Rezension über:

Stephanie Zloch / Izabela Lewandowska (Hgg.): Das "Pruzzenland" als geteilte Erinnerungsregion. Konstruktion und Repräsentation eines europäischen Geschichtsraums in Deutschland, Polen, Litauen und Russland seit 1900, Göttingen: V&R unipress 2014, 398 S., ISBN 978-3-8471-0266-3, EUR 55,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Marion Brandt
Universität Danzig
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Marion Brandt: Rezension von: Stephanie Zloch / Izabela Lewandowska (Hgg.): Das "Pruzzenland" als geteilte Erinnerungsregion. Konstruktion und Repräsentation eines europäischen Geschichtsraums in Deutschland, Polen, Litauen und Russland seit 1900, Göttingen: V&R unipress 2014, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 2 [15.02.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/02/29862.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Stephanie Zloch / Izabela Lewandowska (Hgg.): Das "Pruzzenland" als geteilte Erinnerungsregion

Textgröße: A A A

Die Publikation präsentiert die Erträge eines Forschungsprojekts von Mitarbeitern des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung und Historikern der Ermländisch-Masurischen Universität in Olsztyn. Dessen Anliegen war es, die Narrative und Topoi herauszuarbeiten, mittels derer eine grenzüberschreitende Region mit "geteilter Erinnerungskultur" in den jeweiligen nationalen Schulbüchern konstruiert wird. Forschungsobjekt war das Gebiet des früheren Ostpreußens, heute das polnische Ermland und Masuren (Warmia i Mazury), das litauische Memelland (Klaipėdos kraštas) beziehungsweise Klein-Litauen (Mažoji Lietuva) und das Gebiet um Königsberg (Oblast' Kaliningrad). Um eine Entscheidung zwischen dem deutschen und den polnischen, litauischen und russischen Namen zu vermeiden, wählten die Herausgeberinnen mit dem Wort "Pruzzenland" bewusst einen, wie sie begründen, "sprachlich unkonventionellen, verfremdenden Ansatz, der einen Bezug auf die mittelalterlichen baltischen Pruzzen anklingen lässt und dadurch eine möglichst große Distanz zu nationalen Konnotationen signalisieren soll" (8).

Dieses Vorgehen ist verständlich, dennoch kann der Name desorientierend wirken und die Erwartung wecken, dass die Erinnerung an die Pruzzen im Zentrum der Studie steht. Immerhin bildet dieser Volksstamm den ersten der sieben thematischen Schwerpunkte, die von den Autoren in mehr als 800 Geschichts- und in geringem Maße auch Geografie-Lehrbüchern seit der Zwischenkriegszeit (im Falle der russischen Schulbücher seit 1900) untersucht wurden. Weitere Schwerpunkte sind: 2) die Schlacht bei Grunwald/Tannenberg/Žalgiris, 3) die Migrationsbewegungen von der deutschen Besiedlung des Pruzzenlandes im 13. Jahrhundert über den Zuzug Salzburger Protestanten im 18. Jahrhundert und die Ost-West-Wanderungen ab den 1870er Jahren bis hin zu den Zwangsmigrationen im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs, 4) die konfessionelle Situation seit den Kreuzzügen des Deutschen Ordens bis in die Gegenwart, 5) Persönlichkeiten (einer quantitativen Analyse zur Häufigkeit der Präsentation einzelner Personen folgt eine Analyse des Kopernikus-Bildes), 6) die sozio-ökonomische Struktur des Gebietes und 7) die im Zusammenhang mit der Region konstruierten Landschaftsbilder und Naturvorstellungen als derjenige Topos, der in den untersuchten Schulbüchern am stärksten repräsentiert sei, und zwar in Form von "Heroisierungs- und Bedrohungsszenarien" sowie in Bildern architektonisch gestalteter Landschaft (326).

