Rezension über:

Robert Knight: Slavs in Post-Nazi Austria. Carinthian Slovenes and the Politics of Assimilation, 1945-1960, London: Bloomsbury Publishing 2017, IX + 249 S., ISBN 978-1-4742-5890-6, GBP 76,50
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Rezension von:
David Schriffl
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
David Schriffl: Rezension von: Robert Knight: Slavs in Post-Nazi Austria. Carinthian Slovenes and the Politics of Assimilation, 1945-1960, London: Bloomsbury Publishing 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 10 [15.10.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/10/30201.html


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Robert Knight: Slavs in Post-Nazi Austria

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Robert Knights Studie ist eine quellenreiche Untersuchung zu einem stets kontroversen Thema. Die relativ kurze Arbeit ist chronologisch gegliedert, beginnt mit einem historischen Rückblick von der Monarchie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, um dann die Formierung der Landespolitik, den Einfluss des Kalten Kriegs, Lobbying gegen das Slowenische und schließlich die "Zerstörung" des bilingualen Volksschulsystems aufzugreifen. Im Anhang enthält das Buch auch Zahlen über den zweisprachigen Unterricht und Volkszählungsergebnisse.

Schon im Titel kommt die grundlegende These zum Ausdruck, dass die österreichische und vor allem die Kärntner Politik in einem großen Teil ihres politischen Spektrums fast durchwegs auf Assimilation der slowenischen Minderheit ausgerichtet war. Ehemalige Nationalsozialisten, die hier besonders zahlreich waren, stellten nach Robert Knights Ansicht nicht nur eine - wie auch im Rest Österreichs - bald nach 1945 umworbene Wählergruppe dar, sondern sie bildete eine zahlenmäßig derart starke und einflussreiche Pressure-Group, dass die Grundlinien ihrer Politik auch zu Leitlinien der Landespolitik geworden seien. Der Autor geht sogar soweit, der ersten Generation Kärntner Nachkriegspolitiker "die Abwesenheit eines antinationalsozialistischen Konsenses" zu attestieren, die er auf das Fehlen einer gemeinsamen Widerstandserfahrung zurückführt. (28). Das Feld der Auseinandersetzung, das Knight untersucht, ist die Schul- und Sprachpolitik. Nach einer Einigung im Oktober 1945, die noch flächendeckenden bilingualen Unterricht im zweisprachigen Gebiet vorsah, schlug das Pendel nachhaltig in die Gegenrichtung aus. Unter der Parole, dass kein "deutsches" bzw. deutschsprachiges Kind gezwungen werden solle, Slowenisch zu lernen, und die Eltern das Recht haben sollten, über die Unterrichtssprache ihres Kindes zu entscheiden, wurde der zweisprachige Unterricht sukzessive zurückgedrängt.

Knight weist hier auf mehrere Aspekte hin, die zu dieser Entwicklung beigetragen hätten: Da wäre die Unlust der Wiener Zentrale, die "heiße Kartoffel" selbst in die Hand zu nehmen; daher räumte sie der Landespolitik viele Regelungsmöglichkeiten ein. Darüber hinaus wirkten die Einflüsse des Kalten Kriegs und damit der internationalen Politik, wo Jugoslawien ab 1948 die sowjetische Unterstützung für seine Forderungen verlor und die Westalliierten sich weniger Sorgen um neonazistische Umtriebe machten als um möglichen kommunistischen Einfluss auf ein Land, das dem Westen zugerechnet wurde. Die Haltung der Briten in der Frage vergleicht Knight sogar mit jener Chamberlains in Bezug auf das Sudetenland. Auch strukturelle Faktoren wie sozioökonomische Vorteile durch den Gebrauch der deutschen Sprache werden thematisiert. Ein Schwerpunkt der Argumentation liegt jedoch auf ehemaligen Nationalsozialisten, die die Niederlage ihres Gesellschaftsmodells nie verwunden und in der - den Sprachstatistiken zufolge - zunehmend erfolgreichen Germanisierungspolitik eine Art Fortsetzung des Kampfes mit anderen Mitteln gesehen hätten. Ein Instrument hierzu war auch die "Erfindung der Windischen", einer Gruppe mit slowenischem Dialekt, die teils mit ethnobiologischen Argumenten als den Deutschen näherstehend gesehen wurden. Die diskursive Aufspaltung der Minderheit in Windische und Slowenen sollte diese weiter schwächen. Auch eine übertriebene Sorge vor jugoslawischen Gebietsansprüchen sei gegen die Minderheit instrumentalisiert worden. Als Endpunkt dieser Entwicklung nimmt Knight das Minderheitenschulgesetz von 1959. Dieses bezeichnet er als "retroaktive Legitimation eines illegalen regionalen fait accomplis, das von anti-slowenischen Aktivisten, viele davon frühere Unterstützer des Nationalsozialismus, dem Kärntner Landeshauptmann aufgezwungen wurde" (123).

