Rezension über:

Horst Carl / Rainer Babel / Christoph Kampmann (Hgg.): Sicherheitsprobleme im 16. und 17. Jahrhundert. Bedrohungen, Konzepte, Ambivalenzen (= Politiken der Sicherheit | Politics of Security; Bd. 6), Baden-Baden: NOMOS 2019, 601 S., ISBN 978-3-8487-5459-5, EUR 124,00
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Rezension von:
Dorothee Goetze
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Dorothee Goetze: Rezension von: Horst Carl / Rainer Babel / Christoph Kampmann (Hgg.): Sicherheitsprobleme im 16. und 17. Jahrhundert. Bedrohungen, Konzepte, Ambivalenzen, Baden-Baden: NOMOS 2019, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/11/33226.html


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Horst Carl / Rainer Babel / Christoph Kampmann (Hgg.): Sicherheitsprobleme im 16. und 17. Jahrhundert

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2016 war der Sonderforschungsbereich "Dynamiken der Sicherheit" (Marburg/Gießen) an zwei Tagungen in Paris und Marburg beteiligt, die programmatisch unter den Begriffen Sicherheit, Sicherheitspolitik und Sicherheitsprobleme standen.[1] Der von Horst Carl, Rainer Babel und Christoph Kampmann verantwortete, dreisprachige Sammelband präsentiert die Ergebnisse dieser Veranstaltungen. Die Publikation nimmt den Zeitraum vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert in den Blick und umfasst neben einer konzeptionellen Einleitung der Herausgeber 22 Beiträge. Abgerundet wird er durch Abstracts zu den einzelnen Aufsätzen sowie das Verzeichnis der Autor*innen.

Die Herausgeber argumentieren, dass Sicherheit ein Schlüsselkonzept des 16. und 17. Jahrhunderts gewesen sei, da "sich gerade in diesen beiden Jahrhunderten die Kontexte und Bezüge, in denen Sicherheit artikuliert wurde, ausdifferenziert haben" (16). Entsprechend definieren sie als Ziel des Sammelbandes, die deutschsprachige und französische historische Sicherheitsforschung und ihre unterschiedlichen Konzeptionen in Dialog zu bringen und ausgehend vom Konzept der Versicherheitlichung neue Perspektiven auf das Thema Sicherheit zu ermöglichen (12-16). Dabei bleibt der Band allerdings nicht bei einem engen deutsch-französischen Vergleich stehen, wie etwa die Studien von Christian Mühling zur englisch-französischen Debatte im Umfeld der Glorious Revolution (327-342) oder Andreas Würglers zur Eidgenossenschaft (403-427) zeigen.

Inhaltlich strukturieren vier Schwerpunkte den Band: Zunächst erläutern Lothar Schilling, Peter H. Wilson und Christoph Kampmann begriffliche und konzeptionelle Grundlagen. Mit der Rekonstruktion zeitgenössischer Sicherheitsvorstellungen in Frankreich kontextualisiert Schilling Sicherheit (29-57). So sei Sicherheit sowohl auf innerweltliche Kontexte als auch auf die jenseitige Welt angewandt worden. Kontexte für Sicherheitsdiskurse seien Religion, Außenbeziehungen, Frieden und die öffentliche Ordnung gewesen. Die weiteren Beiträge des Bandes lassen sich alle mindestens einem dieser Themenkomplexe zuordnen. Somit umreißt Schillings Studie zudem den Untersuchungshorizont des Bandes.

Kampmann wiederum zeigt am Beispiel der Politik Kaiser Leopolds I., wie Sicherheit Libertät als Leitvorstellung Ende der 1680er Jahre verdrängte; damit bietet er einerseits einen konkreten Anwendungsfall für das Konzept der Versicherheitlichung, andererseits bestätigt er überzeugend die Einschätzung der Herausgeber zur Relevanz von Sicherheit im 16. und 17. Jahrhundert (91-116).

Bereits in dieser ersten Sektion wird ein weiteres Charakteristikum des Sammelbandes deutlich: das Nebeneinander von Makroperspektive und Detailstudien. Dies wird besonders im zweiten Teil des Bandes offenbar, der Räume der Sicherheit und Unsicherheit in den Blick nimmt. Während drei Beiträge konkrete Mikroräume - die Straßen in Lausanne (Lionel Dorthe), die Stadt Paris (Christian Wenzel) und den Stuttgarter Hof (Regine Maritz) - untersuchen, analysieren die Beiträge von Hugue Daussy, Sven Externbrink und Anuschka Tischer größere Raumeinheiten. Zentral für die Herstellung von Sicherheit in diesen Makroräumen ist in allen drei Aufsätzen die Rolle von festen Plätzen und Festungen. Dabei können die Beiträge von Externbrink und Tischer, die auch die Perspektive des Heiligen Römischen Reiches einbeziehen, durchaus komplementär betrachtet werden, während sich Daussys Studie auf die französischen Religionskriege fokussiert. Wie Kampmann betont auch Tischer den Wandel von Sicherheitskonzeptionen, indem sie nachweist, dass sich die französische Sicherheitspolitik nach dem Westfälischen Friedenskongress weg von kollektiven Sicherheitssystemen hin zu geostrategischen Sicherheitsvorstellungen verschob. Diese Veränderung sei ab 1661 mit einer zunehmend expansiv agierenden Außenpolitik einhergegangen. Entsprechend änderte sich aber auch die Haltung der Reichsstände, die nach 1661 im französischen König nicht mehr den Protektor gegen die Machtansprüche des Kaisers sahen, sondern sich mit dem Kaiser gegen Frankreich verbanden.

