Rezension über:

Aurelia Wyleżyńska: Über nichts schreiben, als was meine Augen sehen. Tagebuch aus dem besetzten Warschau 1939-1944. Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Bernhard Hartmann. Mit einem Vorwort von Karolina Kuszyk, Berlin: Ch. Links Verlag 2024, 331 S., ISBN 978-3-96289-225-8, EUR 24,00
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Rezension von:
Markus Roth
Fritz Bauer Institut, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Markus Roth: Rezension von: Aurelia Wyleżyńska: Über nichts schreiben, als was meine Augen sehen. Tagebuch aus dem besetzten Warschau 1939-1944. Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Bernhard Hartmann. Mit einem Vorwort von Karolina Kuszyk, Berlin: Ch. Links Verlag 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40873.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Aurelia Wyleżyńska: Über nichts schreiben, als was meine Augen sehen

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Krieg und Besatzung sind ein tiefer Einschnitt in das Leben jedes einzelnen davon betroffenen Menschen. Diese Tatsache illustriert einmal mehr die vorliegende deutschsprachige Auswahledition des Tagebuchs der polnischen Schriftstellerin und Publizistin Aurelia Wyleżyńska, das Bernhard Hartmann aus dem Polnischen übersetzt hat. [1] Die 1881 geborene Wyleżyńska hatte lange Zeit in Paris gelebt, für polnische Zeitungen berichtet und Romane geschrieben, bevor sie 1937 nach Polen zurückkehrte. Während der deutschen Besatzungsherrschaft arbeitete sie in Warschau in einem Krankenhaus und schrieb heimlich für die polnische Untergrundpresse. In den ersten Tagen des Warschauer Aufstands, am 3. August 1944, erlag sie einer Schussverletzung, so dass die Spätphase der NS-Besatzung in ihrem Tagebuch kein Thema mehr ist. Mit der 2022 erfolgten Publikation ihres Tagebuchs in zwei Bänden in Polen erfüllte sich ein Wunsch Wyleżyńskas, den sie explizit geäußert hatte. Dass nichts gestrichen werden solle, wie sie schrieb, wurde zumindest für die deutsche Ausgabe nicht umgesetzt, die im Vergleich zur Originalausgabe auf ein Sechstel zusammengekürzt wurde und durch die Verdichtung einen anderen Charakter erhalten hat.

Die Eroberung Polens und die deutsche Besatzung waren für Wyleżyńska, wie für viele andere, eine Schockerfahrung. Sie ging einher mit Flucht, einer ungewissen Zukunft, dem Entsetzen über den schnellen Zusammenbruch des sich so stark gebenden alten Systems der Zweiten Polnischen Republik. "Ich schütze mit der altbewährten Methode: Beobachten, was um mich herum passiert" (51), beschreibt Wyleżyńska ihre Reaktion auf diese Zusammenbrucherfahrung. Als erfahrene Schriftstellerin und Journalistin war sie eine geübte Beobachterin, die versiert in Worte fassen konnte, was sie sah und hörte. Ihr ging es vor allem um die Dokumentation des neuen Alltagslebens, das geprägt war von einer Omnipräsenz des Mangels, von dem ebenso erfindungsreichen wie gefährlichen Umgang mit der prekären Versorgungslage, zu dem jede Familie in Polen nun gezwungen war. Wyleżyńska sah sich sowohl als "Chronist als auch Historiker der Gegenwart" (277), sie sammle Material aus verschiedenen widersprüchlichen Quellen, sie überprüfe sie, indem sie mehrere Personen befrage, bevor sie schließlich auswähle. Dass ihre Beobachtungen zwangsläufig fehler- und lückenhaft sein mussten, war ihr bewusst. Eine große Synthese, "ein blutiges Panorama des Ganzen zu schaffen" (ebenda), sei spätere Aufgabe eines anderen Autors.

