Rezension über:

Cordelia Hess: The Absent Jews. Kurt Forstreuter and the Historiography of Medieval Prussia, New York / Oxford: Berghahn Books 2017, X + 323 S., ISBN 978-1-78533-492-4, USD 120,00
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Rezension von:
Jörg Hackmann
Greifswald / Szczecin
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Hackmann: Rezension von: Cordelia Hess: The Absent Jews. Kurt Forstreuter and the Historiography of Medieval Prussia, New York / Oxford: Berghahn Books 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 2 [15.02.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/02/32582.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Cordelia Hess: The Absent Jews

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Der Titel des Buches verspricht ein interessantes Thema und suggeriert zugleich ein Versäumnis in der Geschichtsforschung zum Deutschordensstaat, nämlich der Frage nach der Präsenz von Juden in der Region nicht nachgegangen zu sein. Nun könnte man darauf entgegnen, dass es für ihre Anwesenheit unter der Herrschaft des Deutschen Ordens kaum Belege gebe, die Hypothese von Cordelia Hess ist jedoch eine andere: Die Tatsache, dass die Juden in der Historiografie zum Deutschordensstaat nicht auftauchen, resultiere nicht aus ihrer faktischen Abwesenheit, sondern aus der Shoah und der Vernichtung jüdischer Quellen. Diese drei Stränge sieht die Verfasserin im Wirken des Königsberger Archivars Kurt Forstreuter gebündelt: Er sei der einzige gewesen, der sich mit jüdischer Geschichte im Deutschordensland Preußen befasst habe, zudem sei er während des Zweiten Weltkriegs an der Vernichtung jüdischer Archivbestände sowie an der Vorbereitung von Deportationslisten beteiligt gewesen (101).

Dieses argumentative Gebäude, man kann es nicht anders sagen, steht auf unsicherem Grund: Das wissenschaftliche Œuvre zur jüdischen Geschichte Forstreuters besteht aus drei kürzeren Texten, von denen Hess sich auf einen 7-seitigen Aufsatz von 1937 und seine posthum veröffentlichte Überarbeitung in den 1970er-Jahren konzentriert. Zu den anderen beiden Punkten, die im Kontext der bereits breit diskutierten Mitwirkung von Ostforschern an der NS-Besatzungsherrschaft und Vernichtungspolitik stehen, gibt es bereits eine ausführliche Diskussion. Im vorliegenden Buch wird nicht klar, welchen Erkenntnisgewinn die Biografie Forstreuters bietet, den die Verfasserin - gewiss nicht zu Unrecht - selbst als Randfigur im Kontext der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft und obendrein als "schlechten Historiker" (38) betrachtet. Zwar kann sie aus seinen Reisenotizen zitieren, aber das Bild seiner Tätigkeit als Archivar im besetzten Polen während des Krieges bleibt doch unschärfer als in der umfassenden Betrachtung des "Osteinsatzes" deutscher Archivare durch Stefan Lehr. [1]

Ähnliches gilt für die Betrachtung des gesamten wissenschaftlichen Werkes: Hess erkennt bei Forstreuter eine "obsession for ethnicities and boundaries" (58), erfasst aber die Problematik der Siedlungsgeschichte Kleinlitauens nur teilweise. Im Norden Ostpreußens war aufgrund der frühneuzeitlichen litauischen Siedlung die dominierende Volksbodentheorie im Kontext der deutschen Ostforschung politisch dysfunktional. Forstreuter griff daher, im Gegensatz zu Hans und Gertrud Mortensen, die anfangs volksgeschichtlich argumentierten, auf ein traditionelles, borussisches Erklärungsmuster zurück, das letztlich für die Begründung deutscher Gebietsansprüche nach dem Ersten Weltkrieg kompatibler war.

Zwar führt die Verfasserin die zentrale Literatur zur Ostforschung an, sie scheint sie aber nur kursorisch zur Kenntnis genommen zu haben, sonst hätte sie vielleicht bemerkt, dass - anders als von ihr behauptet - wichtige Beiträge nicht zuletzt von deutschen und polnischen Mediävisten vorgelegt wurden.

