Rezension über:

Jan Löhdefink: Zeiten des Teufels. Teufelsvorstellungen und Geschichtszeit in frühreformatorischen Flugschriften (1520-1526) (= Beiträge zur historischen Theologie; Bd. 182), Tübingen: Mohr Siebeck 2016, XI + 412 S., ISBN 978-3-16-154449-1, EUR 99,00
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Rezension von:
Daniel Bellingradt
Erlangen
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Bellingradt: Rezension von: Jan Löhdefink: Zeiten des Teufels. Teufelsvorstellungen und Geschichtszeit in frühreformatorischen Flugschriften (1520-1526), Tübingen: Mohr Siebeck 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 1 [15.01.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/01/29391.html


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Jan Löhdefink: Zeiten des Teufels

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Mit der vorliegenden, überarbeiteten Version seiner bei Barbara Stollberg-Rilinger entstandenen Dissertation (Münster 2015) positioniert sich Jan Löhdefink zugleich innerhalb jüngerer Medialitäts-Forschungen zur Reformation [1] sowie historischer Perspektiven auf Temporalitäten. [2] Löhdefink fragt nach der Existenz, Ausprägung und Konturierung einer "spezifisch reformatorische(n) Teufelsvorstellung" (4) und möchte diesen Fragekontexten nachgehen, indem er eine Verbindung zum reformatorischen Zeitbewusstsein herstellt. Kommunikationshistoriografische Basis seiner quellengestützten Erkundungen ist eine Flugpublizistik-Perspektive auf Kommunikationsprozesse. [3]

Die Verbindung zwischen Teufelsvorstellungen der Frühreformation im deutschsprachigen Raum Europas und der im Untertitel erwähnten "Geschichtszeit" wird in der Einleitung skizziert. Mit Bezug zu Achim Landwehrs Überlegungen zu neuzeitlichem "Zeitwissen" und "Zeit-Geschichte" [4], beabsichtigt Löhdefink mit dem Begriff "Geschichtszeit" einen analytischen Zugriff auf "Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive" (10) zu ermöglichen. Die Quellenauswahl (Flugschriften) sowie die Analyseperspektiven auf Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive gliedern den Hauptteil der Studie in Unterkapitel zu "Flugschriftenpublizistik", "Vergangenheitsdeutung", "Gegenwartsverständnis", und "Zukunftsperspektive". Abgerundet wird sie einerseits von einer die Befunde verdichtenden Zusammenfassung und andererseits von einem Bibliografie-Teil, der Quellenzugriff und Literaturnutzung dokumentiert.

Umsichtig diskutiert der Autor im Kapitel "Flugschriftenpublizistik" die Möglichkeiten (und Grenzen) einer kommunikationsanalytischen Nutzung von textlastigen Flugdrucken der Frühen Neuzeit. Zeittypische potentielle (mehrstufige) Anschlusskommunikationen und Rezeptionsmomente von fliegenden Blättern finden hier Beachtung und Betonung. Ebenfalls verortet Löhdefink den Aspekt von Wechselwirkungen von (schriftlichen, mündlichen, visuellen, aktionalen) Kommunikationsakten innerhalb des zeitgenössischen Medienverbundes. Jedoch hätte eine Wahrnehmung der Flugpublizistik-Forschungen zur nachreformatorischen Frühen Neuzeit der Studie nicht geschadet: auch wiederholt Löhdefink einige der eingeengten Flugschriften-Thesen, die im Umfeld der reformatorischen "Massenmedien"-Forschungen um Joachim Köhler während der 1980er-Jahre aufgestellt worden sind. So wird der textlastigen Flugschrift stets die Absicht auf versuchte Meinungsbeeinflussung unterstellt, dazugehörige eventuelle Bildangebote (in Flugblatt und Flugschrift) marginalisiert, und die "fliegende" Funktion der streitbaren Meinungspräsentation in einer Phase zunehmender polyphoner Deutungsoffenheit weitgehend übergangen. Dabei war gerade die anvisierte frühreformatorische Phase von 1520-1526 ein vielstimmiger Zeitraum der Publikation von mehr als 10.000 Flugdruck-Titeln.

Anknüpfend an medientheoretische Überlegungen zur zeitgenössischen Neuartigkeit der schriftbezogenen Frömmigkeitspraxis, etwa jüngst von Marcus Sandl, betont auch Löhdefink eine "im Zuge der Reformation neukonfigurierte Medialität" (50). Flugschriften mit Teufelsthematiken bieten ihm Zugang zu dieser medialen Neukonfiguration, da das Teufelsmotiv eine Differenzierungsmöglichkeit für viele frühreformatorische Flugschriften-Verfasser gewesen sei, um parteiisch und kämpferisch urteilen zu können. Mittels einer dissensualen Kommunikationsstrategie setzten die Verfasser auf eine "Scheidung der Geister, Trennung von Auserwählten und Gottlosen, Unterscheidung von wahrer und falscher Kirche" (54), so Löhdefink. Diese mittels Flugpublizistik kommunizierte angestrebte Differenzierung drehte sich auch um das Teufelsmotiv und zeitigte Konsequenzen, u.a. in der Bewertung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Hierauf gehen die folgenden drei Kapitel exemplarisch-detailliert und tendenziell-übergeordnet ein.

