Rezension über:

Tobias E. Hämmerle: Flugblatt-Propaganda zu Gustav Adolf von Schweden. Eine Auswertung zeitgenössischer Flugblätter der Königlichen Bibliothek zu Stockholm, Marburg: Büchner Verlag 2019, 577 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-96317-164-2, EUR 45,00
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Rezension von:
Werner Telesko
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Werner Telesko: Rezension von: Tobias E. Hämmerle: Flugblatt-Propaganda zu Gustav Adolf von Schweden. Eine Auswertung zeitgenössischer Flugblätter der Königlichen Bibliothek zu Stockholm, Marburg: Büchner Verlag 2019, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/33426.html


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Tobias E. Hämmerle: Flugblatt-Propaganda zu Gustav Adolf von Schweden

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Die Bedeutung der frühneuzeitlichen Gattung der illustrierten Flugblätter ist spätestens seit den bahnbrechenden Untersuchungen von Wolfgang Harms, Michael Schilling, John Roger Paas und Hellmut Zschoch [1] verstärkt in den Fokus der geschichtswissenschaftlichen Disziplinen geraten. Wie kaum ein anderes Medium scheint das Flugblatt vor allem aus mediengeschichtlicher und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive ein vielversprechender Gegenstand von Untersuchungen zu sein, was auch mit dem Umstand zu tun hat, dass die entsprechenden Dokumente gleichermaßen ikonografisch interessant wie - hinsichtlich ihrer zum Teil ausführlichen Textierung - den Atem der Geschichte zu verkörpern scheinen.

Der schwedische König Gustav II. Adolf (1594-1632) ist diesbezüglich eine herausragende Figur, da seine Landung in Usedom (1630) zur selbsternannten Rettung der protestantischen Sache durch Flugblätter und -schriften medial intensiv begleitet wurde. So nimmt es auch nicht wunder, dass jene zeitgenössischen Flugblätter, die während der "schwedischen" Phase des Dreißigjährigen Krieges (1630-1635) entstanden, in besonderer Weise der inszenatorischen Modellierung einer Herrschergestalt politischen und quasi-religiösen Zuschnitts verpflichtet sind. Daraus resultiert eine Fülle von Attributsetzungen des gefeierten Regenten, die von der Stilisierung als herausragender Feldherr, als antike oder alttestamentarische Heldengestalt über die unkonventionelle Zuschreibung als heilender Arzt des erkrankten Sacrum Imperium bis zur sagenumwobenen Rolle als "Löwe aus Mitternacht" reichen.

Der österreichisch-schwedische Historiker Tobias E. Hämmerle hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf der Basis seiner an der Universität Wien 2016 approbierten Masterarbeit dieses facettenreiche publizistische Bild des schwedischen Königs in Gestalt von 85 illustrierten Flugblättern aus der Königlichen Bibliothek in Stockholm, die noch nie in einem eigenen Katalog präsentiert wurden, zu analysieren. Die Beschränkung auf den Fundus einer speziellen Sammlung muss dabei keine Einschränkung darstellen, verfügt doch die Stockholmer Bibliothek über einen äußerst repräsentativen Bestand, der im Rahmen von Hämmerles Buch detailliert beschrieben und in wortgetreuen Transkriptionen vorgestellt wird.

Die Arbeit verfolgt grundsätzlich mehrere Ziele - zum einen die Aufarbeitung des Materials als Katalog, der editorisch sorgfältig gearbeitet ist (223-567), des Weiteren die Darstellung des Wandels der Repräsentationen Gustav Adolfs in der Flugblatt-Propaganda (71-211) und schließlich die Problematisierung der zeitlichen Reichweite dieser Images von Gustav Adolf in der protestantischen Publizistik, hinterfragt doch Hämmerle den bisherigen Konsens der Flugblatt-Forschung, wonach Gustav Adolf ab 1634 - aber spätestens ab 1635 - nicht mehr Teil der protestantischen Propaganda gewesen sei.

