Rezension über:

Linda von Keyserlingk-Rehbein: Nur eine »ganz kleine Clique«? Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944, Berlin: Lukas Verlag 2018, 707 S., 90 s/w-Abb., ISBN 978-3-86732-303-1, EUR 34,90
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Rezension von:
Christoph Studt
Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Studt: Rezension von: Linda von Keyserlingk-Rehbein: Nur eine »ganz kleine Clique«? Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944, Berlin: Lukas Verlag 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 10 [15.10.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/10/31650.html


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Linda von Keyserlingk-Rehbein: Nur eine »ganz kleine Clique«?

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Die Literatur über den Widerstand im "Dritten Reich" ist mittlerweile kaum noch überschaubar. Wir wissen viel über den Staatsstreich vom 20. Juli 1944 als seinem vielleicht markantesten Ausdruck: seine Vorgeschichte, seinen Ablauf, seine Folgen wie seine Rezeption. Und doch ist man immer wieder verblüfft, wie vieles noch immer unbekannt ist, auch nach 75 Jahren. Man könnte das auch umdrehen und sagen: Obwohl das alles erst 75 Jahre her ist. Letzteres hängt natürlich eng mit dem Zwang zur Konspiration zusammen, die eine solche Aktion unbedingt braucht, um eine Chance auf Gelingen zu haben. Jeder Beteiligte weiß nur soviel, wie er wissen muss, möglichst wenige Informationen werden dem Papier anvertraut.

Fast alle vor dem "Volksgerichtshof" angeklagten Verschwörer sind mittlerweile in der einen oder anderen Form biografisch gewürdigt worden. Aber waren das tatsächlich alle Beteiligten? Bislang gab es keine genaue Analyse zum Aufbau und zur Dynamik jenes geheimen Netzwerkes, das den 20. Juli vorbereitete, durchführte und - nicht zuletzt - nach gelungenem Attentat "fortführen" sollte.

Der 20. Juli scheiterte, und der völlig überraschte NS-Sicherheits- und Geheimdienstapparat setzte alles daran, die Hintergründe des Staatsstreiches auszuleuchten, der Beteiligten habhaft zu werden. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, hielt man strikt an jenem ersten Urteil fest, das Adolf Hitler selbst unmittelbar nach dem missglückten Attentat geäußert hatte: Nur "eine kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere" habe ein Komplott zu seiner Beseitigung geschmiedet. Dies blieb die Devise für die Öffentlichkeit, die so oft wiederholt wurde, dass sie bis heute nachwirkt. In Wirklichkeit ermittelte eine Sonderkommission der Gestapo, die bald auf 400 Mitarbeiter anwuchs, fieberhaft.

Die Recherchen und Ermittlungsergebnisse der Gestapo sind der Ausgangspunkt der Studie Linda von Keyserlingk-Rehbeins. Sie möchte das Netzwerk des 20. Juli 1944 so weit rekonstruieren, wie das heute noch möglich ist. Die Gestapoermittlungen in Form der "Kaltenbrunner-Berichte" sind gewissermaßen nur eine Folie, über die sie weitere Folien legt: Verhörprotokolle und Ermittlungsberichte, Anklageschriften und Urteile, Prozessberichte und Verfahrensakten, Filme und Tonmitschnitte werden ebenso ausgewertet wie Tagebücher und private Korrespondenzen der Verschwörer, Archivalien und Erträge der Forschung. Es ist ein immenses Material das die Autorin durchgearbeitet hat, um es in Beziehung zu setzen und in ihrer gut 700 Seiten umfassenden Dissertation sinnreich zusammenzufügen.

Was ist dabei nun herausgekommen? Herausgekommen ist die Rekonstruktion des Beziehungsgeflechts der am 20. Juli Beteiligten: Wer war dabei, wer holte wen auf welcher Basis in den Kreis, wer war für welche Aufgabe zu gebrauchen, wer stand im Zentrum, wer mehr an der Peripherie? Wie erkannte man Gleichgesinnte, wem konnte man vertrauen, waren es verwandtschaftliche, freundschaftliche oder dienstliche Kontakte, die nutzbar gemacht werden konnten? Und diese Rekonstruktion geht weit über das hinaus, was die Gestapo seinerzeit hatte herausfinden können.

