Rezension über:

William A. P. Childs: Greek Art and Aesthetics. In the Fourth Century B.C., Princeton / Oxford: Princeton University Press 2018, XXXVI + 556 S., 28 Farb-, 258 s/w-Abb., ISBN 978-0-691-17646-8, USD 65,00
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Rezension von:
Volker Michael Strocka
Albert-Ludwigs-Universit├Ąt, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Volker Michael Strocka: Rezension von: William A. P. Childs: Greek Art and Aesthetics. In the Fourth Century B.C., Princeton / Oxford: Princeton University Press 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 1 [15.01.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/01/31732.html


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William A. P. Childs: Greek Art and Aesthetics

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Die Römer der Kaiserzeit werteten als absolute Höhepunkte der bildenden Kunst die Gemälde eines Zeuxis, Parrhasios oder Apelles sowie die Skulpturen eines Skopas, Praxiteles oder Lysippos, mithin die Kunst des 4. Jahrhunderts vor Christus. Heute sind die Tafelbilder gänzlich verloren, und für die Skulpturen stehen neben wenigen Originalen nur römische Marmorkopien oft unsicherer Zuschreibung zur Verfügung. Durch Ausgrabungen sind aber inzwischen solche Mengen an Grab- und Votivreliefs, an Bauplastik, Sarkophagen, Vasen und Kleinkunst dieser Epoche zusammengekommen, dass es möglich sein sollte, sich ein gewisses Gesamtbild der Spätklassik zu entwerfen. Abgesehen von kursorischen Kunstgeschichten der Antike oder Publikationen zu einzelnen Gattungen fehlt uns eine Gesamtdarstellung der griechischen Kunst des 4. Jh.s v. Chr. Der Autor des vorliegenden monumentalen Werks, von 1974 bis 2010 Professor für griechische und vorderasiatische Archäologie und Kunstgeschichte an der Princeton University, erklärt sich diese Vernachlässigung mit einem lange vorherrschenden klassizistischen Geschmack, der die Literatur und Kunst der Hochklassik des 5. Jh.s v. Chr. über alles stellte. Unsere Zeit habe dagegen eine gewisse Affinität zur "late Classical period", die er zwischen 420 und 300 v. Chr. ansetzt. Denn trotz zahlreicher Kriege habe es eine dynamische und gegensätzliche Entwicklung auf allen Gebieten gegeben: Der Gleichheit fordernden Polis-Ideologie stehe einerseits eine große Zunahme von Luxus und der ostentative Reichtum Einzelner gegenüber, andererseits die Tendenz zu Monarchien und ein geistiger Kosmopolitismus. Die Kunst diene nicht mehr nur der Öffentlichkeit, sondern auch privater Selbstdarstellung und persönlichem Genuss. Kunstwerke werden Gegenstand subjektiver Sensibilität und Reflexion, aber nicht als l'art pour l'art verstanden. Sie bleiben wie bisher weitgehend der religiösen Sphäre verhaftet.

Auf die Einleitung (1-23) folgt die Materialvorlage (Kapitel 2: 25-53). Nach einer ernüchternden Zusammenstellung der allzu wenigen chronologischen Fixpunkte werden die verschiedenen Kunstgattungen vorgestellt, zunächst die Originalskulpturen in Freiplastik und Reliefs, dann die Kleinkunst, die Mosaiken sowie die auf wenige Beispiele bemalter Grabstelen und dekorierter Gräber beschränkte Malerei. Dann wird (Kapitel 3: 55-100) die heikle Frage der statuarischen Kopien römischer Zeit angesprochen. Childs erläutert die Schwierigkeiten, echte Kopien von römerzeitlichen Varianten oder gar Neuschöpfungen zu unterscheiden. Er wendet sich gegen den extremen Skeptizismus der Ridgway-Schule, erkennt durchaus an, dass häufig wiederholte Kopien auf Originale zurückgehen müssen, bleibt aber angesichts der mageren schriftlichen Quellen sehr zurückhaltend bei der Identifizierung der persönlichen Stile berühmter Meister. Dabei geht er freilich so weit, die knidische Aphrodite des Praxiteles, deren Typus nicht zuletzt durch Münzen von Knidos gesichert ist, fragweise dem Skopas zuzuschreiben, indem er Plinius nat. 36, 26 missversteht. Er hält auch für möglich, dass nicht im vatikanischen Schaber, sondern im Strigilisreiniger von Ephesos in Wien der Apoxyomenos des Lysippos überliefert ist. Noch ungewisser sei es, in der römischen Wandmalerei Kopien nach originalen Tafelgemälden ausfindig zu machen.

