Rezension über:

Adam Daniel Rotfeld / Anatoly Torkunov (eds.): White Spots - Black Spots. Difficult Matters in Polish-Russian Relations 1918-2008, Pittsburgh, Pa.: University of Pittsburgh Press 2015, ISBN 978-0-8229-4440-9, USD 65,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Bernd Bonwetsch
Ebeltoft
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Bonwetsch: Rezension von: Adam Daniel Rotfeld / Anatoly Torkunov (eds.): White Spots - Black Spots. Difficult Matters in Polish-Russian Relations 1918-2008, Pittsburgh, Pa.: University of Pittsburgh Press 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 5 [15.05.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/05/30381.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Adam Daniel Rotfeld / Anatoly Torkunov (eds.): White Spots - Black Spots

Textgröße: A A A

2002 wurde durch die Präsidenten Polens und Russlands die Bildung einer "Gruppe zu schwierigen, sich aus der Geschichte der polnisch-russischen Beziehungen ergebenden Problemen" beschlossen. Allerdings trat die Gruppe nach ihrer Konstituierung 2005 nur noch einmal zusammen und stellte dann die Arbeit ein: Der Wahlsieg der Partei 'Recht und Gerechtigkeit' (PiS) hatte dem Versuch der Historiker, ein unpolemisches Gespräch zu führen, ein Ende bereitet. Erst nach der Wahlniederlage von PiS 2007 wurde die Arbeit dank der Initiative der Ministerpräsidenten Donald Tusk und Vladimir Putin durch die neuformierte "Polnisch-Russische Gruppe für schwierige Fragen" unter dem Co-Vorsitz des ehemaligen polnischen Außenministers Adam Daniel Rotfeld und des Rektors der Moskauer Universität für Internationale Beziehungen Anatolij V. Torkunov wiederbelebt. Sie hat seitdem eine zweifellos nützliche Arbeit geleistet. Allerdings bleibt angesichts der permanent mit historischen Argumenten geführten politischen Polemik in beiden Ländern die Frage nach der Wirkung des Historikergesprächs auf die öffentliche Meinung fraglich. Der erneute Wahlsieg der PiS und die Wiederaufnahme von Untersuchungen zur Flugzeugkatastrophe vom 10. April 2010 lassen nichts Gutes erwarten.

Das wichtigste Ergebnis der Arbeit der "Gruppe" liegt seit 2010 auf Russisch und Polnisch und nun auch auf Englisch vor. Die englische Fassung ist gekürzt und enthält laut Vorwort der Herausgeber "hauptsächlich die Zusammenfassungen der ursprünglichen polnischen und russischen Studien" (X). Der wissenschaftliche Anmerkungsapparat ist ebenfalls der Kürzung zum Opfer gefallen. Das Ganze ist mithin für ein allgemeineres Publikum gedacht. Die Struktur der ursprünglichen Publikation wurde jedoch beibehalten: 14 russische und 13 polnische Autoren behandeln in parallelen Beiträgen zentrale und jahrzehntelang umstritten gebliebene Fragen der gemeinsamen Geschichte, gegliedert in insgesamt 14 teils chronologisch, teils thematisch definierte Kapitel. Das letzte, 15. Kapitel behandelt die Archivsituation in beiden Ländern, soweit sie sich aus den Grenzverschiebungen und wechselnden, zum Teil konkurrierenden Ansprüchen auf die betreffenden Archivalien ergeben hat.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes zeigt, dass offenbar die gesamte russisch-polnische Geschichte der behandelten 90 Jahre aus "weißen" bzw. "schwarzen" Flecken besteht. Wer allerdings heftige Auseinandersetzungen der polnischen und russischen Historiker erwartet, wird überrascht feststellen, dass es über die zu interpretierenden Fakten der gemeinsamen Geschichte keine Differenzen gibt und dass auch die Interpretation dieser Fakten keine offenen Kontroversen ergeben hat bzw. dass die Autoren sich anscheinend bemüht haben, diese Differenzen, so sie bestehen, nicht in den Vordergrund zu rücken. So kann man den ganzen Band als nüchtern informierende Geschichte der polnisch-russischen Beziehungen 1918-2008 lesen. Es wird nichts verschwiegen, und die in der öffentlichen Diskussion Polens beliebte Opferrolle wird von den polnischen Historikern mitnichten in Anspruch genommen. Vielmehr zeigen polnische wie russische Historiker, wie Polen versuchte, eine selbständige Rolle in der europäischen Politik zu spielen und dabei auch "Fehler" machte (Sławomir Dębski), wie etwa die Annexion des Teschen-Gebiets und die Nötigung Litauens zur Anerkennung der Zugehörigkeit von Wilna (Vilnius) zu Polen im Zuge der deutschen Gewaltpolitik gegenüber der Tschechoslowakei 1938/39.

