Rezension über:

Alfred Grosser: Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz, Berlin: Rowohlt 2011, 228 S., 16 s/w- Tafeln, ISBN 978-3-498-02517-5, EUR 19,95
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Rezension von:
Florian Keisinger
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Florian Keisinger: Rezension von: Alfred Grosser: Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz, Berlin: Rowohlt 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 6 [15.06.2011], URL: https://www.sehepunkte.de
/2011/06/19840.html


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Alfred Grosser: Die Freude und der Tod

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Alfred Grossers "Lebensbilanz" ist keine Biografie im klassischen Sinne, sondern ein Mosaik aus Themen und Erinnerungen, die ihn in seinem intellektuellen Leben begleitet und geprägt haben. Erst im letzten Drittel des Buches, nach gut 190 Seiten, ist in zwei abschließenden Kapiteln von persönlichen Dingen die Rede: Von seiner Kindheit in Paris und Südfrankreich vor und während des Zweiten Weltkrieges, vom engen Verhältnis zu seiner Mutter nach dem frühen Tod des Vaters sowie seiner seit mehr als fünzig Jahren bestehenden Beziehung zu seiner Frau Anne-Marie. Im Mittelpunkt jedoch stehen Fragen der Religion, Ethik und Politik, mit denen sich Grosser zeitlebens (und bis zum heutigen Tag) auseinandersetzt.

Warum befasst sich der - nach eigenen Angaben - Atheist Grosser so intensiv mit Fragen der Religion und ihrer Institutionen? Weil er, so seine Antwort, schon immer die Menschen bewundert habe, die "in ihrem Wesen und ihren Taten, die ihrem Glauben und der von ihm abgeleiteten Moral entsprachen." Seine besondere Hochachtung gilt dabei jenen, "die ihr Leben für verfolgte, erniedrigte Menschen geopfert oder es ihnen gewidmet haben, seien es Christen oder nicht." (218) Sie alle zählt er zu den "echten Christen", was nicht zwangsläufig bedeutet, dass das auch immer von den kirchlichen Einrichtungen so gesehen würde. Vielmehr ist es das Ideal eines an ethischen Werten ausgerichteten, engagierten Lebens, unabhängig davon, ob dahinter religiöse Motivationen stehen oder nicht, das Grosser fasziniert und dem er selbst zu entsprechen versucht.

Sein Feld ist die öffentliche Wirkung. Schon früh, so räumt Grosser freimütig ein, wollte er nicht nur Universitätsprofessor, sondern auch "bekannt" werden. Er sehnte sich nach dem Ruhm sowie der damit verbundenen sozialen und bürgerlichen Anerkennung. Eitelkeiten sind Grosser nicht fremd. Stolz berichtet er von seinen publizistischen Erfolgen, sei es mit seinen Büchern oder in einer der zahlreichen deutschen oder französischen Zeitungen, wo er regelmäßig Stellung bezog. Wenn einer seiner Text in Le Monde auf Seite 1 gedruckt wurde, freute ihn das besonders - zum einen, weil sein Name darunter stand, zum anderen aber eben auch, weil so möglichst viele Menschen seine Botschaften lasen.

Die Themen, mit denen er sich dabei befasste, waren vielfältig; sie behandelten im weitesten Sinne Fragen der deutschen und/oder französischen Politik, der Annäherung und Aussöhnung zwischen den beiden Ländern sowie der Zukunft Europas, wobei für Grosser die gesellschaftlichen Dynamiken der europäischen Einigung immer wichtiger waren als ihre wirtschaftlichen Aspekte. Lediglich an einigen Stellen geht Grosser bei der Rekapitulation seiner unzähligen publizistischen Beiträge, zeithistorischen Bücher und auch Reden etwas zu sehr ins Detail, was dazu führt, dass das Buch mitunter ein wenig kleinteilig ausfällt. Doch im Gegensatz zu so manchem anderen Publizisten, etwa Sebastian Haffner, kann man Grosser nicht vorwerfen, einmal vertretene Meinungen allzu leichtfertig wieder revidiert zu haben. Zumal die Positionen, die Grosser zu vermitteln sucht, an Werte und nicht an die Zeit gebunden sind. Zu ihnen zählen Menschlichkeit und Humanismus, die Freiheit zu Handeln, sowie die Befreiung von Vorurteilen und überkommenen Gebundenheiten. Die Aufklärung ist für Grosser keine abgeschlossene historische Epoche, sondern vielmehr ein Projekt, das es tagtäglich aufs Neue zu bewerkstelligen und voranzutreiben gilt.

Dass Grosser dazu seinen Beitrag geleistet hat, ist unumstritten; doch gilt dies nicht für alle seine Ansichten. Vor allem mit seinen israelkritischen Äußerungen und dem Hinweis auf die Situation der Palästinenser hat Grosser wiederholt für kontroverse Diskussionen gesorgt, wie jüngst im November 2010 anlässlich der Gedenkfeier der Pogromnacht in der Frankfurter Paulskirche. Leider geht Grosser darauf in seinem Buch nicht ein; die Kontroversen, die sein Leben begleiteten, werden weitgehend ausgespart. Dasselbe gilt für das Thema Israel, mit dem er sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder befasst hat. Für den Leser ist das natürlich schade - eine lohnende Lektüre ist Grossers "Lebensbilanz" dennoch.

Florian Keisinger