Rezension über:

David M. Pritchard (ed.): The Athenian Funeral Oration. After Nicole Loraux, Cambridge: Cambridge University Press 2024, XXIV + 528 S., ISBN 978-1-009-41308-4, GBP 115,00
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Rezension von:
Gunther Martin
Basel / Bern
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Gunther Martin: Rezension von: David M. Pritchard (ed.): The Athenian Funeral Oration. After Nicole Loraux, Cambridge: Cambridge University Press 2024, in: sehepunkte 25 (2025), Nr. 3 [15.03.2025], URL: https://www.sehepunkte.de
/2025/03/39324.html


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David M. Pritchard (ed.): The Athenian Funeral Oration

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Es sagt einiges über die Bedeutung einer Wissenschaftlerin aus, wenn sie im Titel eines fremden Werkes erscheint. Nicole Loraux' L'invention d'Athènes von 1981 war derart transformativ für das Verständnis der athenischen Gefallenenrede, dass es zu Recht als Neubeginn in der Erforschung des Genres gesehen wird. Zuvor befremdete das Corpus der Logoi Epitaphioi, das vor allem Variationen der immergleichen Topoi zu bieten schien. Bei Platons tief ironischem und fiktionalem Menexenos stellte sich die Frage nach Ernsthaftigkeit und Funktion. Bei anderen Reden wurde die Verfasserschaft angezweifelt, da sie nicht zum sonstigen Stil von Lysias, Demosthenes und Hypereides passen wollten. Lediglich Perikles' Epitaphios im Werk des Thukydides genoss durchgehend große Aufmerksamkeit.

Loraux schlug einen neuen Weg ein und deutete die Epitaphien als Instrumente zur Projektion eines athenischen Selbstbildes, das gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Willen zur Selbstopferung für den Staat propagierte. So wurden die gemeinsamen Elemente und der repetitive Charakter der Reden verständlich, da gerade die Konstanz und die Kontinuität innerhalb des Genres dazu beitragen, ein überzeitliches athenisches Wesen hervortreten zu lassen und die Taten der Vergangenheit mit dem aktuellen Krieg, dem Anlass der jeweiligen Rede, und der Polisgemeinschaft, der Organisatorin der Leichenfeier, zu verknüpfen.

Das hier angezeigte Werk vollführt einen Balanceakt: Im umfangreichsten ersten Kapitel (1-55), vom Herausgeber selbst, werden L'invention und seine Wirkung ausführlich gewürdigt. Andererseits ist das Buch keine Hommage und auch keine Fortführung und Modernisierung von Loraux' Fragestellungen. Vielmehr entwirft Pritchard ein Programm, in dem die blinden Flecken und die Auslassungen der Autorin, die ihrem auf das athenische Kollektiv fokussierten Ansatz geschuldet waren, deutlich hervorgehoben werden: Loraux war an der relativen Gleichförmigkeit des Genres und seiner Abgrenzung von anderen Texten interessiert. Deshalb legte sie wenig Wert auf die Besonderheiten der einzelnen Reden und die Verbindung zur sonstigen Literatur der Zeit. Dies sind die beiden Lücken, die der Großteil des Bandes zu füllen unternimmt: Die Kap. 5 bis 11 interpretieren die einzelnen Reden neu, indem sie deren individuelle Charakteristika im Zusammenhang mit ihren Entstehungskontexten betrachten. Dabei stehen in Kap. 5 bis 7 über die gehaltenen Reden die Anpassung an den jeweiligen Krieg und die Rolle der Redner darin im Vordergrund: Perikles überspringt die Kriege der Vergangenheit, um die Athener nicht auf den Gedanken zu bringen, sich den Spartanern in offener Feldschlacht zu stellen (Bernd Steinbock); Demosthenes kämpft vor allem gegen die Bürde der Niederlage: Er reduziert die Erwähnung früherer Kriege, um zu kaschieren, dass die Niederlage im Gegensatz zur Reihe früherer Siege steht; stattdessen stellt er die Toten von Chaironeia in die Traditionslinie Phylenheroen hinzu, die sich für die Stadt opferten (Leonhard Burckhardt); Hypereides schließlich konzentriert sich auf den bisher siegreich verlaufenden Krieg, weil er die eigene Rolle bei der Herbeiführung des Krieges rechtfertigen muss (Judson Herrman). Kap. 8 bis 11 zu den rein literarischen Reden betrachten vornehmlich die Rolle der Autoren im Werben um Schüler: Gorgias belegt seine Fertigkeit in einem zentralen Genre des athenischen Diskurses, und indem er Kritik an der Masse des Volkes einbaut, preist er seine Dienste als Lehrer der athenischen Nachwuchselite an (Johannes Wienand); als bezahlter Redenschreiber stellt auch Lysias seine Fähigkeiten unter Beweis mit einem Epitaphios, der den Geschmack derjenigen trifft, die nicht der Elite angehören; dabei versäumt er es nicht, den Beitrag seines eigenen Stands, der Metöken, einfließen zu lassen (Alastair Blanshard); Platon wiederum scheint durch seinen ironischen Epitaphios ethische Fragen für philosophische Anfänger, die noch von den Werten der Polis gelöst und zum philosophischen Leben bekehrt werden müssen (Ryan Balot). Zuletzt wird Isokrates in den Blick genommen, dessen Panegyrikos sich bei den Vorgängern bedient, aber den Kreis der Adressaten erweitert und statt einer attischen eine panhellenische Identität konstruiert; Über den Frieden wird dagegen als ein Anti-Epitaphios gelesen, der die üblichen Topoi angesichts der Verluste des Bundesgenossenkriegs zurückweist (Thomas Blank).

