Rezension über:

Mario Wenzel: Arbeitszwang und Judenmord. Die Arbeitslager für Juden im Distrikt Krakau des Generalgouvernements 1939-1944, Berlin: Metropol 2017, 399 S., 10 s/w-Abb., 2 Tbl., ISBN 978-3-86331-354-8, EUR 24,00
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Rezension von:
Frank Grelka
Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/O.
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Frank Grelka: Rezension von: Mario Wenzel: Arbeitszwang und Judenmord. Die Arbeitslager für Juden im Distrikt Krakau des Generalgouvernements 1939-1944, Berlin: Metropol 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 2 [15.02.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/02/32296.html


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Mario Wenzel: Arbeitszwang und Judenmord

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Die regionalgeschichtliche Studie ist die überarbeitete Fassung der Doktorarbeit, die Mario Wenzel 2014 bei Wolfgang Benz am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin eingereicht hat. Damit liegt der Holocaust-Forschung erstmals eine systematische Untersuchung der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in sogenannten Zwangsarbeitslagern für Juden (ZALfJ) im Distrikt Krakau des Generalgouvernements vor.

Die Darstellung weist eine chronologische Struktur auf. Souverän handelt der Autor im ersten Teil die Lagertopographie seit der deutschen Besetzung Polens im September 1939 ab; im zweiten Abschnitt geht es dann um die Geschichte der Lager seit Beginn des industriellen Mordens in den Vernichtungslagern der "Aktion Reinhardt". Im Kern untersucht die Studie den Zeitraum zwischen Frühjahr 1942 und der Auflösung der Arbeitslager im Sommer 1944. Hier verortet der Autor drei von vier "Phasen der Entwicklung der Arbeitslager für Juden" am Ende eines Prozesses, für den er nicht von einem zielgerichteten Konzept der "Vernichtung durch Arbeit" ausgeht.

Im Zentrum der empirisch jederzeit überzeugenden Monographie stehen 25 ZALfJ, die der Autor aus Sicht jüdischer, nicht-jüdischer und deutscher Quellen beschreibt. Besonders gut belegt er die Geschichte von zwei Arbeitslagern im heutige Südosten Polens: Im ZALfJ Szebnie des SS- und Polizeiführers Krakau unweit von Jasło vegetierten rund 3.000 Polen und Juden seit 1943 unter erbärmlichen Bedingungen in Pferdebaracken. Ebenfalls im Bieszczady-Gebirge, in Czarny Dunajec, verrichteten jüdische Arbeiter Zimmererarbeiten im Auftrag der deutschen Rüstungsindustrie, ehe sie im Mai 1943 in einem weiteren Lager ums Überleben kämpften.

Analytisch besonders interessant ist der erste Teil der Studie, der belegen kann, dass die ZALfJ nicht erst nach den Entscheidungen der Wannseekonferenz, sondern bereits seit Beginn der deutschen Besatzungspolitik ein zentrales Instrument zur Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in der Region Krakau war. Dieser Abschnitt überzeugt besonders, weil der Verfasser weitgehend aus der Perspektive jüdischer Institutionen argumentiert. Nach den Erlassen zur Arbeitspflicht und der Errichtung von Judenräten im Herbst 1939 waren es nämlich die Judenräte, die genötigt wurden, das Netz der ZALfJ zu unterhalten. Sie hatten auf Befehl der deutschen Arbeitsverwaltung Arbeiter zu rekrutieren, Lagerinsassen zu transportieren und für den Lebensunterhalt der zurückgelassenen Familien zu sorgen.

Diese erste Phase, so konstatiert der Autor, könne aber nicht als Anfang des "Judenmords unter dem verschleiernden Mantel des Arbeitseinsatzes" bezeichnet werden (117). Diese Feststellung, die der Autor explizit auf das gesamte ZALfJ-Netz im Generalgouvernement bezieht, kann die Studie nur im Hinblick auf den Distrikt Krakau belegen. Die soziale Marginalisierung der jüdischen Bevölkerung durch ein System meist unbezahlter Lagerarbeit in einem das ganze Generalgouvernement überspannenden Netz von ZALfJ jedoch begann, das legen neuere Quellenfunde nahe, bereits im Sommer 1940, und geht auf die Initiative der Regierung von Hans Frank zurück [1]. Bereits diese Entwicklung, und nicht etwa erst die seit 1942 entstandenen Arbeitslager, wie der Autor an gleicher Stelle feststellt, waren eine Reaktion auf gescheiterte Berliner Pläne einer Massendeportation nach Madagaskar oder in sowjetische Gebiete.