Um die gedanklichen Horizonte frühreformatorischer Flugschriftenverfasser kommunikationssituativ einordnen zu können, widmet sich die Studie zunächst zeittypischen Vergangenheitsdeutungen, in denen das Motiv des Teufels (u.a. als Argument, als Vorwurf, als Phänomen) vorkam. Da Kirchengeschichte sowohl als Erfolgsgeschichte des Teufels als auch als Widerstandsnarrativ gegen teuflischen Einfluss geschrieben werden konnte, existierte eine doppelte teuflische Vergangenheit. Löhdefinks These ist nun, dass mit der Wiederentdeckung der göttlichen Offenbarung durch das Schriftprinzip der Reformation der Teufel wieder als Phänomen deutlicher sichtbarer und deshalb auch thematisiert wurde. Diese Thematisierung sei vor allem im Gegenwartsverständnis von Flugschriften-Verfassern greifbar. Dass der Teufel in der Gegenwart wirke, schien einhellige Meinung zu sein; Unterschiede in der Aktivität und in den daraus zu ziehenden Konsequenzen waren nur graduell ausgeprägt. Für die untersuchten Verfasser war eine sendungsbewusste Heilsgeschichte nur mit Teufels-Thematisierung und Enttarnung zu haben. Der vielfach publizierte Bruchwille mit den als überkommen wahrgenommenen Frömmigkeitsformen des Christentums römischer Prägung vermochte es geschickt am Teufelsargument anzusetzen, so die Herleitung Löhdefinks, um der reformatorischen religiösen Erneuerung mehr differenzierten Ausdruck verleihen zu können. Über die "Negativfolie der Teufelsvorstellungen" (267) wurde folglich die eigene, neue Heilsgemeinschaft opportun organisiert. Grundlage dieser Deutungen war die wahrgenommene "historische Einmaligkeit der Gegenwart" (270), in der es galt, mit alten Traditionen zu brechen. Als Abrisshelfer diente auch das Teufelsmotiv.

Insbesondere in den entwickelten Zukunftsperspektiven der Frühreformation wurde das Teufelsmotiv virulent genutzt, wie die Studie anhand von Flugschriften nachzuweisen vermag. In Erweiterung der bisherigen Forschung zur Deutung und Verortung der Apokalyptik als "kulturellen Code" innerhalb der Reformationsdynamiken (Thomas Kaufmann), positioniert Löhdefink die in Flugschriften geäußerten apokalyptischen Gedankenexperimente in eine dezidiert temporale Perspektive. Unter apokalyptischen Bedingungen, so der Gedankengang, formte sich eine "neue spezifische reformatorische Zeiterfahrung und -wahrnehmung" (335), die als "Verzeitlichung der Apokalypse" beschrieben wird. In der publizierten Kontrastierung von überholten (altgläubigen) Glaubenswelten und neuartigen (reformierten) Praktiken sei eine unterschiedliche Zeitdimension vorhanden. Denn: "Apokalyptische Erwartungen sind vom Wesen her linear-futuristisch konzipiert und grenzen vektorhaft Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft voneinander ab" (347). Derart deutet der Autor die Reformation als "Ausgangspunkt eines genuin neuzeitlichen Verständnisses von Zeit" (335). Während Altgläubige in einem ewigen Zyklus stecken, seien Reformatoren von einem "apokalyptischen Empfinden der eigenen Gegenwart als ablaufender, befristeter Zeit" (351) geprägt. Dieser Empfindungsprozess sei für die untersuchten Flugschriftenverfasser eine beschleunigte Phase subtiler teuflischer Aktivität gewesen, so die zugespitzte Folgerung, in der die einzige Erlösungshoffnung die individuelle Hinwendung zum (eigenen) wahren Christentum darstellte. Aus der exegetischen Erkenntnis, dass eine strukturelle Teufelsaktivität die Vergangenheit und Gegenwart prägte, formte sich also das erlösende Gegenmittel-Argument des eigenen reformatorischen Selbstbildes: als Erlöser von den teuflischen Strukturen in einer bedrohlichen Endzeit konturierten die Flugschriften-Autoren nicht zuletzt die eigene Zugehörigkeit und Rechtgläubigkeit. Löhdefink nennt dies trefflich eine "Selbstverortung der Zeitgenossen" (371).

Die gelungene, quellennah argumentierende Studie überzeugt durch eine innovative motivhistoriografische Erkundungstour eines zentralen neuzeitlichen Kommunikationsprozesses - der Reformation. Dass dem Denktypus "Teufel" eine narrative Funktion und Strahlkraft während und nach der Frühreformation zukam, belegt Löhdefinks Studie in anregender Art. Das formulierte Argument der "Verzeitlichung der Apokalypse" als "reformatorisches Sondergut" (354) mit Moderne-Nachhall mag etwas überbetont und in europäischer Perspektive sicherlich nicht überall treffend sein. Wieso die Studie keine Referenz zu thematischen Flugblättern oder eventuellen Bildgrafiken in Flugschriften enthält, ist dem Rezensenten nicht erklärbar.


Anmerkungen:

[1] Siehe etwa Marcus Sandl: Medialität und Ereignis. Eine Zeitgeschichte der Reformation, Zürich 2011.

[2] Vgl. insbesondere die jüngeren Beiträge von Achim Landwehr, etwa Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert, Frankfurt 2014; ferner: Arndt Brendecke et al. (Hgg.): Die Autorität der Zeit in der Frühen Neuzeit, Berlin 2007.

[3] Daniel Bellingradt / Michael Schilling: Flugpublizistik, in: Natalie Binczek et al. (Hgg.): Handbuch Medien der Literatur, Berlin 2013, 273-289.

[4] Achim Landwehr (Hg.): Frühe Neue Zeiten. Zeitwissen zwischen Reformation und Revolution, Bielefeld 2012.

Daniel Bellingradt