Veronika Lukas (Hg.): Arnold von St. Emmeram und Meginfrid von Magdeburg. Über den heiligen Emmeram und seine Verehrer (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores Rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi; LXXXIV), Wiesbaden: Harrassowitz 2025, X + 886 S., eine Abb., ISBN 978-3-447-11965-8, EUR 149,00
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Mit dem Werk über den heiligen Emmeram von Regensburg von Arnold und Meginfrid legt Veronika Lukas, Mitarbeiterin bei den Monumenta Germaniae Historica, die zweite große Edition [1] St. Emmeramer Geschichtsquellen aus dem 11. Jahrhundert vor. Der Emmeramer Mönch und Propst Arnold, der aus adliger Familie stammte (4f.), widmete das titellose, doch mit einem kunstvollen Widmungsgedicht geschmückte mehrteilige Werk dem Abt Burchard von St. Emmeram (1029/30-1037). Der erste Teil ist eine Überarbeitung der Vita Sancti Emmerammi des Arbeo von Freising [2] aus dem achten Jahrhundert durch einen weiter nicht bekannten Propst und Magister (Scholaster) Meginfrid aus Magdeburg, der sich durch einen Prolog-Brief an Arnold als Autor offenbart. [3] Die Beziehung geht auf einen zeitweiligen Aufenthalt Arnolds in Magdeburg zurück. Der zweite große Komplex [4] ist die Beschreibung der seit Arbeo neu angefallenen Miracula durch Arnold in zwei Büchern; sie werden mit dem zweiten Buch in der Form eines "Dialogus" vorgetragen zwischen "Collecticius", dem Geschichtensammler, und "Ammonicius" (456/457), der die Wundererzählungen "ermahnend" hervorkitzelt, mit Kritik und eigenen Assoziationen vorantreibt. Die Neufassung der Vita entsprach dem Bedürfnis der sprachlich-stilistischen Modernisierung älterer Texte, der hagiographischen "Réécriture" [5]: Die neuen Emmeramer Texte zeichnen sich durch geschicktere Motivierung, einen gehobenen Stil, Fälle von Reimprosa und seltene Wörter aus, darunter eigenartige Gräzismen und Namensetymologien, Erklärungen deutscher Namen, und eine ungewohnte Orthographie.
Entdeckt hat den gesamten Text der große Ingolstädter Jurist und Textforscher Heinrich Canisius (1557-1610) und im 2. Band seiner "Antiqua lectio" von 1602 nach einer heute verlorenen Handschrift herausgegeben; der zweite Entdecker war der Melker Benediktiner Bernhard Pez (1683-1735), aus der St. Emmeramer Bibliothek. Die vorliegende Edition ist jedoch die erste kritische. Die Haupthandschrift ist München, BSB, Clm 14870 (Hs. E1), eine hagiographisch-liturgische Sammlung zum heiligen Emmeram, wohl Arnolds Autorenexemplar, und eine Zweitüberlieferung in Clm 14781, mit Dionysius-Texten. Der Dialogus ist hier jedoch nicht enthalten - hierin zeigt sich die Teilung der Überlieferung durch ein, wie es scheint, geringeres Interesse an den hier überlieferten, über den heiligen Emmeram hinausgehenden Geschichten zum heiligen Bischof Wolfgang, zu Abt Ramwold von St. Emmeram und dem Einsiedler Gunther, mit denen Arnold aus seiner eigenen Lebenszeit berichtet. Die Abtrennung des Dialogus geschah schon in St. Emmeram, wohingegen die Emmeram-Vita durch das Magnum Legendarium Austriacum [6] weiter verbreitet wurde. Der Dialogus hat sich - neben Canisius, der die Herkunft seiner Handschrift verschweigt - nur in einer sehr zuverlässigen Abschrift des 15. Jahrhunderts (Salzburg, Stiftsbibliothek St. Peter, b. VI.2, Hs. P) erhalten. Der Überlieferungsort war mutmaßlich Kloster Mondsee, Zentrum der Wolfgangs-Verehrung im Salzkammergut (203f.). Die einzige modernere Ausgabe ist nach Canisius die Auswahl von Georg Waitz in MGH, Scriptores IV (1841), die jedoch eher auf Reichsgeschichte und Herrscherbesuche Wert legt und den Reichtum des Berichteten verengt. Waitz stützte sich auch nur auf die Handschrift E1 und Canisius. Wie vielfältig die Überlieferung des Emmeram-Materials des 11. Jahrhunderts jedoch ist, zeigt erstmals die Edition von Veronika Lukas (Stemma: 214).