In Kapitel 3 ist nachzulesen, wie im Krakauer Distrikt jüdische Arbeiter im Zuge der deutschen Aufmarschpläne für den Angriff auf die Sowjetunion in produktiven Infrastrukturprojekten schufteten, vor allem auf Baustellen der Reichsbahn und der Wehrmacht. Die Annahme des Verfassers, die Lebensbedingungen in Verfolgungsorten in anderen Verwaltungsgebieten seien mit den Lagern im Krakauer Distrikt zu vergleichen, greift allerdings zu kurz: Zwangsmigration und Zwangsarbeit waren von Anfang an Kernstück der Politik der deutschen Zivilverwaltung. Das hatte etwa zur Folge, dass aus der Region Krakau allein zwischen November 1940 und April 1941 9.000 jüdische Residenten in den Distrikt Lublin verbracht wurden, wie David Silberklang zeigt [2]. Dort dominierten die berüchtigten Meliorationslager der Wasserwirtschaftsverwaltung, mit erheblich negativeren Folgen für die Lebenserwartung als für die Insassen der oftmals produktiveren Lager in der Region Krakau.

Vielleicht hätte der Arbeit ein komparatistischer Blick auf jüdische Gemeinwesen über den Distrikt Krakau hinaus gutgetan. Während in den anderen Distrikten die Anzahl der Arbeitslager jene der Ghettos teilweise erheblich überstieg, war die Gesamtentwicklung im Distrikt Krakau doch wesentlich von Zwangsmigration in Ghettos geprägt. Eben weil die Verfolgten hier noch Optionen hatten, prekären Arbeitsverhältnissen mit direkter physischer Nötigung zu entkommen, taugt die Region Krakau als pars pro toto nur bedingt. Schließlich unterschied sich über den gesamten Untersuchungszeitraum das deutsche Konzept der Arbeit nicht unerheblich von einem zum anderen Lagertyp (Straßenbau, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft). Für die Einordnung der ZALfJ in den Gesamtkomplex der Verfolgung und Vernichtung wählt der Verfasser den Begriff der "exzessive[n] Ausbeutung" (333), der die Lebenswirklichkeit jedoch recht unscharf charakterisiert. Auch weil es oftmals nicht die Arbeitsbedingungen an sich, sondern die prekären Lebensverhältnisse in den Lagern waren, die zu einer bis 1942 noch unsystematischen Dezimierung der polnisch-jüdischen Bevölkerung im Generalgouvernement (GG) führen sollte [3].

Insgesamt aber legt Mario Wenzel insbesondere für den Zeitraum ab 1942 ein sehr gut lesbares und quellengesättigtes Referenzwerk zur Bedeutung der Zwangsarbeit für den Holocaust in Polen vor. Nicht zuletzt, weil die Studie zwischen den Zeilen bestätigt, was sie teilweise zu entkräften sucht: Jenseits der Praxis in den sogenannten Zwangsarbeitslagern für Juden gab es bis zum industriellen Mord in den Vernichtungslagern keinen belegten Plan zur Vernichtung der europäischen Juden im Generalgouvernement.


Anmerkungen:

[1] Marta Janczewska (ed.): Archiwum Ringelbluma. Konspiracyjne Archiwum Getta Warszawy, Bd. 24. Obozy pracy przymusowej, Warszawa 2015.

[2] David Silberklang: Gates of Tears. The Holocaust in the Lublin District, Jerusalem 2013, 161-162.

[3] Frank Grelka: Rural Hubs of Early Destruction: The Waterworks' Camps in the Lublin District, 1940-1942, in: Yad Vashem Studies 45 (2017), 39-67.

Frank Grelka