Rezension über:

Joanna Bednarska-Kociołek: Danzig/Gdańsk als Erinnerungsort. Auf der Suche nach der Identität im Werk von Günter Grass, Stefan Chwin und Paweł Huelle (= Lodzer Arbeiten zur Literatur- und Kulturwissenschaft; Bd. 7), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2016, 254 S., ISBN 978-3-631-66759-0, EUR 51,95
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Rezension von:
Marion Brandt
Universität Gdańsk
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Marion Brandt: Rezension von: Joanna Bednarska-Kociołek: Danzig/Gdańsk als Erinnerungsort. Auf der Suche nach der Identität im Werk von Günter Grass, Stefan Chwin und Paweł Huelle, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 10 [15.10.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/10/32321.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Joanna Bednarska-Kociołek: Danzig/Gdańsk als Erinnerungsort

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Die Publikation der Lodzer Germanistin Joanna Bednarska-Kociołek bezeugt die anhaltende Faszination der Forschung für literarische Repräsentationen der Stadt Danzig (Gdańsk). Ihr Ziel ist es, die Literarisierung und Mythologisierung dieses "doppelten Erinnerungsortes" (44) zu untersuchen. Dabei kann sie auf eine Vielzahl von literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zum Danzig-Bild in den Texten von Günter Grass, Paweł Huelle und Stefan Chwin aufbauen und verspricht, diese auf eine neue Reflexionsebene zu heben.

Der Analyseteil der Studie folgt chronologisch der erzählten Zeit in ausgewählten literarischen Werken. Er beginnt mit Huelles Roman 'Castorp', dessen Handlung im Danzig des frühen 20. Jahrhundert spielt. Literarische Formen der Erinnerung an die Freie Stadt (1920-1939) und an das Danzig des Zweiten Weltkriegs werden in Texten von Grass, vor allem in 'Die Blechtrommel' und 'Katz und Maus', mit Seitenblicken auf 'Hundejahre', 'Beim Häuten der Zwiebel' und 'Aus dem Tagebuch einer Schnecke', untersucht. Die unmittelbare Nachkriegszeit ist Thema der Werke 'Krótka historia pewnego żartu' ('Kurze Geschichte eines gewissen Scherzes') und 'Tod in Danzig' von Stefan Chwin; auch hier schließt die Autorin mit 'Der goldene Pelikan' einen späteren Text in ihre Betrachtungen ein. Den Abschluss bildet eine Analyse des Romans 'Weiser Dawidek' und der Erzählungen von Huelle, deren Handlung bis in die 1990er Jahre hineinreicht. Bednarska-Kociołek befragt die einzelnen Werke nach den Bildern der Stadt zwischen "Multikulturalität und Nationalismus" (69), nach ihren Identitätskonstruktionen, den narrativen Formen des literarischen Erinnerns und den Gegenstandsmotiven, die als Movens der Erinnerung agieren. Gemeinsam sei den Autoren - so ihre These - das Erzählen von Initiationsgeschichten und das Schaffen "privater Mythologien über die Kindheit" (236), schließlich die Kreation eines mythischen Danzig aus den Erinnerungen an eine frühere, nicht mehr existierende Stadt.

Bednarska-Kociołek hat sich keine leichte Aufgabe gestellt, denn über Werke, die schon so oft Gegenstand literaturkritischer und -wissenschaftlicher Betrachtung waren, etwas Neues zu sagen, ist fast unmöglich. Doch ihr gelingt dieses Wagnis. Bemerkenswert an der Deutung von Huelles 'Castorp' sind zum Beispiel die Hinweise zur Kolonialrhetorik und zum kolonialen Blick auf Polen und Kaschuben sowie die aufgezeigten Parallelen zu Thomas Manns 'Tod in Venedig'. Etwas überraschend wirkt die (an marxistische Literaturwissenschaft erinnernde) Feststellung, dass Huelle mittels der "Monotonie" im Leben seiner Hauptfigur "symbolisch" den "Tod des Bürgertums" zeige, "das um 1900 die Aristokratie als gesellschaftliche Führungsschicht abgelöst hatte und gleichzeitig von der Arbeiterklasse in seinen Grundwerten in Frage gestellt wurde" (52). Mir scheint hingegen, dass Huelle eher national-kulturelle als soziale Differenzen in den Blick nimmt, aber richtig ist, dass sich beide Aspekte überlagern.

