Rezension über:

Nicole Bickhoff / Wolfgang Mährle (Hgg.): Armee im Untergang. Württemberg und der Feldzug Napoleons gegen Russland 1812 (= Sonderveröffentlichungen des Landesarchivs Baden-Württemberg), Stuttgart: W. Kohlhammer 2017, 276 S., eine Faltkarte, zahlr. Abb., ISBN 978-3-17-023382-9, EUR 30,00
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Rezension von:
Michael Busch
Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Michael Busch: Rezension von: Nicole Bickhoff / Wolfgang Mährle (Hgg.): Armee im Untergang. Württemberg und der Feldzug Napoleons gegen Russland 1812, Stuttgart: W. Kohlhammer 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 1 [15.01.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/01/31644.html


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Nicole Bickhoff / Wolfgang Mährle (Hgg.): Armee im Untergang

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Der vorzustellende Band vereinigt die Dokumentation der gleichnamigen Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg vom 19.09.2012 bis zum 23.01.2013 und ausgewählte Beiträge einer Tagung des Arbeitskreises für Landes- und Ortsgeschichte im Verband der württembergischen Geschichts- und Altertumsvereine Ende Oktober 2012. Ziel der Tagung war es, zentrale Aspekte sowohl des militärischen Geschehens im Jahr 1812 als auch der individuellen und kollektiven Kriegsbewältigung aus württembergischer Sicht zu beleuchten.

Württemberg wird in der modernen deutschsprachigen, aber auch in der internationalen Literatur zum Krieg von 1812 regelmäßig erwähnt. Dies ist insofern überraschend, als das württembergische Armeekorps, das als Teil der Grande Armée am Russlandfeldzug Napoleons teilnahm, mit knapp 16.000 Mann vergleichsweise klein war und militärisch keine herausgehobene Rolle gespielt hat. Vielmehr erklären sich diese Bezugnahmen dadurch, dass schwäbische Feldzugsveteranen zahlreiche Beiträge zur Erinnerung an die Katastrophe des napoleonischen Heeres in Russland geleistet haben. Eine zentrale Bedeutung für die visuelle Vergegenwärtigung des Feldzugs von 1812 erlangten die Aquarelle und Zeichnungen des Artillerieoffiziers Christian Wilhelm von Faber du Faur. Sie wurden weltweit rezipiert und finden sich in nahezu allen Publikationen über die französische Invasion in Russland. Daneben haben aber auch die Memoiren württembergischer Feldzugsteilnehmer große Aufmerksamkeit gefunden.

Nach einem kurzen Abriss Wolfgang Mährles über "Der Feldzug Napoleons gegen Russland 1812 - ein württembergischer Erinnerungsort" (7-10), in dem es wünschenswert gewesen wäre, etwas mehr über das zugrunde gelegte Konzept von "Erinnerungsort" zu erfahren, untersucht Erich Pelzer in seinem Beitrag "Vom Bündnispartner zum Kriegsgegner. Zur Geschichte der machtpolitischen Entzweiung zwischen Kaiser Napoleon I. und Zar Alexander I. (1807-1812)" (11-29) die ausschlaggebenden "Gründe, Motive, Ereignisse und Anlässe für die politische Entzweiung zweier mächtiger Monarchen" (12). Pelzer erwähnt die neuere Forschung, seine Ausführungen geraten dennoch etwas altbacken und sind zu sehr auf den persönlichen Konflikt der zwei Monarchen gerichtet. Die am Schluss geäußerte Formulierung, eine Reihe von "Blitzkriegen" (27) Napoleons habe zum Erfolg geführt, scheint für diesen Zeitraum nicht angemessen. Auch der Beitrag von Denis Sdvižkov "Très brave au feu, peu fortuné. Der russische General Eugen von Württemberg im Portrait" (47-56) vermag aufgrund seiner stark personengeschichtlichen Ausrichtung nicht recht zu überzeugen. Eugen, der auf russischer Seite kämpfte und der, "bei all seiner Verwegenheit keinen halbwegs komplizierten Gedankenwegen folgen konnte"(52), so die Einschätzung von Alexej Ermolov, einem der scharfsinnigsten russischen Offiziere, sah sich 1813 als Haupt der patriotischen Kräfte von ganz Deutschland. Als diese Träume sich als völlig vergeblich erwiesen, zog er sich auf sein schlesisches Schloss Carlsruhe (Pokój) zurück.

Joachim Brüser kann in seinem konzisen Beitrag "Zwischen Kronprinz Friedrich Wilhelm und Napoleon. Das württembergische Offizierskorps im Russlandfeldzug 1812" (31-45) durch die Auswertung der Stammlisten nachweisen, dass die Verluste des württembergischen Kontingents die Offiziere weit weniger trafen als Unteroffiziere und Mannschaften, ja dass die Teilnahme am Feldzug von 1812 für Offiziere eine lohnende Sache war, winkte doch der Personaladel ab dem Rang des Stabshauptmanns oder Stabsrittmeisters, und konnte ab dem Rang eines Obersts um die Aufnahme in den erblichen Adel ersucht werden.

