Rezension über:

Arndt Neumann: Unternehmen Hamburg. Eine Geschichte der neoliberalen Stadt (= Nach dem Boom), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2018, 520 S., 88 Abb., 24 Kt., ISBN 978-3-525-35594-7, EUR 70,00
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Rezension von:
Sebastian Haumann
Darmstadt
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Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Haumann: Rezension von: Arndt Neumann: Unternehmen Hamburg. Eine Geschichte der neoliberalen Stadt, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/11/32664.html


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Arndt Neumann: Unternehmen Hamburg

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Das Schlagwort "neoliberale Stadt" wird in der politischen Debatte, aber auch in der Stadtplanung so häufig ohne die nötige historische Tiefe verwendet, um Veränderungen seit den 1970er Jahren zu kritisieren, dass eine fundierte Studie zu diesem Topos genau zur rechten Zeit kommt. Gerade das Beispiel Hamburg, dem Arndt Neumanns Studie gewidmet ist, zeigt die Ambivalenz der Entwicklung. Einerseits wird die Überwindung der Krise der 1970er Jahre als Erfolgsgeschichte erzählt, andererseits verweist das Schlagwort "neoliberale Stadt" auf Phänomene wie die Gentrifizierung von Altbauquartieren oder die Dominanz internationaler Investoren auf dem städtischen Immobilienmarkt. Unterdessen wird beispielsweise die historische Rolle des linksalternativen Milieus oft ausgeblendet, das von der Liberalisierung und Deregulierung profitierte und die Aufwertung der Städte seit den 1970er Jahre entscheidend vorantrieb. Die Studie untersucht die historische Genese der "neoliberalen Stadt" und füllt damit eine wichtige Lücke.

Neumanns Perspektive ist insofern innovativ, als er die Entstehung der "neoliberalen Stadt" in den Zusammenhängen zwischen der Veränderung der Arbeitswelt und der Stadtentwicklung in Folge des "Strukturbruchs" der 1970er Jahre untersucht. Er bindet die übliche Betrachtungsweise, die sich auf Wohnverhältnisse, die Planung des öffentlichen Raums und die Verkehrsinfrastruktur fokussiert an die Frage nach der räumlichen Organisation von Arbeit zurück. Das umfasst sowohl die räumliche Organisation auf gesamtstädtischer bzw. regionaler Ebene, die Ansiedlung von Industrie- und Hafenbetrieben oder die Etablierung neuer Büro- und Wohnstandorte als auch die räumliche Organisation in Betrieben, Büros und Wohnungen. Dazu untersucht Neumann das Wechselspiel aus Raumvorstellungen, baulicher Anordnung, Arbeitsroutinen, sozialen Verhältnissen, die darin (re-)produziert wurden, und dem Selbstverständnis derjenigen, die in diesen Räumen arbeiteten und wohnten. Indem er die Sphären des Wohnens und des Arbeitens auf mehreren Ebenen systematisch aufeinander bezieht, verbindet der Autor aktuelle Ansätze der Geschichte der Arbeit und der Stadtgeschichte miteinander.

Die räumliche Organisation von Arbeit und Stadt, so die zentrale These, habe sich von der Orientierung auf die Industrie gelöst und zunehmend an den Finanzmärkten ausgerichtet. Diese Ausprägung des "Strukturbruchs" in der europäischen Stadtgeschichte zeige sich darin, dass der Typus der "fordistischen Stadt" von der "neoliberalen Stadt" abgelöst worden sei (16). Während diese Beobachtung, so allgemein wie sie formuliert ist, sicherlich zutrifft, bleibt die Verwendung der Typologie und damit auch die Charakterisierung des historischen Wandels recht vage. Neumann verweist nur knapp auf die Konzepte von David Harvey und Margit Mayer, entwickelt daraus aber keinen eigenen Zugriff, der den Typus der "neoliberalen Stadt" stärker historisch einordnet. Stattdessen - und dies ist zugleich der wesentliche Kritikpunkt - beschränkt sich Neumann in weiten Teilen der Studie darauf, den konstatierten, aber nicht näher qualifizierten Wandel zu illustrieren. Er behauptet freimütig, dass ein Großteil der Arbeit "vor allem deskriptiv" sei (22). Allerdings bleiben auch die eher knappen Analysen auf einer mittleren Abstraktionsebene und bieten kaum mehr als schematische Zusammenfassungen. Am Ende muss die Leserin und der Leser selber interpretieren, wie die verschiedenen Faktoren, Dynamiken und Phänomene zu gewichten sind und was sie für den Übergang zur "neoliberalen Stadt" bedeuten.

