Rezension über:

Sandro Carocci / Riccardo Santangeli Valenzani (a cura di): Roma nel medioevo. Paesaggio urbano, arte, società (secoli XI-XV) (= Frecce; 421), Roma: Carocci editore 2025, 355 S., ISBN 978-88-290-3037-8, EUR 35,00
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Rezension von:
Matthias Thumser
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Thumser: Rezension von: Sandro Carocci / Riccardo Santangeli Valenzani (a cura di): Roma nel medioevo. Paesaggio urbano, arte, società (secoli XI-XV), Roma: Carocci editore 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/40510.html


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Sandro Carocci / Riccardo Santangeli Valenzani (a cura di): Roma nel medioevo

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Wissenschaftliche Untersuchungen zur mittelalterlichen Geschichte Roms hätten in den letzten Jahrzehnten vehement zugenommen, wobei eine deutliche Verbreiterung der Fragestellungen zu beobachten sei, so konstatieren es die beiden Herausgeber Sandro Carocci und Riccardo Santangeli Valenzani. Es geht ihnen darum, anhand der mittlerweile kaum mehr überschaubaren Fachliteratur ein Überblickswerk herzustellen, sich dabei von der Vorstellung einer Geschichte, die durchweg vom Papsttum bestimmt wurde, zu lösen und statt dessen die verschiedenen Bereiche des städtischen Lebens zu behandeln.

Dies geschieht unter Hinzuziehung von elf Kollegen, die allesamt als Spezialisten für bestimmte Gebiete der stadtrömischen Geschichte gelten. Für die Zeit vom 11. bis zum 15. Jahrhundert, mit der sich der Band beschäftigt, soll Rom nicht als Ausnahmeerscheinung gegenüber den anderen Städten Italiens betrachtet werden. Eine solche Sichtweise würde sich viel eher auf die Einflüsse der Universalgewalten Papst und Kaiser als auf die Stadt selbst richten und einer unvoreingenommenen Sichtweise im Weg stehen. Auszuräumen sei somit die Vorstellung eines kommunalen Rom, das hinter einem universalen Rom und der damit verbundenen Romidee nachgerade verschwindet. Unter dieser Prämisse bietet Carocci einen Überblick über die Fachliteratur, der die verschiedenen Zugänge zur Geschichte der Stadt eindrucksvoll aufzeigt. Besonders hervorgehoben werden die grundlegenden Monographien von Jean-Claude Maire Vigueur [1] und Chris Wickham. [2] Abschließend räumt er ein, dass der Papst in vieler Hinsicht sehr wohl eine wichtige Rolle für die Stadt gespielt habe. Der Kaiser anscheinend nicht.

Die verschiedenen Bereiche der städtischen Verhältnisse werden von einem relativ großen Kapitel zur Stadtlandschaft eröffnet. Eingangs wird das Nebeneinander von "abitato" und "disabitato", den dicht besiedelten Vierteln im Tiberknie, in Trastevere und im Borgo einerseits und den weitgehend entvölkerten Zonen im Osten und Süden andererseits, dem Leser nähergebracht. Es folgen Ausführungen zu Formen und Ausgestaltung der Gebäude, den Aurelianischen Mauern aus dem 2. Jahrhundert, die im Mittelalter immer noch intakt waren - und dies heute noch weitgehend sind -, zu Wasserversorgung, Verkehrswegen, Sakralbauten, Befestigungen des Adels, Bautechnik sowie zu den zahlreich erhaltenen antiken Bauwerken.

Ein weiteres umfangreiches Kapitel beschäftigt sich mit den politischen und sozialen Verhältnissen in der Stadt. Eingehend werden die verschiedenen Formationen des Adels behandelt, wobei "alte" und "neue" Familien sowie seit dem 13. Jahrhundert jene der "Barone" unterschieden werden, außerdem sozial niedrigerstehende, aber doch einflussreiche Familien, bezeichnet als militia und "nobiltà cittadina". Aufschlussreich sind weiterhin die Ausführungen zur Organisation der römischen Kommune, die mit den Verhältnissen in anderen italienischen Städten vergleichbar ist, aber auch ihre Besonderheiten aufweist. Die Darstellung führt von den Vorstufen seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert über die renovatio senatus um die Mitte des 12. Jahrhunderts bis zur weitgehenden Vereinnahmung der Befugnisse durch die päpstliche Gewalt in der Renaissance. Der Papst als Akteur in Rom erhält sodann ein eigenes Unterkapitel, ebenso der Klerus mit seinen verschiedenen Würdenträgern und die Schriftkultur.

Ein Kapitel zur Wirtschaftsgeschichte zeigt die Stadt als Produktions-, Handels- und Finanzzentrum. Im Kapitel zur Kunst im mittelalterlichen Rom kommen die verschiedenen Kirchenbauten und ihre sakrale Ausstattung zur Sprache. Ein Kapitel zum Leben und Sterben in Rom befasst sich mit den demographischen Verhältnissen, mit Pilgern und Fremden, Familienstrukturen, christlichen Kultformen, der jüdischen Bevölkerung und den Formen der Bestattung. Den Abschluss macht ein Kapitel über die Campagna Romana, das römische Umland, mit seinen besonderen Formen der Besiedlung und den Kastellherrschaften.

Den Herausgebern ist es vollauf gelungen, die Beiträge zu ganz unterschiedlichen Themen von insgesamt 13 Autoren zu einem sinnvoll strukturierten Lesebuch zusammenzuführen, das einen an der mittelalterlichen Geschichte interessierten Kreis in einem gut aufnehmbaren Italienisch mit einer Vielzahl von Informationen versorgt. Dass bei der reichlich herangezogenen Fachliteratur eine Reihe von deutschsprachigen Titeln mit bedenkenswerten Standpunkten ignoriert wird, sei's drum. Das Konzept, den Band nicht auf die politischen Verhältnisse zu beschränken, sondern die verschiedenen Bereiche städtischen Lebens möglichst umfassend einzubeziehen, überzeugt. Es entspricht einer kulturgeschichtlichen Herangehensweise und ist im Übrigen seit langem durch die historische Landeskunde vorgebildet. Gegen die Prämisse des Bandes, dass Rom nicht ausschließlich als Sonderfall gegenüber den anderen italienischen Städten betrachtet werden sollte, sondern stets mit ihnen zu vergleichen sei, ist schon aus methodischen Gründen nichts einzuwenden. Und doch stößt man bei der Lektüre immer wieder auf Sachverhalte, die anderswo nicht begegnen, bisweilen auch verblüffen. Rom war eben doch etwas Besonderes.


Anmerkungen:

[1] Jean-Claude Maire Vigueur: L'autre Rome. Une histoire des Romains à l'époque des communes (XIIe-XIVe siècle), Paris 2010; italienische Ausgabe: L'altra Roma. Una storia dei romani all'epoca dei comuni (secoli XII-XIV) (Einaudi storia; 40), Torino 2011.

[2] Chris Wickham: Roma medievale. Crisi e stabilità di una città, 900-1150 (La storia, Saggi; 4), Roma 2013; englische Ausgabe: Medieval Rome. Stability and Crisis of a City, 900-1150 (Oxford Studies in Medieval European History), Oxford 2015.

Matthias Thumser