Wyleżyńska beschränkte sich nicht auf Beobachtungen des Äußerlichen. Sie bemühte sich auch um die Dokumentation der Mentalitäten, der Moral unter den Bedingungen der Fremdherrschaft. Die permanente Anwesenheit von Gewalt und deren Androhung, der Mangel, der Zwang, Vorschriften und Gesetze zu brechen, um überleben zu können, und anderes mehr untergruben in immer stärkerem Maße die Moral der Gesellschaft. Kurz vor Weihnachten 1941 hielt sie fest, die "moralischen Hemmschwellen" (129) seien gesunken. Darauf kam sie immer wieder zurück. So hielt sie im Sommer 1942 die um sich greifende Trunksucht fest. Allgemein habe sich Einiges grundlegend umgekehrt, wie sie wenig später schreibt: "Religion und Ethik lehrten uns über Generationen den Fluch der bösen Tat. Heute wird das Gute verfolgt" (233).

Mit dieser Beobachtung knüpft sie an die Gefahren an, die denjenigen drohten, die einem jüdischen Kind halfen. Insgesamt erhalten ihre Einträge zur Situation der jüdischen Bevölkerung durch die Kürzungen eine deutlich stärker herausgehobene Bedeutung als in der Originalausgabe. Doch auch für die polnische Fassung gilt, dass Wyleżyńska im Unterschied zu vielen anderen nichtjüdischen polnischen Tagebuchautoren der Besatzungszeit das Schicksal der polnischen jüdischen Bevölkerung sehr aufmerksam und empathisch verfolgte.

Wyleżyńska schreibt in ihrem Tagebuch über alle Etappen der Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich Ermordung der Juden. Aus diesen Einträgen sprechen nicht nur immer wieder das Entsetzen darüber, dass so etwas möglich ist, und ein tiefes Mitgefühl mit den Verfolgten, sondern auch die Abscheu vor polnischen Antisemiten und Glücksrittern, die ihren Vorteil aus der Situation der Juden ziehen wollten. Dies begann mit Erscheinungsformen von Judenhass während des deutschen Überfalls und zog sich über Plünderungen während der Deportationen ins Ghetto und die Anfälligkeit für und das Weitertragen von antisemitischer Propaganda bis hin zum oft todbringenden Verrat Untergetauchter und ihrer Helfer. Zu Letzteren gehörte Wyleżyńska schließlich selbst. Die damit verbundenen praktischen Schwierigkeiten und Gefahren schildert sie eindrucksvoll.

Wyleżyńskas Tagebuch ist weit mehr als eine Chronik des Holocaust durch eine mitfühlende polnische Nichtjüdin. In erster Linie ist es ein Materialfundus vieler kleiner und scharfsinniger Beobachtungen zur Haltung, zum Verhalten und Leiden einer komplexen Gesellschaft in einem alltäglich gewordenen Ausnahmezustand. Dies umfasst auch kritischen Sprachwitz, der Distanz schuf und Hoffnung setzte, was ein Eintrag vom 3. Januar 1942 illustriert: "Drei deutsche Märchen. Das Märchen aus der Vergangenheit beginnt mit den Worten: Es war einmal... Das der Gegenwart: Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt ... Und das Märchen der Zukunft: SS war einmal ..." (131, Hervorhebungen im Original). Auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind Teil ihrer Überlegungen, ebenso allgegenwärtig drohende Kontrollen und Straßenblockaden und daran anschließend die Verschleppung zur Zwangsarbeit und schließlich die Angst, nach den Juden würden die nichtjüdischen Polen ermordet werden.

Das Tagebuch von Wyleżyńska bietet einen tiefen, scharfsinnigen und umfassenden Einblick in das Leben unter deutscher Besatzung. In der Tat liefert Wyleżyńska Material, das Teil eines Panoramas des Ganzen sein kann und sollte. Vor allem aber ist dem Buch zu wünschen, dass es weit über den engen Kreis jener, die sich professionell mit dem besetzten Polen beschäftigen, in der deutschen Gesellschaft gelesen wird. Es gilt, endlich ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was deutsche Herrschaft in Polen für das Land und die Menschen hieß und dass Besatzung nicht mit dem Krieg endet, sondern umfassender und nachhaltiger Leid schaffen kann als die vorangegangenen Kampfhandlungen.


Anmerkung:

[1] Polnische Fassung: Aurelia Wyleżyńska / Grażyna Pawlak / Marcin Urynowicz (eds.): Kroniki wojenne, Bd. 1-2, Warszawa 2022.

Markus Roth