Rezension über:

Simone Vezzoli: Arcesilao di Pitane. L'origine del platonismo neoaccademico, Turnhout: Brepols Publishers NV 2016, 300 S., ISBN 978-2-503-55029-9, EUR 65,00
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Rezension von:
Kilian Fleischer
University of Oxford
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Kilian Fleischer: Rezension von: Simone Vezzoli: Arcesilao di Pitane. L'origine del platonismo neoaccademico, Turnhout: Brepols Publishers NV 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 7/8 [15.07.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/07/30066.html


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Simone Vezzoli: Arcesilao di Pitane

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Simone Vezzolis Monographie beleuchtet im ersten Teil die Philosophie des Arkesilaos unter den Gesichtspunkten ihres spezifischen Skeptizismus und ihres Verhältnisses zur Philosophie Platons (Analisi - 15-147). Der zweite Teil stellt eine Sammlung von Testimonien zu Arkesilaos samt Übersetzung dar (Fonti - 149-273).

Die moderne Forschung und auch antike Quellen verbinden mit der Übernahme der Leitung der Akademie durch Arkesilaos (268/264) meist eine Zäsur. Mit ihm begann die Phase der "Skeptischen Akademie" oder auch "Neuen Akademie". Er bestritt eine gesicherte, sinnliche Wahrnehmung der Welt (ἀκαταληψία = Unfassbarkeit der Erscheinungen), weshalb auch die Gegenstände des Denkens unscharf bleiben müssen. Somit sind sämtliche (philosophische) Aussagen letztlich nur eines Weisen unwürdige Meinungen. Als Konsequenz bleibt nur die ἐποχὴ περὶ πάντων (universale Enthaltung). Die moderne wie antike Kontroverse dreht sich nicht zuletzt um die Frage, inwieweit Arkesilaos mit dieser Haltung in der Tradition Platons steht.

Im ersten Teil entfaltet Vezzoli zunächst die Philosophie des Arkesilaos im Kontext der Debatte mit anderen Schulen, besonders der Stoa (15-78), bevor er sich dem "Platonismus" des Arkesilaos widmet (79-147). Vezzoli nennt gleich als ein zentrales Ergebnis, dass die Philosophie des Arkesilaos bereits in nuce in den Dialogen Platons enthalten sei.

Der erste Hauptabschnitt des ersten Teiles beginnt mit einer kompakten Einführung in die dialektische Methode des Arkesilaos. Die Quellen schreiben ihm sowohl "contra omnia disserere" als auch die "disputatio in utramque partem" zu. Somit beschränkte er sich nicht nur auf die Destruktion gegnerischer Argumente, sondern argumentierte auch im Sinne der ἰσοσθένεια (Gleichgewicht) für verschiedene Standpunkte (17-21). Weitaus ausführlicher ist das zweite Kapitel zur Epistemologie (21-61). Arkesilaos nahm im Gegensatz zu den Stoikern an, dass es κατάληψις (Erfassung) nicht geben können und eine Zustimmung (συγκατάθεσις) niemals statthaft sei, da alle Dinge ἀκατάληπτα (unerfassbar) seien (21-25). Vezzoli zeigt das Verhältnis zur stoischen Auffassung (26-27) auf. Arkesilaos bezichtigte bereits den stoischen Nexus von κατάληψις und συγκατάθεσις der προπέτεια (Voreiligkeit) (29-33) und führte ins Feld, dass eine καταληπτικὴ φαντασία (richtige Erkenntnis vermittelnde Vorstellung) nicht von einer falschen Erkenntnis vermittelnden Vorstellung zu unterscheiden sei. Die Neue Akademie versuchte mit in fünf Kategorien eingeteilten Argumenten diese Aussage zu beweisen. Arkesilaos nutzte insbesondere Alltagsbeispiele um den trügerischen Charakter von Sinneswahrnehmungen zu demonstrieren. Ebenso verwies er auf den φαντασίαι (Vorstellungen) ähnliche φαντάσματα (Einbildungen) (34-38). Da es letztlich keine Garantie gäbe, dass irgendetwas mit Sicherheit eine καταληπτικὴ φαντασία übermittelt, folgt als Konsequenz die ἐποχή (39-43). Arkesilaos habe die Dinge aber nicht notwendigerweise ihrem Wesen nach für nicht erfassbar gehalten (44). Vezzoli reflektiert das Verhältnis und die Konnotationen der Begriffe ἀσυγκατάθεσις (Nicht-Zustimmung) und ἐποχή sowie der ἀξιώματα (Urteile) (45-46). Er führt überzeugend aus, dass Arkesilaos seine skeptischen Ansichten nicht nur argumenti causa anbrachte (47-49). Auch seien ἀκαταληψία und ἰσοσθένεια zwei Seiten derselben Medaille, welche beide die universale ἐποχή bedingten (49-51). Bezüglich des Begriffs ἄδηλον (unklar) hält Vezzoli fest, dass in ihm nur eine scheinbare Unklarheit zum Ausdruck komme, da die Dinge nur dem Rezipienten als ἀκατάληπτα erscheinen müssen (52-54). Der Skeptizismus des Arkesilaos kann schwerlich als "dogmatische" Philosophie gelten (56-58). Vezzoli resümiert abschließend die wichtigsten Ergebnisse dieses Kapitels. Die ἐποχή sei für Arkesilaos nicht das τέλος (Ziel), sondern nur Mittel zum Erreichen von Glück gewesen (59-61).