Durch die explizite Betrachtung räumlicher Bedingungen schlagen die Beiträge die Verbindung von historischer Sicherheitsforschung zu der seit dem spatial turn weiterhin lebendigen Auseinandersetzung mit der (Re-)Konstruktion von Raum. Allerdings wird Raum als weitere, ergänzende Analysekategorie kaum explizit reflektiert.

Gemeinsam ist den Beiträgen des Sammelbandes, dass Versicherheitlichung als kommunikativer Akt aufgefasst wird, der Bedrohungen identifiziert und daraus abgeleitete Maßnahmen zur (Wieder-)Herstellung von Sicherheit rechtfertigt. Diese kommunikative Dimension wird besonders in der dritten Abteilung des Bandes betont, die auf vielfältige Weise nach dem Zusammenhang von Sicherheit, Öffentlichkeit und Geheimhaltung fragt. Ulrich Niggemann erweitert die Perspektive auf Versicherheitlichung insofern konzeptionell, als er am Beispiel der öffentlichen Debatte um Sicherheit im Umfeld der Glorious Revolution auf eine "ex-post-Versicherheitlichung" (371) hinweist, die neben der nachträglichen Legitimation der Maßnahmen, die zur Wiederherstellung von Sicherheit ergriffen worden waren, auch eine identitätsstiftende und präventive Funktion hatte. An diesem Beispiel wird in besonderem Maße die Zukunftsorientierung von Sicherheitshandeln und Versicherheitlichung deutlich. Es ging darum, die Bedrohungen der jeweiligen Gegenwart zu überwinden für eine sichere und geordnete Zukunft.

Ebenso wie Philip Haas und Bengt Büttner in ihrer Studie zu den Eheverbindungen Hessen-Kassels heben Sascha Weber und Albert Schirrmeister die Bedeutung von Dissimulation und Schweigen für die Herstellung von Sicherheit hervor. Sowohl in den innerreichischen Konfessionskonflikten des 16. Jahrhunderts (Weber) als auch in der französischen Außenpolitik Ende des 17. Jahrhunderts (Schirrmeister) verfielen die Akteure auf Strategien des Nichtsprechens. Während es bei der Konfessionsfrage darum ging, durch verschleiernde Kompromisse Handlungsräume zu erhalten, beobachtet Schirrmeister mit Bezug auf die spanische Erbfolgefrage ein bewusstes Beschweigen der französischen Diplomatie.

Den umfassendsten Teil des Bandes bildet die vierte Sektion zu Sicherheitsressourcen. Olivier Christin (381-401) und Andreas Würgler diskutieren die Bedeutung von Freundschaft und Einigkeit in französischen und eidgenössischen Diskursen der Versicherheitlichung vor dem Hintergrund konfessioneller Spaltung. Für die Eidgenossenschaft, der auf Bundesebene staatliche sicherheitsrelevante Institutionen fehlten, zeigt Würgler, dass zwar Einigkeit in den Diskursen gegenüber Sicherheit dominierte, aber ähnliche Funktionen übernahm. Die Beiträge von Séverin Duc zur französischen Herrschaft in Mailand, Julien Alerini zum Festungsbau in Savoyen, Pierre-Jean Souriac zur Armierung der Hugenotten im 17. Jahrhundert betrachten die Bedeutung von Gewaltausübung zur Herstellung von Sicherheit. In diesen Studien zeigt sich deutlich der Widerspruch, der Gewaltausübung innewohnt, nämlich das Sicherheitsversprechen bei gleichzeitiger Gefährdung derselben. Es ist schade, dass es bei diesem Aspekt nicht gelungen ist, auch eine deutsche Perspektive hinzuzufügen. Rebecca Valerius und Horst Carl, Marcus Stiebing und Nga Belis-Phan behandeln mit Blick auf das Institut der Geiselstellung, das Reichsrecht und Regulierungen des Schuldenwesens die sicherheitsstiftende Funktion von Recht, aber auch dessen Grenzen.

Die besondere Stärke des Bandes liegt außer im französisch-deutschen Dialog im diachronen Zugang, der konsequent für alle Sektionen der Publikation umgesetzt wird. Zudem wird die vielfältige Anschlussfähigkeit der historischen Sicherheitsforschung an etablierte Forschungsfelder wie etwa die Untersuchung historischer Räume, die Dynastiegeschichte, Historische Friedensforschung und Diplomatiegeschichte deutlich. Den Herausgebern und Beiträger*innen ist es in der Tat gelungen, neue Perspektiven auch auf gut beforschte Themen zu eröffnen, und so das Potential von Verrechtlichung als Analysekategorie erfolgreich zu erproben.


Anmerkung:

[1] Siehe zur Pariser Tagung: https://www.hsozkult.de/event/id/termine-31913 (10.10.2019; 12:34 Uhr).

Dorothee Goetze