Hämmerle zeigt auf, dass Produktion und Verbreitung der pro-schwedischen Flugblätter bestimmten Konjunkturen unterlagen, wobei die siegreiche Schlacht bei Breitenfeld (1631) als signifikantes Datum fungiert, das zugleich den Wandel zu stärker heilgeschichtlich motivierten Erklärungsmustern der Rolle[n] Gustav Adolfs markiert. Diese wurden ein Jahr darauf in Bezug auf die Interpretation des Schwedenkönigs als gottgleiche Figur sogar noch gesteigert: Sein Tod in der Schlacht bei Lützen (1632) eröffnete die einmalige Gelegenheit der Instrumentalisierung des Herrschers als (frommer) Märtyrer; zugleich - so Hämmerle - blieben Bilder Gustav Adolfs, bei gleichzeitigem Rückgang von dessen publizistischer Präsenz, bis in die frühen vierziger Jahre erhalten. Dies ist nicht ohne Bedeutung, da die positive Imagebildung des Schwedenkönigs nach 1632 von der im Reich marodierenden schwedischen Soldateska konterkariert wurde und solcherart auch der vitale Mythos des gottgleichen "Retters" letztlich nicht mehr aufrecht zu erhalten war.

In methodischer Hinsicht kommt Hämmerle das Verdienst zu, Text und Bild als gleichberechtigte Bestandteile der Aussage analysiert zu haben, wobei als übergreifender Umstand auffällt, dass viele Bildmotive dem allgemeinen Repertoire der Zeit entnommen sind. Die Blätter können demnach nur durch die jeweiligen (deskriptiven oder legitimatorischen) Textbestandteile ihre Aufgabe als Verweise auf konkrete historische Sachverhalte erfüllen. Die Komplexität der Text-Bild-Konfigurationen, und dies wäre ein weiteres grundlegendes Kennzeichen der von Hämmerle behandelten Materie, ist nicht zuletzt auch daran erkennbar, dass Flugblätter höchst innovative Gattungsmischungen repräsentieren, die von emblemartigen Zusammenstellungen (Nr. FGA45) bis zu konventionellen Herrscherporträts (Nr. FGA48b) und wörtlichen Übernahmen lutherischer Propaganda (Nr. FGA55) reichen.

Wesentlich in Bezug auf eine Einordnung der unterschiedlichen Imagebildungen Gustav Adolfs wäre ohne Zweifel ein (zumindest zusammenfassender) Vergleich mit den Repräsentationen anderer Feldherren- und Herrschergestalten im Dreißigjährigen Krieg gewesen. An diesem Punkt würde nämlich deutlich werden, dass der schwedische König mit der gesamten Breite des ikonografischen Repertoires in Verbindung gebracht wurde, wie dies bei den Propagandastrategien der kontinentalen Fürstenhäuser nicht zu beobachten ist. Ob dieser Zugriff auf durch Tradition geheiligte ikonografische Muster mit den äußerst ambitionierten politischen Ansprüchen des Schweden aus der vergleichsweise jungen Wasa-Dynastie zusammenhängt, sei hier dahingestellt, aber eine derart zugespitzte und auf die Person eines vermeintlichen "Retters" hin orientierte Bildsprache, wie sie für Gustav Adolf nachgewiesen werden kann, ist auf katholischer Seite weder bei Kaiser Ferdinand II., noch bei Tilly oder Wallenstein zu belegen.

Hämmerles Buch zeigt in verdienstvoller Weise anhand eines Protagonisten des Dreißigjährigen Krieges die weiten Möglichkeiten der Modellierung einer Herrscherfigur in Text und Bild auf. Zugleich bewegt sich das Anspruchsniveau des Schwedenkönigs ständig in Relation zum politischen und konfessionellen Gegner. Insofern wäre für ein vollständiges Verständnis der "Bilder" und "Gegenbilder" in Flugblättern die komparatistische Perspektive vonnöten, welche die zukünftige Flugblatt-Forschung stärker beschäftigen sollte.


Anmerkung:

[1] Hellmut Zschoch: Größe und Grenzen des "Löwen von Mitternacht". Das Bild Gustav Adolfs in der populären protestantischen Publizistik als Beispiel religiöser Situationswahrnehmung im Dreißigjährigen Krieg, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 91 (1994), 25-50; John Roger Paas: The Changing Image of Gustavus Adolphus on German Broadsheets, 1630-3, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 59 (1996), 205-244; Wolfgang Harms: Gustav Adolf als christlicher Alexander und Judas Makkabaeus. Zu Formen des Wertens von Zeitgeschichte in Flugschrift und illustriertem Flugblatt um 1632, in: Wirkendes Wort 35 (1998), 168-183.

Werner Telesko