in the Bohemian and German Reformations, Oxford: Oxford University Press 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/29087.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Phillip N. Haberkern: Patron Saint and Prophet

Textgröße: A A A

Traditionell bildet das Studium der Memoria von Jan Hus einen wichtigen Bestandteil der Hussitenforschung. Schon anlässlich der fünfhundertjährigen Wiederkehr seines Todesjahres 1915 erschien ein wirkmächtiger Band über Jan Hus "in Leben und Erinnerung des tschechischen Volkes". [1] Im Schatten des offiziösen Marxismus wurde diese Forschungsrichtung dann in "revolutionäre Traditionen" umbenannt, nicht jedoch aufgegeben. [2] Bis heute erfreut sich Jan Hus als "Erinnerungsort" der böhmischen und europäischen Geschichte der Aufmerksamkeit der Historiker. Das 2016 erschienene Buch von Phillip Haberkern reiht sich daher in einen ehrwürdigen Strom der Geschichtsforschung ein, eröffnet aber zugleich eigenständige und durchaus neue Perspektiven.

Der Name des zurzeit an der Boston University wirkenden Verfassers ist in diesem Zusammenhang keineswegs eine Überraschung. Seit Jahren hat er sich als Teilnehmer der Tagungsbiennale The Bohemian Reformation and Religious Practice einen Namen gemacht, welche Historiker und Theologen beiderseits des Atlantiks im fruchtbaren wissenschaftlichen Austausch verbindet. Durch seine früheren Beiträge hat er sich als Kenner der böhmischen sowie deutschen Reformation ausgewiesen. Das hier besprochene Buch schöpft aus dieser doppelten Perspektive und stellt den Abschluss eines mindestens zehnjährigen Forschungsunternehmens dar.

Die Arbeit von Phillip Haberkern besteht aus zwei gleichgewichtigen Teilen, die dem Andenken von Jan Hus im böhmischen utraquistischen und deutschen lutherischen Milieu gewidmet sind. Der erste Abschnitt behandelt die Jahre unmittelbar nach dem Tod des tschechischen Predigers auf dem Konstanzer Scheiterhaufen. Haberkern stellt die Jahre 1415 bis 1419 als eine ungemein dynamische Phase dar, in der die böhmischen Parteigänger von Hus schnell und effizient seine Memoria etablierten. Predigten, Liturgie sowie volkssprachige Lieder verbreiteten rasch das Bild eines unschuldigen Opfers der Feinde von Gottes Wahrheit, kurzum: eines Märtyrers. Vorhandene Mittel der memorialen Praxis wurden eingesetzt, um jüngste Ereignisse als Bestätigung des eigenen Weges zur Erneuerung der Kirche zu interpretieren.

Als dieser Kampf die Form eines regelrechten Krieges annahm, kam der Figur von Jan Hus eine neue Funktion zu. Sein Name wurde, so Haberkern, als eine Art Kriegsgeschrei von beiden Parteien genutzt: für beide waren er und seine Gedanken der ursprüngliche Kriegsgrund. Als die Gegner endlich zu Friedensverhandlungen schritten, konnten die Hussiten auf die Hus'schen Ideen als ein Fundament verweisen, von dem sie nicht abrücken wollten. In der Zeit nach 1436 verschob sich der Akzent der Erinnerung an den heiligen Hus erneut - vom Begründer einer Bewegung zum Patron einer neuen Kirche. Der Autor untersucht die Fülle an Quellen, von Viten über Hymnographie und Predigten bis zur Buch- und Tafelmalerei, die bis zum Ende des 15. Jahrhunderts kontinuierlich produziert wurden. Er zeigt die Rolle von Hus als fürbittendem Heiligen der Utraquisten, wobei er das radikal kontroverse Potenzial des Kultes bis ins späte 15. Jahrhundert hinein sowie seinen apologetisch-abgrenzenden Charakter herausstellt.

Nach der Schilderung der Kommemoration von Jan Hus in der böhmischen Reformation wirft Haberkern die Frage auf, was mit dieser Figur geschah, als es mit Blick auf das Luthertum zu einem dreifachen Wandel kam: die Heiligenfürbitten wurden grundsätzlich in Frage gestellt, der mediale Kontext wurde mit der Durchsetzung des Buchdrucks verändert und das Bewusstsein einer sprachlich-nationalen Gemeinschaft mit dem Märtyrer schwand. Damit kommt der Autor zur Untersuchung der Rollen von Jan Hus in der deutschen Reformation. Er weist darauf hin, dass es die katholischen Gegner von Luther waren, die zuerst eine Kontinuität zwischen dem Luthertum und den früheren "Häresien", einschließlich der böhmischen, suggerierten. In einem Prozess der Selbstbehauptung wandelten die Lutheraner diesen Gedanken in eine eigene historische Tradition um. Hus kam zunächst die Rolle eines "eschatologischen Zeugen" zu. Bei Luther selbst sowie besonders im Werk von Otto Brunfels erscheint Hus als ein früher Kämpfer gegen den Antichrist.