Der erste Teil des Buches stellt die Entwicklung der für die "fordistische Stadt" paradigmatischen industriellen Arbeitswelten dar. Die behandelten Beispiele fokussieren zum einen auf die Umstellung der Hafenarbeit im Zuge der Containerisierung und der Expansion von Werften und Umschlagplätzen. Ähnlich wandelten sich Arbeitsabläufe im Dienstleistungssektor und bei der Hausarbeit - die Neumann explizit als spezifische Arbeitsform einbezieht - unter dem Eindruck der Rationalisierung. Ob im Hafen, auf Werften in Kaufhäusern, in Großraumbüros oder Küchen, die facettenreiche Darstellung unterschiedlichster Arbeitsorte lässt zahlreiche gemeinsame Muster erkennen, die für die Zeit vor 1973 charakteristisch gewesen sind. Zum anderen betont der Autor im ersten Teil des Buches die Wirkmächtigkeit des Leitbildes der Dezentralisierung. Nicht nur die Industrieproduktion sollte planmäßig im Großraum Hamburg verteilt werden, auch neue Bürostandorte, wie die "City Nord", entstanden dezentral. Dem entsprachen die Dominanz des suburbanen Einfamilienhauses einerseits und der Bau peripherer Großsiedlungen andererseits.

Der zweite Teil des Buches nimmt die Zeit von 1973 bis 1989 unter dem Schlagwort Krise in den Blick. Der Autor beschreibt die Reorientierung von Arbeitswelten und Stadtentwicklung vor dem Hintergrund einer zunächst noch offenen Suche nach alternativen Zukunftsperspektiven. Dass es dabei zu unzähligen Konflikten zwischen divergierenden Zielvorstellungen kam, wird vor allem in den Arbeitskämpfen der 1970er Jahre und später in den Auseinandersetzungen um besetzte Häuser deutlich. Aus Sicht des Ersten Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi etwa stellte gerade die einseitige Orientierung auf den Hafen und die Industrie den Kern des Problems dar, dem er durch die Ansiedlung von Technologie- und Medienunternehmen entgegenwirken wollte. Die damit verbundene Aufwertung kreativer Arbeit teilte auch das linksalternative Milieu, das in den zum Abriss vorgesehen Altbauvierteln entstand, ebenso wie die neue Kritik an Massenkonsum und Massenproduktion, die die bisherige Stadtentwicklung geprägt hatten.

Die sich aus Krise entwickelnde neue Art der Urbanität ist Gegenstand des dritten Teils. In den 1990er und 2000er Jahren setzten sich sowohl in der Arbeitsorganisation als auch in der Stadtentwicklung der Markt und das Netzwerk als neue Paradigmen durch, eng verbunden im Leitbild der "kreativen Stadt". Wie sehr das Ziel der Flexibilität und Kreativität die Arbeitswelt prägte, zeigt sich etwa in den Bürogebäuden, die auf projektorientierte Kooperation und Kommunikation hin gestaltet wurden. Aber auch in der für Hamburg wichtigen Logistikbranche machten sich die Anforderungen an Flexibilität beispielsweise in der Ausweitung der Zeitarbeit und der Verkehrsinfrastruktur bemerkbar.

In allen drei Teilen bietet das Buch einen spannenden und gut strukturierten Einblick in den Wandel Hamburger Arbeitswelten über den "Strukturbruch" der 1970er Jahre hinweg. Neumann beschreibt anschaulich und quellennah eine Vielzahl konkreter Arbeitsabläufe und deren räumliche Organisation. Während er daraus viele interessante Beobachtungen ableitet, führt die Nähe zu den Quellen aber zum Teil auch zu wenig überzeugenden Interpretationen, vor allem dann, wenn sie nicht mit der einschlägigen Sekundärliteratur in Beziehung gesetzt werden oder überlokale Zusammenhänge ausgeblendet bleiben. Immer wieder übernimmt der Autor zeitgenössische Wahrnehmungen unkommentiert, etwa die Einschätzung, die Ölpreissteigerungen der frühen 1970er Jahre hätten zum Ende der Suburbanisierung geführt, oder die Arbeit in den Projekten des linksalternativen Milieus sei Ausdruck einer "allgemeinen Krise der Arbeitsmoral" (220). Während letzteres sicherlich der Meinung einiger Zeitgenossen entspricht, hat Sven Reichardt gezeigt, dass diese Zuschreibung der historischen Analyse nicht standhält.

Insgesamt bietet die Studie informative Beobachtungen zum Wandel der Arbeitswelt und ihrer stadträumlichen Organisation seit den 1960er Jahren. Insbesondere die Verschränkung der Analyse von Arbeitsabläufen mit Fragen der Stadtentwicklung und des Wohnungsbaus inspiriert. Dadurch gelingt es, die These vom "Strukturbruch" mit zahlreichen empirischen Beispielen anschaulich zu illustrieren. Welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Weiterentwicklung von Konzepten wie "Strukturbruch" oder "neoliberale Stadt" aus historischer Perspektive ziehen lassen, macht Neumann nicht deutlich.

Sebastian Haumann