Erschiene nun die Edition des Arnold nur als "Aufarbeitung" wesentlich lokal überlieferter St. Emmeramer Historiographie, griffe dieser Eindruck viel zu kurz. Der Text hat es nämlich in sich, durch Darstellungsfülle und -qualität. Zunächst zum Kloster St. Emmeram selbst: Kaiser Arnulf habe in der Nähe des Klosters eine große Pfalz erbaut - nur hier überliefert (368). Da sind die Besuche der Kaiser, des sächselnden Ottos I. (382), Ottos III. und Heinrichs II. Otto III. schenkt den Verleumdungen des Bischofs Gebhard I. nach einem Gebet in der Benediktskapelle keinen Glauben mehr (530-536), Heinrich II. nimmt an der Beisetzung des Abtes Ramwold teil. Nicht unerwähnt bleibt der Kirchenschatz (370ff.): das Arnulfziborium (heute München, Residenzmuseum), der Codex Aureus (heute BSB, Clm 14000), dessen Deckel bis in Fragen der Technik beschrieben wird, eine nicht erhaltene silberne "craticula". Wie hochgeschätzt der Codex war, zeigt die Episode vom Raubversuch durch König Konrad I. (376ff.). Erwähnt werden auch Lokalitäten: Herrschergräber (374ff.), Kapellen (Benediktskapelle, 536), Altäre (Benedikt, Kilian, 554) und die gut beschriebene Ringkrypta mit zahlentypologischer Ausdeutung und als Ort von Heilung (564ff.), der außergewöhnliche Grabschrein des Abtes Ramwold (562-564), dessen Schlüssel der bei der Beisetzung anwesende König Heinrich II. an sich genommen habe. Arnold stützt sich ausdrücklich auf die klostereigenen Quellen, die "pitacia ... et testamenta penes nos satis ... inventa" (364,11 u. 340,5), die "scripta donationum vel traditionum" (518,12). Und im Vorhof der Heiligengräber: Mirakelberichte sind grundsätzlich Quellen für Körper- und Krankengeschichte. So kommen hier die Versehrten, Krampfbehafteten und Krüppel auf Schemeln und Wägelchen (584, 597). Hinzu kommen Phänomene wie Ohrläppchen ziehen (400), Fingerzahlen (556), letzteres ein schönes Beispiel für die Kommentierung unter Einbeziehung der lokalen Überlieferung. Adliges Lebensgefühl wird reflektiert in den Alternativen zum asketischen Mönchsleben: Bären- und Wildschweinfleisch, Pfauen und Fasanen (620), die der Einsiedler Gunther entbehrt, ebenso feines Pelzwerk statt härener Gewänder, wie der gleisnerische Satan einflüstert (646).