Der zweite Teil der Studie beschäftigt sich mit der Präsenz von Juden in der Historiografie zum Deutschordensstaat von Peter von Dusburg bis in die Gegenwart; es geht der Verfasserin hier also um eine Überprüfung der Ausführungen Forstreuters. Dazu diskutiert sie ausführlich die Echtheit des Judenparagrafen in der Landesordnung von 1309, die bei Simon Grunau zuerst überliefert ist, und begibt sich dann in die Tiefen der Diskussion zu den vermeintlichen oder heute nicht mehr erhaltenen Chroniken, auf die sich Grunau beruft. Als Ergebnis nimmt sie an, dass es die Landesordnung gegeben habe, der Judenparagraf aber von Grunau hinzugefügt worden sei. Zielführender allerdings ist, wie Hess einräumt, die Recherche nach anderen Quellen zur jüdischen Anwesenheit. Die Auswahl des Bezugsfeldes ist dabei nicht ganz einleuchtend: Neben Preußen wird die Neumark berücksichtigt, Altlivland dagegen kaum. Zudem nimmt Hess keine Unterscheidung zwischen den prußischen Regionen und Pommerellen beziehungsweise den ehemals polnischen Gebieten vor. Mit der Fixierung auf den Staat des Deutschen Ordens geht eine wichtige Erkenntnis (nicht) nur der polnischen Historiografie zum Deutschordensland Preußen verloren: die regionale Dimension seiner Geschichte. Hier wäre zu erwarten gewesen, die angrenzenden polnischen Gebiete genauer zu betrachten, die sich ja gerade im Hinblick auf die jüdische Geschichte seit dem 14. Jahrhundert von der des Heiligen Römischen Reiches unterscheiden. Zudem geht die Verfasserin auch der Erwähnung von Fremden als Indiz für die Anwesenheit jüdischer Reisender nur ansatzweise nach.

In den Schlussfolgerungen verknüpft die Verfasserin ihre Befunde mit aktuellen Themen wie der Restitution von Kulturgütern. In der Hauptsache kommt sie allerdings zu dem Ergebnis (280), dass sich ihre Hypothesen nicht eindeutig belegen lassen. Die These, niemand habe bislang das Bild des Deutschordensstaates als anti-jüdisches Bollwerk in Frage gestellt, ruft allerdings ein gewisses Erstaunen beim Rezensenten hervor. Dieses Urteil wie auch die These, dass die Geschichte des Ordenslandes in Polen seit der deutschen Wiedervereinigung marginal geworden sei (1-2), lässt sich nur mit Unkenntnis der polnischen Wissenschaftslandschaft erklären. Zwar führt die Verfasserin durchaus die polnische Forschungsliteratur an, rezipiert sie aber doch nur oberflächlich.

Insgesamt enthält die vorliegende Studie zahlreiche interessante Fragestellungen und Hypothesen. Es fehlt aber eine systematische, gründliche Untersuchung. Stattdessen liefert sie Thesen und Schlussfolgerungen, die teils plausibel, teils nicht immer nachzuvollziehen sind. Hinzu kommt, dass solche Feststellungen wie die, es habe im Kontext der Ostforschung keine objektive Geschichtsforschung gegeben, nicht wirklich neu sind. Vielmehr folgt die Verfasserin der Spur Michael Burleighs, dessen German Turns Eastwards [2] sie allerdings erstaunlicherweise nicht anführt. Dabei lässt sich vermuten, dass sowohl das Thema als auch die Veröffentlichung auf Englisch für einen größeren internationalen Leserkreis sorgen sollten. Wenn die Verfasserin betont, dass sie als Mediävistin in besonderer Weise befähigt sei, das Thema zu untersuchen (4), bleibt insgesamt festzustellen, dass der Erkenntnisgewinn nach der Lektüre mit den Ansprüchen des Buches nicht Schritt hält. Letztlich werden die im Titel annoncierten Aspekte kaum mehr als durch eine Konjunktion zusammengehalten.


Anmerkungen:

[1] Stefan Lehr: Ein fast vergessener "Osteinsatz". Deutsche Archivare im Generalgouvernement und im Reichskommissariat Ukraine, Düsseldorf 2007.

[2] Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich, Cambridge 1989.

Jörg Hackmann