Das vierte Kapitel (101-151) behandelt allgemeine Stilfragen zu Skulptur und Malerei. Im 4. Jh. v. Chr. herrsche ein gewisser Stilpluralismus, der nur teilweise durch Zeitstellung oder Gattungsstil bedingt sei. Ebenso wichtig sei auch die künstlerische Interpretation des jeweiligen Sujets. Nach Childs dauert der Reiche Stil von ca. 425 bis 375 v. Chr. Er wird bestimmt von einer expressiven Verselbständigung der Gewandfalten. Es folgt angeblich der "Plain Style" von ca. 380 bis 300 v. Chr. Die Gewänder sind wieder dem Körper untergeordnet, werden aber zunehmend opulent. Dieser Widerspruch kommt von der Übernahme des Begriffs "Schlichter Stil", der in der deutschen Archäologie als Reaktion auf den manieristischen Reichen Stil geprägt wurde, aber nur ein, zwei Jahrzehnte nach 380 v. Chr. meinte. Für die zweite Hälfte des 4. Jh.s v. Chr. hat Childs keinen eigenen Begriff, und auch über eine stilistische Abgrenzung zum Hellenismus findet man nichts. Dieses Kapitel ist aber reich an Analysen zunächst männlicher, dann weiblicher Statuen. Hervorgehoben wird der instabile Stand, die latente Bewegung der Figuren und die raumbildende Anordnung von Gesten und Attributen. Es folgt (135-151) eine Abhandlung über die Errungenschaften der Malerei, die aus Schriftquellen, bemalten Grabstelen, Grabmalereien und auch aus der am Ende des Jahrhunderts aufgegebenen Vasenmalerei zu erschließen sind: vor allem die farbliche Modellierung durch Schattierung (skiagraphia) und die Verkürzung und Raumandeutung (skenographia).

Das fünfte Kapitel ist zweigeteilt. Es behandelt "Form und Präsentation" zunächst für die Skulptur (153-204), dann für die Architekturplastik (205-227). Es geht dabei darum, wie die visuelle Präsentation von Monumenten die Wahrnehmung der Zeitgenossen bestimmte. Auf die Analyse des reichen Bestands an Grabmonumenten folgen hochhypothetische Überlegungen zu nur literarisch bekannten Statuengruppen in Delphi oder zu der bloß aus verschiedenen römischen Kopien erschließbaren Niobidengruppe. Die Aufstellung freistehender Statuen ist fast nur durch wenige Basen in situ belegt, die oft vor einer Wand standen. Aber auch aus der Analyse vieler Statuen ergibt sich, dass sie eine mehr oder weniger frontale Inszenierung für den Betrachter waren und keineswegs von allen Seiten anzusehen. Die Kultbauten des 4. Jh.s v. Chr. zeichnen sich durch eine gesteigerte Opulenz ihrer Metopen, Friese und Giebelfiguren, aber auch durch eine reichere Ornamentik und verschiedene Säulenordnungen aus. Das Gleiche gilt für monumentale Grabbauten und Sarkophage, besonders in Kleinasien, aber auch in Athen.

Kapitel 6 (229-261) behandelt ikonographische Neuerungen. Aus einer ausführlichen Erörterung von Nacktheit und Motiv der Knidia folgert Childs, die Göttin habe die Ikonographie von Sterblichen übernommen. Während mythologische Darstellungen deutlich zurückgehen, nehmen Bilder göttlicher Epiphanien zu. Dabei werden die Götter jünger und erotischer. Es kommt nicht zuletzt bei den Votivreliefs zu einer Vermischung der göttlichen und menschlichen Sphäre. Der täuschende Realismus der Bildwerke maskiert eine tiefere Bedeutung. Personifikationen und Allegorisierungen erläutern sie.

"Stil und Bedeutung" ist das siebte Kapitel (263-295) überschrieben. Es ist ein besonderes Anliegen des Autors, Stil nicht nur als formal zu verstehen, sondern als Zusammenspiel von Form, Typus und Ikonographie, das den Inhalt des Kunstwerks in angemessener Weise zum Ausdruck bringt. Bei aller Eleganz und Üppigkeit der Formen beobachtet man eklektische Rückgriffe auf die Hochklassik und Archaismus als besonders fromme Darstellung von Göttern. Anschließend wird auch das griechische Porträt behandelt, das weniger auf äußere Ähnlichkeit abzielt als auf den Charakter der Person.

Das achte Kapitel (297-318) fragt nach der Rezeption der Kunst des 4. Jh.s v. Chr. durch die Zeitgenossen. Eine Hauptquelle ist Platon, der durchaus nachvollzog, was den Zeitgenossen gefiel, der aber die Realistik der Mimesis als Täuschung ablehnte. Anderen ist die Phantasia wichtig als das geistige Bild einer Sache, das aber nicht richtig sein muss. Zwischen physischer Schönheit und Charakter wird unterschieden. Der Subjektivität der Künstler entspringt die Eigenart ihrer Stile. Lysippos stellt die Menschen dar, nicht wie sie sind, sondern wie sie erscheinen. Der Kairos, der gewählte Moment, ist entscheidend. Der Betrachter muss den unvollendeten Vorgang einer Darstellung nachvollziehen.

Auf die Zusammenfassung (319-324) folgen eine Bibliographie, ausführliche Indizes und 285 gut gewählte Abbildungen, von denen allerdings viele durch einen Grauschleier um ihre Plastizität gebracht werden. Einige topographische Schnappschüsse in Farbe wären besser durch Rekonstruktionszeichnungen der weitgehend zerstörten Bauten ersetzt worden.

William A. P. Childs hat in diesem Buch den Ertrag langjähriger Forschungen vorgelegt, deren Breite durch zahlreiche Verweise auf die internationale Literatur unterstrichen wird. Dass das letzte Jahrzehnt nur noch in einzelnen Nachträgen berücksichtigt wurde, wird man verschmerzen. Wer immer sich mit diesem herausragenden Jahrhundert der antiken Kunstgeschichte beschäftigen möchte, wird in der eher nüchternen Darstellung reichliche Auskunft und Anregung finden.

Volker Michael Strocka