Helmuth Mojem schildert in seinem Beitrag "Der gefährliche Leppich. Ein Tübinger Vorspiel zum Brand von Moskau" (57-93) die obskure Geschichte des Abenteurers Franz Leppich, der es mit dem Versprechen, ein lenkbares Luftschiff zu bauen, in russische Dienste vor Moskau und zu einer Erwähnung in Tolstojs "Krieg und Frieden" brachte. Der versprochene Ballon hob allerdings nie vom Boden ab, und ob Leppich "wirklich entscheidend am Brand von Moskau beteiligt war, ist nicht bekannt." (83) Warum diesem Thema der umfänglichste Beitrag des Bandes gewidmet ist, der zudem mit seitenweisen Zitaten aus Zeitungen, Briefen und den detaillierten Daten einer Konzerttournee von 1810 aufwartet, bleibt unklar. Der Herausgeber Wolfgang Mährle bietet mit seinem Aufsatz "Selbstzeugnisse württembergischer Feldzugsteilnehmer. Eine Bestandaufnahme" (95-118) einen luziden Überblick der in Württemberg vorhandenen Selbstzeugnisse zum Feldzug des Jahres 1812. Das Korpus der württembergischen Erinnerungswerke, das, anders als beispielsweise in Bayern, größtenteils publiziert wurde, enthält eine Fülle an Informationen zu den unterschiedlichsten Aspekten des soldatischen Alltags, der Kriegsgefangenschaft und der Militärmedizin. In einem weiteren Beitrag Wolfgang Mährles "Augenzeugenschaft und Künstlertum. Die Bilddokumentation Christian Wilhelm von Faber du Faurs über den Feldzug von 1812" (119-148) wird das Werk des württembergischen Artillerieoffiziers Christian Wilhelm von Faber du Faur vorgestellt. Vor allem der in den Jahren 1827 bis 1830 in Anlehnung an sein Skizzenbuch entstandene, 1831 bis 1843 erstmals publizierte Zyklus von 99 Bildern des Feldzugs von 1812 erlangte weite Verbreitung. Die thematischen Schwerpunkte sind neben wenigen Landschafts- und Genredarstellungen weniger die Schlachten und Gefechte; vielmehr werden der Alltag der napoleonischen Soldaten, die Kriegsfolgen, die Zerstörungen und das Leid des Krieges herausgestellt. Für das frühe 19. Jahrhundert durchaus ungewöhnlich, erinnern die Bilder an Jacques Callot oder Francisco de Goyas Gemälde über den Krieg in Spanien. Die desillusionierende Sicht auf den Krieg verstärkt auch den Eindruck der Wirkungslosigkeit traditioneller Formen der Religiosität. [1] Faber du Faurs besonderes Verdienst liegt darin, Bildaussagen in hohem Maße symbolisch zu verdichten und auf diese Weise eine große Bildwirkung zu erzielen.

Auf den Seiten 153-273 folgt der übersichtlich gestaltete Katalog, der in sechs Kapiteln, bzw. Unterabteilungen Objekte zu folgenden Themen präsentiert: I. Der Weg in den Krieg. Württemberg und die französisch-russischen Beziehungen von 1807 bis 1812, II. Der Verlauf des französisch-russischen Krieges 1812 (Klappkarte), III. Mit Napoleon im Krieg: Soldatenalltag in der Grande Armée des Jahres 1812, IV. Im Angesicht des Feindes: die Württemberger im Gefechtseinsatz, V. Zwischen Hoffnung und Entsetzen: Die Wahrnehmung des Krieges in Württemberg, VI. Nach dem Krieg: Kriegsfolgen und historische Erinnerungen.

Ein trotz der Monita lesens- und der Betrachtung werter Band zur Geschichte des Feldzugs von 1812, der vor allem durch die Beiträge zum Offizierskorps und zu den schriftlichen und bildlichen Zeugnissen des Feldzugs überzeugt.


Anmerkung:

[1] Vgl. Susanne Parth: Kriegsniederlagen in der deutschen Militärmalerei des 19. Jahrhunderts, in: Kriegsniederlagen. Erfahrungen und Erinnerungen, hg. von Horst Carl u.a., Berlin 2004, 401-425, hier 410-411; dies.: Zwischen Bildbericht und Bildpropaganda, Kriegskonstruktionen in der deutschen Militärmalerei des 19. Jahrhunderts, Paderborn u.a. 2010, 280-281.

Michael Busch