Wenig später, in den 1530er Jahren, wandelte sich Hus zum Propheten. Der Vorgang wies bemerkenswerte Gemeinsamkeiten auf: die berühmte Bemerkung Luthers über die angebliche Prophetie von Gans und Schwan mag am Anfang gestanden haben, die Tragedia Johannis Hus aus der Feder von Johannes Agricola schuf dann das Bild von Hus als göttlich inspiriertem Wahrsager. Die aktuelle Frage eines Kirchenkonzils verlieh der Geschichte von Hus Aktualität; in seiner Person verbanden sich nun Geschichte, Gegenwart und apokalyptische Zukunft.

Die letzten zwei Kapitel sind dem Bild von Hus in der Geschichtsschreibung um die Mitte des 16. Jahrhunderts gewidmet. Die lutherische Historiographie, angeführt von Flacius Illyricus, reagierte auf die Krise nach Luthers Tod mit einer Version der Geschichte, in welcher die Hussiten als Inspiration im ewigen Kampf zwischen der guten und bösen Kirche verstanden wurden. Auf katholischer Seite wiederum versuchte Johannes Cochlaeus, den irrenden Lutheranern jede historische Wurzel abzusprechen, indem er Jan Hus als einen zwar ungehorsamen, theologisch jedoch beinahe orthodoxen Mann beschrieb.

Das systematische Überbrücken von chronologischen sowie geographischen und sprachlichen Grenzen zählt zu den größten Stärken des Buches. Die Meinung, das Jahr 1500 oder 1517 solle keine unüberwindliche Grenze für Forschungsvorhaben und Fragestellungen darstellen, scheint heutzutage herrschende Lehre in der Geschichtswissenschaft zu sein. Doch sind Studien selten, die einen breit angelegten strukturellen Vergleich klar definierter Phänomene beiderseits der epochalen Grenze betreiben. Im vorliegenden Fall ist das Verdienst umso größer, als hier der Problemkomplex der böhmischen Reformation ins Gespräch mit der "klassischen" deutschen Reformation gebracht wird.

Das Ziel der vorliegenden Monographie beschreibt der Autor selbst folgendermaßen: zu verstehen, wie die Kommemoration dieses "häretischen Heiligen" zur Bildung zweier Kirchen beitrug, die beide in Opposition zu Rom standen. Um dieses Ziel zu erreichen, trifft der Verfasser bewusst eine Auswahl aus den zur Verfügung stehenden Themenfeldern. Er weist darauf hin, dass radikale Strömungen in Böhmen wie auch in Deutschland, die Brüderunität und Thomas Müntzer absichtlich beiseitegelassen wurden. Eine noch wesentlichere Entscheidung des Autors war, um 1500 Böhmen ganz zu verlassen und sich weiterhin nur auf Deutschland zu konzentrieren. Der böhmische Utraquismus entwickelte sich natürlich weiter. Die parallel entstandene und beinahe gleichzeitig veröffentlichte Abhandlung von Ota Halama verfolgt Hus' Nachleben in Böhmen und Mähren bis zur Rekatholisierung im frühen 17. Jahrhundert, wobei sie wiederum die Lutheraner im Reich außer Acht lässt. [3] Bemerkenswert ist allerdings, dass dort, wo die Bücher die gleiche Problematik behandeln, sie übereinstimmende Schlüsse bezüglich der Phasen und Schwerpunkte von Hus' Memoria ziehen.

Phillip Haberkern konzentriert sich also auf die Kerngemeinschaften beider Bewegungen in den formativen Etappen ihrer Entwicklung. Er rekurriert dabei auf eine respektable Menge an schriftlichen Quellen. Bildliche Quellen werden gleichfalls herangezogen, doch unterbleibt eine systematische ikonographische Analyse des vorhandenen Materials. Der historische Kontext von einzelnen Erinnerungsformen an Jan Hus wird konsequent geschildert, so dass sich das Buch streckenweise als eine konzise Geschichte der mitteleuropäischen Reformationen liest. Die Gestalt von Jan Hus bietet dem Autor die Gelegenheit, den Prozess der Traditions(er)findung zu beleuchten, der zwei religiösen Bewegungen dazu verhalf, sich zu Kirchen zu entwickeln. Nachdenklich formulierte Antworten auf klar gestellte Fragen machen seine Arbeit zu einem brillanten Buch, das aus der umfangreichen Produktion der letzten Jahre zu Jan Hus deutlich heraussticht.


Anmerkungen:

[1] Kamil Krofta u.a.: Mistr Jan Hus v životě a památkách českého lidu, Prag 1915.

[2] František Kavka: Husitská revoluční tradice, Prag 1953.

[3] Ota Halama: Svatý Jan Hus. Stručný přehled projevů domácí úcty k českému mučedníku v letech 1415-1620, Prag 2015.

Pavel Soukup