Dass Bednarska-Kociołek die reiche Sekundärliteratur in polnischer Sprache in ihre Analyse einbezieht, macht ihre Studie für einen deutschen Leser besonders wertvoll. Andererseits fällt auf, dass sie selten unterschiedliche Positionen der Forschung erörtert. Das betrifft vor allem einige ihrer Interpretationsthesen zu den kontrovers diskutierten Polen- und Judenbildern in 'Die Blechtrommel'. Diese können nur wenig überzeugen, wenn sie zum Beispiel schreibt, dass der Kampf um die Polnische Post als "Kinderspiel" gezeigt und die Post "mit einem Kartenhaus verglichen wurde" (124f.). Für das von Jan Bronski errichtete Kartenhaus gibt es sicherlich auch andere Deutungsmöglichkeiten. Unzutreffend erscheint mir die Feststellung, dass Sigismund Markus zu den assimilierten Danziger Juden gehören solle - dem widerspricht schon der ihm zugeschriebene Jargon.

Dem Werk von Chwin nähert sich Bednarska-Kociołek mit einer neuen Lesart, indem sie die Frage nach der Bedeutung der Dinge als "Memorialobjekte" (169) mit dem Motiv des Friedhofs verbindet und den Erzählungen vom Leben und Verfall der Dinge zwischen den Kulturen nachgeht. Sie verweist darauf, dass Chwin die Stadt Danzig als einen zufälligen Ort auf der (historischen) Landkarte Ostmitteleuropas ansieht, der "lediglich eine gute symbolische Sprache bietet" [1]: Diese Sprache entfalte er in seinen literarischen Imaginationen der Stadt.

Die Interpretation von 'Weiser Dawidek' stellt das nostalgische Moment, die Motive der Apokalypse und Erlösung sowie den intertextuellen Dialog mit Grass' Novelle 'Katz und Maus' heraus. Hier gelingt Bednarska-Kociołek eine gut lesbare Synthese der Sekundärliteratur, über die sie in einzelnen Punkten (zum Beispiel im Vergleich Mahlke/Dawid Weiser) hinausgeht. Inspirierend sind ihre Überlegungen zu Huelles Erzählungen, etwa zu den Bildern der Kaschubei (als einer Welt von Irrealität und Ursprünglichkeit), der untergegangenen mennonitischen Kultur und der Polen, die erst über eine Initiation Zugang zur Geschichte ihrer Geburtsstadt Gdańsk finden.

Die Lektüre dieser lesenswerten Studie wird manchmal durch sprachliche Mängel und sinndeformierende Verkürzungen erschwert. Als Beispiel sei genannt: "die Entstehung der Nationalstaaten hatte massenhafte Vertreibungen zur Folge; doch die Grenzen des Versailler Vertrags erwiesen sich nicht als dauerhaft" (18). Daneben gibt es einige sachliche Fehler, die vor allem Danziger Realien betreffen, zum Beispiel "Rechtsgerichtete nationalsozialistische Kräfte dominierten ab 1920 im Volkstag" (28, vermutlich ist die Deutschnationale Volkspartei gemeint). Solche Stolpersteine erschweren etwas das Auffinden der interessanten Beobachtungen und Thesen dieser Studie, mit der sich Bednarska-Kociołek in die Forschung zu den literarischen Bildern von Danzig/Gdańsk eingeschrieben hat.


Anmerkung:

[1]Złe miejsce na ziemi. Z Stefanem Chwinem rozmawia Andrzej Franaszek [Ein schlimmer Ort auf Erden. Andrzej Franaszek im Gespräch mit Stefan Chwin], in: Tygodnik Powszechny 1 (1996), S. 13.

Marion Brandt