Stephan Conermann: Islamische Welten. Einführung, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
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Von Stephan Conermann
Nach langer Zeit nun wieder einmal ein FORUM 'Islamische Welten' [siehe sehepunkte 19 (2019), Nr. 6]. Angesichts der vielen sich überschlagenden krisenhaften Ereignisse in den letzten Jahren scheint mir das Thema "Islam", "Islamismus" und "Fundamentalismus" trotz der offenbar weiterhin bestehenden allgemeinen Bedrohungslage durch militante muslimische Gruppen aus dem Fokus der deutschen Medien und der Öffentlichkeit geraten zu sein. Das Thema bleibt somit wichtig, auch wenn das FORUM nicht die gegenwärtige Weltlage zum Gegenstand hat, sondern sich eher mit historischen Themen befasst.
Es startet mit einem Sammelband, dessen 18 Beiträge die intellektuelle Mobilität zwischen Andalusien und dem der Maghreb einerseits und Ägypten, Syrien, Irak und Zentralasien andererseits behandelt. Wissen zirkulierte in beide Richtungen, wobei sich angebliche Randzonen zu wichtigen Zentren wissenschaftlicher und kultureller Kreativität entwickeln konnten. (Conermann zu Fierro/Penelas) Die circa 200.000 Dokumente der berühmten Geniza der Ben-Esra-Synagoge in Kairo prägen unser Verständnis der mittelalterlichen jüdisch-arabischen Geschichte im östlichen Mittelmeerraum. Sie bilden auch die Grundlage für Miriam Frenkels Analyse der jüdischen Elite Alexandrias in der Zeit vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. Verabschieden müssen wir uns wohl von der Vorstellung einer homogenen jüdischen Gemeinde und eines weitgehend hierarchischen Modells jüdischer Selbstverwaltung. (Conermann zu Frenkel) Von al-Andalus aus unternahm Ibn Ǧubayr (1145-1217) eine Pilgerfahrt nach Mekka. Seine Beobachtungen und Erlebnisse fasste er in einer höchst interessanten Reisebeschreibung zusammen. Man kann diesen faktualen Erzähltext natürlich auf sehr unterschiedliche Art und Weise lesen und interpretieren. Nadine El-Hussein befragt ihn in ihrer Arbeit in erster Linie auf die Darstellung der Almohaden (1147-1269) und des sunnitischen Islams. (Würtz zu El-Hussein)
Apropos faktuale Erzähltexte. Gowaart Van Den Bossche befasst sich intensiv mit sechs Geschichtswerken, in deren Mittelpunkt Sultane des spätmittelalterlichen Ägypten und Syriens stehen. Die beiden miteinander verwandten Autoren ordneten die Ereignisse der jeweiligen Regierungszeiten unter geschickter rhetorischer Verwendung direkter Rede, offizieller Dokumente und zahlreicher Gedichte zu kohärenten Narrativen idealer oder wenigstens erinnerungswürdiger Herrschaft. (Conermann zu Van Den Bossche)
Wir bleiben in der Zeit des Mamlukensultanats (1250-1515). Said Aljoumani und Konrad Hirschler edieren, übersetzen und kontextualisieren Dokumente aus dem Bestand der Privaturkunden des Islamischen Museums auf dem Jerusalemer Tempelberg (Ḥaram a-arīf), die eine Person namens Burhān ad-Dīn Ibrāhīm an-Nāṣirī betreffen. Dieser hatte nach seinem Tode im Jahr 1387 eine Bibliothek von 273 Büchern hinterlassen, die im Zuge der Abwicklung seines Nachlasses öffentlich versteigert wurden. Die Auswertung vor allem der auf uns gekommenen Auflistung der verkauften Werke bietet einen wertvollen Beitrag zur Buch-, Schrift- und Dokumentenkultur Jerusalems im späten 14. Jahrhundert. (Conermann zu Aljoumani/Hirschler)
Ein Sprung in das ausgehende 19. Jahrhundert. 1871 wird Karl Süßheim in Nürnberg in eine liberal-jüdische Familie hineingeboren. Das Leben des in Deutschland und an der Universität München bis vor kurzem vergessenen Gelehrten und Orientalisten, das sich zwischen seiner Heimatstadt, München und Istanbul abspielte, steht, wie die Autorin sehr gut zeigt, beispielhaft für die Verflechtung deutscher, jüdischer und osmanisch-türkischer Geschichte im frühen 20. Jahrhundert. (Conermann zu Milz)
Einen biographischen Zugang hat auch Gudrun Krämer gewählt. Im Zentrum ihrer Monographie steht der Gründer und erste geistliche Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft Ḥasan al-Bannā (1906-1949). Seine historische Bedeutung reicht weit über sein kurzes Leben hinaus. Ḥasan al-Bannās Konzept eines Islam, der Religion, Gesellschaft und politische Ordnung miteinander verbindet, prägte entscheidend die Entwicklung des modernen Islamismus, und die Muslimbruderschaft wurde zum Vorbild zahlreicher islamistischer Bewegungen im Nahen Osten und darüber hinaus. (Conermann zu Krämer)
Französischsprachige Romane libanesischer (bzw. aus dem Libanon stammender) Schriftstellerinnen, die sich in ihren Werken mit dem Bürgerkrieg (1975-1990) auseinandersetzen, stehen im Zentrum eines spannenden Buches von Mireille Rebeiz. Geschickt verknüpft sie klassische und poststrukturalistische narratologische Ansätze mit postkolonialen Hinsichten sowie Theorien aus den Gender- und Trauma Studies. (Quiering zu Rebeiz)
Anmerkungen zu zwei neueren, sehr sehenswerten Filmen bilden den Abschluss dieses Forums. Im Mai 2022 hatte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes Erige Sehiris "Sous les figues" (arab. Tahta -ağara - "Unter dem Baum") seine Premiere. Das Erstlingswerk ist eher dokumentarisch angelegt. Landarbeiter*innen auf einer Feigenplantage aus einem Bergdorf im Nordwesten von Tunesien fungieren dabei als Laienschaupieler*innen. Das Beziehungsdrama "Le bleu du caftan" von Maryam Touzani wurde ebenfalls in Cannes uraufgeführt. Als offizieller Kandidat Marokkos gelangte der Streifen anschließend auf die Shortlist für den besten internationalen Film bei der Oscarverleihung 2023. (Harwazinski zu Sehiri und Touzani)
Ich wünsche allen Leser*innen des FORUMs eine anregende Lektüre!