Zu den Ergebnissen der Studie gehört die Feststellung, dass das frühere Ostpreußen in den mental maps der Schulbücher aller vier Staaten vor dem Jahr 1989 "eine prekäre Position" (79) einnahm und dessen Geschichte entweder gar nicht thematisiert oder der Außenpolitik beziehungsweise dem jeweiligen Nachbarstaat zugeordnet wurde. Erst seit den 1990er Jahren wird die Region als eine grenzüberschreitende präsentiert, in deren Geschichte Eigen- und Fremdkulturelles nebeneinander existieren. Auch für andere Fragestellungen - etwa die Wertung des Deutschen Ordens, die Darstellung der mittelalterlichen Siedlungsbewegung und der Zwangsmigrationen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das Kopernikus-Bild und die Berücksichtigung sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Aspekte - erweist sich 1989/90 als eine Zäsur, die eine Öffnung hin zu neuen Perspektiven ermöglichte. Dennoch bestehen bis heute Defizite, insbesondere hinsichtlich der sozio-ökonomischen Aspekte (vor allem im 20. Jahrhundert) sowie der konfessionellen Verhältnisse seit der Reformation. Für Grzegorz Jasiński könnten die Schulbücher besser dazu genutzt werden, "ohne Schematismus die konfessionellen Unterschiede im ehemaligen Ostpreußen in ihren historischen Konsequenzen" (229) zu erläutern. Zu den Unterschieden zwischen den einzelnen Darstellungen aus nationaler Perspektive gehört weiterhin die Einschätzung des Ordensstaates. Laut Maria Korybut-Marciniak unterschätzen aktuelle polnische Schulbücher "tendenziell die wirtschaftliche Dynamik des Deutschordensstaates, während deutsche Schulbücher die zivilisatorische Leistung des Deutschen Ordens überschätzen und litauische Schulbücher wiederum vor allem die litauische Besiedlung und die Rolle der litauischen Kultur hervorheben" (281).

Ein methodischer Eckpunkt der Schulbuchanalyse scheint mir darin zu bestehen, dass die Veränderungen in der Präsentation des jeweils betrachteten historischen Ereignisses beziehungsweise Problems in den Lehrbüchern in Relation gesetzt werden müssten zu der Geschichte der Geschichtsschreibung und vor allem zu den in der Historiografie zu beobachtenden Umbrüchen. Dies geschieht in dem vorliegenden Sammelband nur punktuell. Die Einleitung enthält zwar ein Unterkapitel über "historiographische Zugänge"; es konzentriert sich aber vor allem auf die Frage, inwieweit die Multiethnizität der Region in der Geschichtswissenschaft der verschiedenen Länder thematisiert wurde beziehungsweise wird. In den einzelnen Beiträgen werden die Bezüge zur Historiografie der ausgewählten Schwerpunkte mehr oder weniger intensiv hergestellt. Weniger geschieht dies zum Beispiel in dem ansonsten sehr kenntnisreichen Aufsatz von Grzegorz Białuński über die Pruzzen. Er attestiert den älteren litauischen Lehrbüchern eine stark ethnozentristische Sicht, weil sie die Pruzzen als einen litauischen Stamm bezeichnen, findet solche Zuordnungen dann aber auch in älteren polnischen und russischen Schulbüchern. In diesem Fall wäre sicherlich nicht nur eine kurze Einführung in die Geschichte der Pruzzen, sondern auch ein Blick auf die historiografischen Veränderungen in der Betrachtung konkreter Aspekte wie etwa der Zugehörigkeit der Pruzzen zu den baltischen Volksstämmen hilfreich gewesen. Auf der anderen Seite der Skala steht der Beitrag von Jan Gancewski zur Darstellung der Schlacht bei Grunwald, der nicht nur die Geschichte der Historiografie, sondern auch der Erinnerungskultur dieses Ereignisses nachzeichnet, ehe er darauf aufbauend die Schulbücher analysiert.

Titel und Untertitel des Sammelbandes sind nicht nur wegen des Namens "Pruzzenland" etwas irreführend, sondern auch wegen des mangelnden Hinweises darauf, dass die Konstruktion und Repräsentation des gewählten Geschichtsraums ausschließlich anhand von Schulbüchern untersucht wird. Eine Analyse der Gedächtnistopografie des "Pruzzenlandes" müsste auch andere Erinnerungsmedien, etwa literarische und filmische Präsentationen, einbeziehen. Immerhin wird auf einige Untersuchungen dazu hingewiesen (21, Anmerkung 59); zu ergänzen wäre hier die Studie von Jürgen Joachimsthaler. [1]

Ungeachtet dieser Einschränkungen soll unterstrichen werden, dass die detailreiche Studie einen guten Einblick in die "geteilte" Erinnerungslandschaft des ehemaligen Ostpreußen gewährt und mit der multinationalen Analyse von Geschichtslehrbüchern zu einer grenzüberschreitenden Region eine Pionierleistung erbringt.


Anmerkung:

[1]: Jürgen Joachimsthaler: Text-Ränder. Die kulturelle Vielfalt in Mitteleuropa als Darstellungsproblem deutscher Literatur, Heidelberg 2011.

Marion Brandt