Das dritte Kapitel (61-78) ist der Ethik und Handlungstheorie gewidmet. Billigt man die ἐποχὴ περὶ πάντων, stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien man im Alltag handeln soll und ob ein Handeln überhaupt noch möglich ist. Nach Sextus scheint die Handlungsethik des Arkesilaos (ironischerweise) sehr ähnlich derjenigen der Stoa. Ziel des Lebens ist das Glück (εὐδαιμονία), welches durch φρόνησις (sittliche Vernunft) erreicht werden kann, welche wiederum dem κατόρθωμα (sittlich-richtige Tat) entspringt, welches wiederum eine Handlung ist, die dem Kriterium des εὔλογον (Wohlbegründete) genügt (61-64). Der Terminus εὔλογον scheint sich auch auf wohlbegründete Überlegungen zu Handlungen im Voraus zu beziehen (66-69). Einige Folgerungen von Vezzoli sollten unter einem gewissen Vorbehalt stehen, da unsicher ist ob die andere Stelle zur Handlungsethik bei Plutarch auf Arkesilaos zurückgeht (69-74). Vezzoli versucht eine Harmonisierung der beiden Stellen (74-75). Zu anderen ethischen Standpunkten des Arkesilaos äußert er sich knapp am Ende von Teil I. Der Akademiker wandte sich offenbar gegen das Postulat eines Naturrechts (75-78).

Der zweite Hauptabschnitt des ersten Teils (Il platonismo di Arcesilao - 79-147) beginnt mit einem Kapitel zur Einheit der Akademie und zeichnet kurz den Werdegang des Arkesilaos bei verschiedenen Lehrern nach (79-82). Für die Kontinuität der Akademie Platons sind diverse antike Einteilungen der Zeit von Platon bis Antiochos von Askalon in bis zu fünf Phasen aufschlussreich. Arkesilaos selbst sah sich als Akademiker in der Tradition Platons (82-88).

Das zweite Kapitel (88-101) vergleicht das methodologische Vorgehen von Arkesilaos und Platon. Die von Arkesilaos adaptierte Form des contra omnia disserere und das ἔλεγχος-Konzept (Widerlegung) seien nicht weniger platonisch als sokratisch (88-89, 101). Arkesilaos' skeptische Interpretation Platons stütze sich sowohl auf das Format des Dialogs selbst als auch deren inhaltliche Ausgestaltung. Bereits antike Autoren listeten Charakteristika der Dialoge auf, die einer solchen Interpretation Platons Vorschub leisten. Darüber hinaus hätten das nicht-dogmatische Wesen der Dialoge sowie die psychagogisch-erzieherische Intention einen Einfluss auf Arkesilaos gehabt. Letztlich stehe er gleichermaßen in der Tradition Platons wie Sokrates' (90-101).