Eine eigene literarische Dynamik entsteht im Dialogus durch die Verteilung der Rollen. Abgesehen von Retardierung und Beschleunigung werden neue, erbauliche Themen eingeführt, wie die Geduld als christliche Tugend (624ff.), die Dreifaltigkeit als universeller Typus (588ff.), die Rolle des Versuchers (614ff.) - sie werden zu Treibmitteln oder Wendepunkten im Bericht. Und die Geschichten selbst haben ihren Sitz im Leben. Nehmen wir nur drei Fälle, die das Kirchenrecht berühren. Da ist der verheiratete Freie, der unterwegs in der Fremde zum Sklaven wird. Dort wird ihm, um ihn zu halten, eine junge Witwe angeboten, die er gezwungenermaßen nimmt und die ihn mit Ungeduld begehrt. Wie soll er sich verhalten, wie greift der heilige Emmeram ein? (350ff.). Da ist die Frau, mit einem Kleriker verheiratet (maritus), die ihr Augenlicht verloren und am Emmeramsfest durch Gebet vor dem Ramwold-Grab wiedererlangt hat. Sie erzählt dem Kleriker, der Aufsehen vermeiden und seine Beziehung verleugnen will und deshalb mit der Frau heimlich die Stadt verlässt. Sie, die die Großtat des Heiligen unterdrückt, verliert erneut ihr Augenlicht. Erst die Rückkehr, Beichte und Offenlegung von allem gibt ihr die Sehkraft zurück (572). Der dritte Fall ist besonders schaurig (650ff.). Der Mesner Willibertus entdeckt seinen Schüler, einen Kleriker, in einem Kirchenwinkel bei einer schlimmen Tat (man darf wohl annehmen, bei sexueller Selbstbefriedigung). Der Schüler versucht, seinen Lehrer von der Ruchbarmachung abzuhalten, vergebens, und so erdrosselt er ihn im Schlaf. Um Selbstmord vorzutäuschen, hängt er ihn am Dachbalken des Schlafgemachs auf. Wegen der Schwere des Suizids wird der Körper des Toten verbrannt, doch das Herz bleibt wundersamerweise intakt (Die Geschichte löst eine umfangreiche retardierende Diskussion über das Wesen des Martyriums aus). Dem Kleriker gelingt es bei den Untersuchungen nicht, sich durch einen Reinigungseid von der Schuld zu lösen, aus Verzweiflung gesteht er die Untaten. Der ganze Fall ist mit dem Raffinement eines Untersuchungsrichters vorgetragen, ein Beispiel für die erzählerischen Fähigkeiten Arnolds. Man könnte leicht andere Fälle für die Qualität von Arnolds Erzählwerk anführen, für den hohen literarischen Reiz der Geschichten aus St. Emmeram in Regensburg.
Das Verständnis all dessen wird erst möglich durch die großartige Kommentierung, die Veronika Lukas unter den Text geschoben hat. Darunter ist vieles Neue, viele Auflösungen von Forschungsfragen in diesen Miniatur-Abhandlungen in Kursive. Dahinter stecken eine stupende Gelehrsamkeit und unermüdliche Beharrlichkeit, und so ist die Edition des bemerkenswerten Textes ein großes Geschenk an die Mediävistik. Hinzu kommt die treffende, den bisweilen fluiden Text festlegende und manchmal originelle Übersetzung (suggestionis adversę miliciam - Kriegsvolk feindlicher Einflüsterungen, 286,1). Zur Abrundung gehört die Edition eines Arnold zugeschriebenen Sermo über die acht Seligpreisungen, vor allem gehört dazu ein Wörter- und Namenregister von 166 Seiten, das den Text sprachlich-philologisch erschließt. Der wohlgeneigte Leser ist jedoch ein Nimmersatt und hätte gern zur inhaltlichen Erschließung ein systematisches Verzeichnis aller Kloster-St.-Emmeram-Sachverhalte. Zur Not muss er das selbst leisten, durch wiederholte Lektüre, die sich wahrhaft lohnt.
Anmerkungen:
[1] Die erste Edition galt der jüngeren Translatio Sancti Dionysii, entstanden nach 1049, vgl. Markus Wesche: Rezension von: Veronika Lukas (Hg.): Die jüngere Translatio s. Dionysii Areopagitae, Wiesbaden 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: https://www.sehepunkte.de/2014/09/24776.html (aufgerufen 2026-06-7); https://geschichtsquellen.de/werk/5064 (aufgerufen 2026-06-7). Als dritte bedeutende Emmeramer Geschichtsquelle sollen die spätmittelalterlichen "Fundationes monasteriorum Bavariae" - vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/2412 (aufgerufen 2026-06-7) - von Veronika Lukas ediert werden, vgl. Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 79/1 (2023), X und folgende Bände.
[2] Vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/501 (aufgerufen 2026-06-7).
[3] Vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/3464 (aufgerufen 2026-06-7).
[4] Vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/532 (aufgerufen 2026-06-7).
[5] Vgl. zum geläufigen Phänomen Monique Goullet (éd.): La réécriture hagiographique dans l'Occident médiévale. Transformations formelles et idéologiques (=Beihefte der Francia; 58), Stuttgart 2003.
[6] Vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/3282 (aufgerufen 2026-06-7). Veronika Lukas bringt für die Legendar-Überlieferung (Magnum Legendarium Hss. C, L, K und Windberger Legendar Hs. V, S. 151ff., 172f.) ein verlorenes Legendar als gemeinsame Quelle aller in Vorschlag.
Markus Wesche