Knight beschränkt sich nicht auf Sekundärliteratur, sondern entwirft aufgrund eines breiten Spektrums an Quellen eine eigene Sicht der Dinge. Dabei spricht er auch seiner Meinung nach fehlerhafte oder unausgewogene Interpretationen von Kollegen an. So, wenn er zum Beispiel Wolfgang Mueller und Peter Ruggenthaler vorwirft, Quellen, die den sowjetischen Wunsch deutlich machen, die Besetzung Österreichs bereits im Frühjahr 1948 zu beenden, nicht ausreichend zu würdigen. Ebensolche Kritik wird geübt, wenn er "tendenziöse" Meinungen anprangert, die das Gesetz von 1959 noch immer als "solide Basis" für die österreichische Minderheitenpolitik feiern (123, Fußnote 1). Er kritisiert auch Stefan Karner für seine Einschätzung, der Kärntner Heimatdienst habe "auf den Druck tausender Eltern" reagiert. Knight ist dagegen der Meinung, Karner habe den Druck auf slowenische Eltern ignoriert, ihre Kinder vom zweisprachigen Unterricht abzumelden. Auch habe er den berühmten Artikel 7 des Staatsvertrages nicht in seiner Gesamtheit berücksichtigt, dessen Ziffer 5 bestimmt: "Die Tätigkeit von Organisationen, die darauf abzielen, der kroatischen oder slowenischen Bevölkerung ihre Eigenschaft und ihre Rechte als Minderheit zu nehmen, ist zu verbieten." Knight sagt es nicht direkt, deutet aber an, dass Organisationen wie der Kärntner Heimatdienst und andere zum damaligen Zeitpunkt seiner Meinung nach wohl hätten verboten werden müssen.

Sein Verdienst ist die Nutzung umfangreichen Quellenmaterials, das einen tiefen Einblick in die Kärntner Minderheitenpolitik der ersten 15 Nachkriegsjahre gibt. Interessant sind auch die damaligen Äußerungen prominenter Bundespolitiker zu lesen, etwa wenn Bruno Kreisky 1958 dem jugoslawischen Botschafter ganz im Sinne der Gegner des zweisprachigen Unterrichts mitteilte, dass weder Slowenen noch Deutsche gezwungen werden sollten, in einer fremden Sprache unterrichtet zu werden, ebenso wie Katholiken nicht zu gemeinsamem Religionsunterricht mit Protestanten gezwungen werden könnten. Adolf Schärf wiederum sprach sich 1952 gegen ein slowenischsprachiges Gymnasium aus, da dort Intellektuelle mit chauvinistischen Tendenzen herangezogen werden könnten. Manche Schlussfolgerungen und Kritikpunkte dürften - so sie entsprechend wahrgenommen werden - wohl durchaus kontrovers diskutiert werden.

Es bleibt zu hoffen, dass die Entspannung, die 2011 die "Lösung des Ortstafelstreits" - der im besprochenen Zeitraum übrigens noch keine Rolle gespielt hat - gebracht hat, von Dauer ist und Motivlagen, wie sie Knight für die Nachkriegszeit beschreibt, endgültig der Vergangenheit angehören.

David Schriffl