Das dritte Kapitel vergleicht die Epistemologie von Arkesilaos und Platon (101-135). Arkesilaos' Kritik am stoischen Konzept der καταληψία sei bereits in der platonischen Dichotomie von δόξα (Meinung) und ἐπιστήμη (Wissen) vorgezeichnet (101-104). Vezzoli skizziert die vier Kernsätze der Stoa, gegen welches sich Arkesilaos richtet, sowie seine drei prinzipiellen Antworten. Vezzoli erweitert ein schon zuvor entwickeltes Schema und geht der Frage nach, inwieweit Platon Dogmatiker war und die Annahme von ἀκαταληψία schon in seinen Dialogen greifbar ist. Arkesilaos habe seinen "Skeptizismus" aus der Gesamtheit des platonischen corpus entwickelt (105-115). Platons Idealismus habe die Kritik am stoischen Materialismus seitens Arkesilaos begünstigt (116-124). Seine skeptische Grundhaltung ist letztlich durch das Verlangen bedingt, jegliche dem Weisen unwürdige δόξα zu vermeiden, was in Platons Konzeption von ebenjenem Begriff wurzele. Die arkesilaische Unklarheit aller Dinge (ἄδηλα) wird von Platon nicht explizit vertreten, hat aber nach Vezzoli ihren Ursprung bereits in einigen Gedanken Platons (etwa Höhlengleichnis), die nur ins Extreme weiterentwickelt wurden. Auch die ἐποχή sei letztlich eine Fortentwicklung platonischer Dialogpassagen (125-133). Vezzoli streift auch kurz die transzendentale Komponente von Arkesilaos' Philosophie, die im Vergleich zu Platon nicht sehr ausgeprägt war (134-135).

Das vierte und letzte Kapitel beschäftigt sich wieder mit der Handlungstheorie (135-147). Vezzoli erinnert zunächst an die Hauptquellen zur Handlungstheorie des Arkesilaos und identifiziert vier Kernpunkte. Die ersten beiden Punkte, Streben nach dem οἰκεῖον (Zuträgliche) und ὁρμή (Handlungsimpuls), seien schon in einigen platonischen Dialogen zu finden (135-139) und auch der dritte Punkt spiegele Ansätze Platons wider (139-140). Ferner fände die Rolle der φρόνησις für ein glückliches Leben und das Kriterium des εὔλογον einen Widerhall in platonischen Passagen (140-144). V. konzediert, dass es trotz manch ähnlicher Elemente unsicher bleibt, ob Arkesilaos tatsächlich die genannten Passagen im vorgeschlagenen Sinne gelesen und interpretiert hat. Zum Ende des Kapitels thematisiert er noch die Ablehnung eines Naturrechts durch Arkesilaos und die Haltung Platons (144-147).

Im zweiten Teil des Buches (Fonti - 149-274) trägt Vezzoli alle explizit Arkesilaos erwähnenden Quellen zusammen. Dieser konservative Ansatz ist lobenswert und garantiert, dass für die Darstellung und Bewertung der originären Philosophie des Arkesilaos nichts herangezogen wird, was lediglich "Neu-Akademisch" ist. Wer den Ausschluss mancher Zeugnisse als zu kategorisch empfindet, wird auf Mette oder andere Sammlungen zurückgreifen können. Vezzoli listet 161 Fragmente auf, die sich sicher auf Arkesilaos beziehen, sowie 11 unsichere. Die Fragmente sind strikt chronologisch nach Autoren und Werken angeordnet. Dieses Vorgehen ist etwas rigide, aber auch "objektiv" und übersichtlich. Jedes Fragment nennt das Werk und eine etwaige Korrespondenz zu Mette. Dem Originaltext folgt eine italienische Übersetzung, unter der sich Hinweise auf andere Quellensammlungen, kurze Verweise auf Quellen und andere Fragmente, auf etwaige Sprecher, andere Probleme und Parallelen finden. Diese Kurzkommentare zu den Fragmenten sind in ihrer knappen Form und Anlage vorzüglich von Vezzoli gestaltet und zeigen die in diesen Teil des Buches investierte Mühe. Ein abschließender Index Fontium (269-273) ist hilfreich und auch die Bibliographie (275-300) lässt wenig zu wünschen übrig.

In der Gesamtschau ist das Buch von Vezzoli ein wertvoller Beitrag zur Philosophie des Arkesilaos und zur hellenistischen Philosophie im Allgemeinen, wenngleich natürlich vieles in diesem Buch schon einmal (anders) gesagt wurde. Kritikwürdig ist vielleicht, dass bei allem Verständnis für das Beleuchten der Philosophie des Arkesilaos unter verschiedenen Blickwinkeln der erste Teil des Buches mitunter etwas repetitiv und langatmig wirkt. Hinsichtlich der Ähnlichkeiten zu Platon wäre eine Erörterung der Frage, in welchem Grade diese (oberflächlichen) Parallelen die Interpretation Platons durch Arkesilaos tatsächlich rechtfertigen können, interessant gewesen. Dies soll jedoch den fundierten Charakter und Wert des Buches, insbesondere der Fragmentsammlung, nicht schmälern, welches allen an Arkesilaos Interessierten wärmstens zu empfehlen ist.

Kilian Fleischer