Umgekehrt lässt der russische Parallel-Autor (Michail Narinskij) erkennen, dass Moskaus einseitige Beistandszusagen von 1938 gegenüber der Tschechoslowakei keine reale Basis hatten, sondern Moskau nicht gewillt gewesen sei, sich gegenüber Deutschland zu exponieren. Ebenso wenig rechtfertigt er den Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts nach alter sowjetischer Manier als Vorkehrung gegen einen bevorstehenden Angriff Deutschlands, sondern stellt im Gegenteil fest, dass es diese Gefahr im August 1939 nicht gab und dass Stalin den Vertrag mit Deutschland schlicht attraktiver fand als einen mit den Westmächten. Nun könnte man noch vieles nennen, etwa die Darstellung der Situation Polens 1939-1941 "zwischen der Sowjetunion und Deutschland" oder die detaillierte, nüchterne und deshalb umso bedrückendere Schilderung des "Katyn-Massakers" und des jahrzehntelangen sowjetischen Bemühens, die Wahrheitsfindung zu verhindern und den Deutschen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Insbesondere Natalja Lebedeva gebührt hier Anerkennung. Sie hat sich um die dokumentarische Aufklärung von Katyn wirklich verdient gemacht.

Die brüchigen, von Misstrauen geprägten Beziehungen der Kriegszeit zwischen der Londoner Exilregierung und der Moskauer Führung und insbesondere der Warschauer Aufstand werden zwar ebenfalls in ihrer Dramatik geschildert, aber hier ist die Quellenlage auf russischer Seite immer noch so dürftig, dass eigentlich nichts Neues oder Kontroverses mitgeteilt wird. Im Kapitel "Sieg und Versklavung" über das Nachkriegsjahrzehnt ist von polnischer Seite ein glänzender, bitterer Essay von Włodzimierz Borodziej über die zwei wesentlichen, von der Sowjetunion mit fatalen Folgen für Polen bewirkten "Verschiebungen" Polens zu lesen: die geografische nach Westen und die politische nach Osten. Der entsprechende russische Beitrag liefert gleichsam die Einzelheiten dieser "Verschiebungen" nach. Es finden sich auch quellenmäßig gut fundierte Beiträge über die Vorgänge im polnisch-sowjetischen Verhältnis nach dem XX. Parteitag der KPdSU und nach der Gründung und offiziellen Zulassung von Solidarność, die mit der Einführung des Kriegsrechts endete. Insbesondere für den "Weg zur Einführung des Kriegsrechts" am 12. Dezember 1981 wird die Dramatik und Unklarheit der Lage aufgrund der Überfülle von Informationen deutlich gemacht.

Man könnte noch viel hervorheben, etwa die sachliche Erörterung der in der Öffentlichkeit Polens höchst emotional diskutierten Frage, ob die Sowjetunion Polen wirtschaftlich ausbeutete statt Hilfe zu leisten. Aber dazu fehlt hier der Raum. Abschließend soll deshalb nur darauf hingewiesen werden, dass man sich bisweilen etwas mehr "Historikerstreit", etwas mehr Akzentuierung vorhandener oder möglicher Interpretationsdifferenzen, und zwar unabhängig von nationalen Grenzlinien, gewünscht hätte. Diese Aufgabe bleibt dem Leser überlassen. So ist sich Dębski z.B. absolut sicher, dass Stalin in der München-Phase der europäischen Politik Europa destabilisieren wollte. Das ist zumindest strittig, und dass Polen nach 1945 "versklavt" wurde, ist ebenfalls eine These, die man ohne Erörterung von "Kollaboration" nicht einfach akzeptieren sollte. Auch die Vernunft des Warschauer Aufstands - bei allem Respekt für die Opfer - wird nicht im Geringsten in Zweifel gezogen, und die heftig umstrittene Rolle Wojciech Jaruzelskis bei der Verkündung des Kriegsrechts wird ebenfalls nicht sichtbar. So wären noch viele Punkte zu nennen, aber um es zu wiederholen: Mögliche Interpretationsdifferenzen muss der Leser selbst herausfinden. Eine hervorragende Basis dazu hat er mit den "weißen und schwarzen Flecken" in jedem Falle.

Bernd Bonwetsch