Rezension über:

Axel Gotthard: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung (= UTB; 4555), Stuttgart: UTB 2016, 390 S., ISBN 978-3-8252-4555-9, EUR 24,99
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Anuschka Tischer
Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Anuschka Tischer: Rezension von: Axel Gotthard: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung, Stuttgart: UTB 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/29396.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Axel Gotthard: Der Dreißigjährige Krieg

Textgröße: A A A

Zentrale Staatsexamina und andere standardisierte Prüfungsformen, wie sie in der Geschichtswissenschaft üblich geworden sind, setzen konzise Lehrwerke voraus. Auf dieses Bedürfnis will Axel Gotthard mit seiner Darstellung des Dreißigjährigen Krieges reagieren. Als Leser seiner von ihm selbst als "Büchlein" bezeichneten 390 Seiten sieht er "eine Bachelorstudentin [...], eher im Grund- als im Hauptstudium" oder "den Examenskurs [...], der Grundwissen wieder auffrischen und fürs schriftliche Staatsexamen fit machen soll" (11f.). Der Dreißigjährige Krieg ist ein beliebtes Prüfungsthema. Ihn in Form einer solchen Einführung zu präsentieren, erfordert ein hohes Maß an Fachwissen ebenso wie die Fähigkeit zur souveränen Darstellung. Beides besitzt Gotthard zweifellos.

Das zeigt bereits die Gliederung, denn Gotthard widersteht der Versuchung, sich an eingefahrenen Strukturen und Themenschwerpunkten oder der Chronologie entlang zu arbeiten. Er bereitet den Dreißigjährigen Krieg in fünf Großkapiteln auf. Thematische Perspektiven wechseln sich dabei mit sogenannten Ereignisabfolgen ab. Der Leser bekommt somit ein chronologisches Grundgerüst des Krieges, das durch die Zeittafel am Schluss ergänzt wird, und wird zugleich an komplexere Sichtweisen herangeführt. Der Vorgeschichte räumt Gotthard dabei einen ausführlichen Platz sein. Sie umfasst, beginnend beim Augsburger Religionsfrieden von 1555, das gesamte erste Kapitel. Die Ereignisgeschichte des Krieges unterteilt Gotthard in den "großen deutschen Konfessionskrieg" von 1618 bis 1630 (Kapitel 2) und die Ausbreitung des Krieges nach Mitteleuropa als "Bühne von Großmachtrivalitäten" von 1630 bis 1648 (Kapitel 4). Kapitel 3 widmet sich dem Militär und den Kriegsfolgen, Kapitel 5 dem "langen Weg zum Frieden", ein Kapitel, das nicht bloß die reinen Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück und die Implementierung des Friedens mit dem Nürnberger Exekutionstag 1649/50 beleuchtet, sondern auch die Interpretation des Krieges.

Es gelingt Gotthard, die unterschiedlichen Perspektiven zu einer schlüssigen Darstellung zu verbinden. Er benennt und erläutert eine Fülle von Fakten aus der Spanne eines Jahrhunderts, ohne sie bloß aneinander zu reihen. So kann der Leser nachvollziehen, wie sich aus dem Religionskrieg durch die Verfestigung der Spaltung, durch vertragliche Unklarheiten und durch den Generationenwechsel der neue Krieg aufbaute, wie das neuzeitliche Söldnerwesen ihm die bekannten Ausmaße gab und wie sich schließlich die Suche nach Frieden mühevoll gestaltete und über den Vertragsschluss hin zog. Die Akzente, die Gotthard setzt, bürsten dabei oftmals eingefahrene Sichtweisen gegen den Strich, wenn er zum Beispiel aufzeigt, dass der Graben zwischen Lutheranern und Reformierten mitunter tiefer war als der zu den Katholiken, oder wenn er das Konfliktpotential in der Gesellschaft und die Rolle der Medien analysiert und die Verantwortung für den Krieg damit nicht nur bei der Politik sieht. Klischees wie das von der vermeintlichen Souveränität der Reichsstände, die längst widerlegt sind, aber dennoch selbst in der Fachliteratur weiter kolportiert werden, brandmarkt Gotthard mitunter mit scharfen Worten als solche. Das lässt hoffen, davon in Prüfungen künftig weniger zu hören oder zu lesen. Strukturelle Betrachtungen wechseln sich in der Darstellung mit zeitgenössischen Aussagen und konkreten Beispielen ab, sodass vermittelt wird, was der Krieg als Ganzes, aber auch, was er für den einzelnen oder eine Region vor Ort bedeutete. Resümierende Glossen fassen das Gesagte immer wieder zusammen.

Wer dieses Buch gelesen und verstanden hat, besitzt ein Grundgerüst an Fakten und Einsichten, mit denen man in eine Prüfung hineingehen kann. Allerdings wird gerade derjenige, der die so präparierten Studierenden künftig prüft, mit mancher Tendenz nicht zufrieden sein. Dem Leser wird suggeriert, dass die Quellenlektüre ihn überfordern könne ("Der komplexe Text [des Augsburger Religionsfriedens] ist modernen Lesern nur schwer zugänglich", 14), oder dass es Dinge gäbe, die er nicht wissen muss ("Das chronologische Nacheinander in Westfalen soll uns nicht näher interessieren", 325; "Was wir über die westfälischen Friedensschlüsse wissen müssen", 327). Gotthard befriedigt den Wunsch nach kompaktem, abprüfbarem Wissen, nach apodiktischen Aussagen und nach klaren Antworten. Er kommt damit studentischen Bedürfnissen entgegen, nicht aber dem wissenschaftlichen Anspruch an das Geschichtsstudium.

Der Leser hat keine Möglichkeit, Aussagen oder Zitaten nachzugehen, da Gotthard auf Anmerkungen verzichtet. Am Schluss steht lediglich eine kommentierte Bibliografie, die aber nur einen Teil der namentlich erwähnten Autoren enthält. Zur Hälfte besteht sie aus Gotthards eigenen Titeln, auf die er für Belege pauschal verweist. Daran scheitert man auch als erfahrener Historiker, für den Gotthard zwar nicht schreibt, der aber in dem Buch durchaus interessante Tatsache und Quellenaussage finden kann, die er vielleicht gerne durch weitere Lektüre vertieft hätte. Der Studierende wiederum, der in die Prüfung geht, sollte wissen, dass so manches, was er in diesem Buch liest, in der Forschung umstritten ist oder anders gesehen wird, so die Unterteilung in einen deutschen Krieg und daran zeitlich anschließend einen Krieg der europäischen Großmächte. Die großen Standardwerke der letzten Jahre betonen gerade die von Anfang an europäische Dimension. Peter Wilsons umfangreiche Monografie von 2009 [1] wird allerdings gar nicht aufgeführt, Christoph Kampmanns Neubewertung nur in der Erstauflage von 2008, obwohl bereits eine umfangreich erweiterte zweite Auflage existiert. [2]

Trotz der genannten Einwände bleibt aber festzuhalten, dass Gotthard insgesamt eine gut lesbare, inhaltlich anspruchsvolle und dabei verständliche und anschauliche Einführung in den Dreißigjährigen Krieg vorgelegt hat, die angesichts eines überschaubaren Angebots zu diesem Thema insbesondere zu Studienzwecken ihre Berechtigung besitzt.


Anmerkungen:

[1] Peter H. Wilson: Europe's Tragedy. A History of the Thirty Years' War, London 2009.

[2] Christoph Kampmann: Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg. Geschichte eines europäischen Konflikts, 2. Aufl. Stuttgart 2013.

Anuschka Tischer