Denn ergänzend zur klassischen geschichtswissenschaftlichen Quellenkritik, Interpretation und Diskussion der Quellen, die besonders für den Umgang mit dem "Tätermaterial" der "Kaltenbrunner-Berichte" unverzichtbar sind, hat Keyserlingk-Rehbein die Methode der kommentierten Netzwerkanalyse angewendet, die nicht zuletzt in grafischer Form die Kontakte der Verschwörer untereinander optisch nachvollziehbar macht. Die in gewisser Hinsicht an die Schnittmusterbögen von "Burda-Moden" erinnernden Grafiken, die man ihres im wahrsten Sinne des Wortes verdichteten Informationsgehalts wegen gerne in Plakatgröße vor sich ausbreiten würde, zeigen nicht nur, wer wen kannte, sondern weisen durch die Kontakthäufigkeit untereinander jeder Person ihren jeweiligen "Stellenwert" im Beziehungsgeflecht der Verschwörung zu. Dabei gibt es interessanterweise wesentliche Unterschiede zwischen den Ermittlungsergebnissen der Gestapo und der von der Autorin ermittelten tatsächlichen Kommunikation bzw. deren Bedeutung. Für manche Zusammenhänge waren die Ermittler blind, anderes konnten die Verhafteten verschweigen oder uminterpretieren. Deshalb blieben, um nur ein Beispiel zu nennen, die ins Jahr 1938 zurückführenden Widerstandsspuren weitgehend unbeachtet, wichtige Verbindungen (und damit Personen) unentdeckt.

Dass von einer "kleinen Clique" nicht die Rede sein konnte, mag den Gestapobeamten spätestens aufgegangen sein, als sich ihnen ein Beziehungsgeflecht von 132 Personen auftat, doch Keyserlingk-Rehbein kann den Kreis der Verschwörer um 70 weitere Personen ergänzen. Durch die angewandte Methode wird sehr viel deutlicher als das bisher der Fall war, dass es sich beim 20. Juli keineswegs um eine in erster Linie vom Militär geprägte Aktion gehandelt hat, sondern neben den Offizieren gleichgewichtig alle nur denkbaren zivilen Gesellschaftskreise mit einbezogen waren: Verwaltungsbeamte, Diplomaten, Industrielle, Theologen, Gutsbesitzer, Gewerkschafter und Sozialdemokraten. Jeder findet in der grafischen Darstellung seinen Platz, je nach Intensität seiner Einbindung und Vermittler-Relevanz mal als dicker, mal als kleinerer "Knoten" in diesem Netzwerk. Die Entdeckung, ja der Ausfall jedes Einzelnen konnte Probleme bringen, weitere Beteiligte gefährden, u.U. sogar das Netz zum Teil oder als Ganzes auf Zeit lahmlegen oder gar zerstören. Diese Einbettung ins Gesamtgefüge nimmt den großen Gestalten des Widerstandes nichts von ihrem Glanz, aber in dieser neuartigen Perspektive wird doch sichtbar, wer alles neben und hinter ihnen stand, jeder für sich und auf besondere Art und Weise unverzichtbar für ein Gelingen des Gesamtplans. Die präzise Analyse des Aufbaus und der Dynamik dieses geheimen Netzwerks macht den wertvollen Kern dieser beeindruckenden Studie aus.

Der Band schließt so viele neue Zusammenhänge auf, sichert bekannte durch erweiterte Quellenschau, dass man die vielgestaltigen Ergebnisse der Arbeit gar nicht in einer Rezension zusammenfassen kann. Linda von Keyserlingk-Rehbeins Buch wird künftig eine unverzichtbare Lektüre für jeden sein, der sich mit dem Phänomen des 20. Juli 1944, ja mit den Bedingungen des Widerstandes im "Dritten Reich" überhaupt, auseinandersetzen will. Es hat einen aufschließenden Charakter, der es neben Peter Hoffmanns klassische Studie "Widerstand, Staatsstreich, Attentat" (erstmals 1969) stellt. Wie groß das Interesse an ihren Ergebnissen ist, zeigt die schon erschienene 2. Auflage, ein höchst ungewöhnlicher Vorgang bei Dissertationen und zugleich verdienter Lohn für viele Jahre Kärrnerarbeit.

Christoph Studt