Die zweite Lücke in Loraux' Werk, die der Band ausmacht, betrifft das Verhältnis der Epitaphien zu anderen Texten, v.a. anderen Redegattungen und dem Drama (Kap. 12-16: Peter Hunt, Jason Crowley, Sophie Mills, Johanna Hanink, Bernhard Zimmermann). Wie sich zeigt, durchdringt die Topik der Epitaphien auch diese Zweige der Literatur. Loraux' These, dass sie die Gedanken der Athener zum Krieg prägt, sehen die Autor*innen bestätigt. Keine der Gattungen bildet ein eindeutiges Gegengewicht zur Ideologie der noblen Kriegführung der Athener, Kritik findet sich höchstens in Ansätzen: So gibt es in Dramen (anders als in den Epitaphien) Darstellungen von den Leiden, die der Krieg verursacht, doch werden diese nie mit der athenischen Gegenwart verbunden, sondern in andere Poleis und in die Vergangenheit verlegt. Wenn die Tragiker athenische Kriege thematisieren, folgen diese dem Muster der Epitaphien, als siegreiche Kämpfe für die gerechte Sache; mitunter dürften die Tragiker gar existierende Mythen so verändert haben, dass sie in die Epitaphien eingegliedert werden konnten und so zur Entwicklung des Genres beitrugen. Das Bild der Komödie vom Krieg ist ambivalent und vermeidet die Erwähnung Gefallener.

Korrekturbedürftig ist in der Argumentation von Herausgeber und Autor*innen Loraux' These, dass die Athener des 5. Jahrhunderts zur Beschreibung ihrer Demokratie in Begriffen sprachen, die sie der früheren Adelsethik entnahmen, und so ihr demokratisches Wesen zur Vergewisserung des Adels verschleierten. Demgegenüber arbeitet Dominique Lenfant heraus, dass demokratische Prinzipien nicht kaschiert, sondern offen konstatiert werden. Pritchard selbst widerlegt Loraux' Behauptung, dass die Epitaphien die Rolle der Marine und der den unteren Schichten zugehörigen Schiffsbesatzungen herunterspielten.

Drei Kapitel fügen dem Bild von Loraux und dem Epitaphios weitere Facetten hinzu: Vincent Azoulay und Paulin Ismard beleuchten zeitgenössische intellektuelle Einflüsse auf Loraux, insbesondere bei der Abgrenzung gegenüber dem marxistischen Ideologiebegriff und dem Konzept des Imaginären. Nathan T. Arrington diskutiert bildliche Zeugnisse privaten Gedenkens für Gefallene und erschließt damit eine komplementäre Quellengattung, die von Loraux ausgeklammert wird. Schließlich arbeitet Neville Morley einige Grundlinien der neuzeitlichen Rezeption von Perikles' Rede heraus: von der Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die inhaltliche statt der rhetorischen Komponente über die Verbindung mit moderner Ehrung von Gefallenen bis hin zur zunehmenden Dekontextualisierung einzelner Zitate.

Der Band ist bemerkenswert durch seine einheitliche Intention und seine konzeptionelle Geschlossenheit: Er stellt eine kritische Auseinandersetzung mit L'invention dar und versucht ein Gegengewicht zur bisweilen engen Perspektive von Loraux' Forschung zu liefern. Diese Auseinandersetzung ist jedoch nicht polemisch, sondern findet in großem Respekt und unter Würdigung ihrer Leistung statt. Passenderweise steht daher zu Beginn (nach der Einleitung) ein Beitrag von Loraux selbst.

Gunther Martin