Jan Mende: Karl Friedrich Schinkel. Großer Künstler, "einsame Seele"?, Berlin: Lukas Verlag 2025, 168 S., 114 Abb., ISBN 978-3-86732-479-3, EUR 25,00
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Mit einem Paukenschlag beginnt Jan Mendes Monographie über Karl Friedrich Schinkel: dem Widmungsgedicht zur Eröffnung des Schauspielhauses von Ernst Förster, in dem der "Magier" den Vorgängerbau willentlich zerstört, "dem Flammengrab übergibt", um in die Glut den Neubau einzuzeichnen (11). Das Zitat setzt Ton und Fallhöhe für die Leser, die sicher den größten Gewinn von der Lektüre haben, wenn sie - wie Mende schreibt - von Schinkels Schöpfungen angesprochen, "im besten Fall berührt werden" (11).
Das Buch versammelt einen wahren Schatz an Zitaten über Schinkel, seine Persönlichkeit und sein Werk. Obwohl es ausdrücklich an Mario Zadows Monographie von 1980 anschließt [1], geht es doch weit darüber hinaus, nicht zuletzt durch den flotten Sprachduktus, der die Lektüre zum Vergnügen werden lässt, und die durchweg beneidenswert schönen Abbildungen, die zudem mit knappen und präzisen Bildunterschriften versehen sind, vergleichbar den Beschriftungstafeln in Museen oder Ausstellungen. Und natürlich ist man auch dankbar für die Nachweise der Zitate, die bei Zadow fehlen, sowie die Einbindung der neueren und neuesten Forschung. Manches mag man vielleicht vermissen, etwa die Diskussion über die Zuschreibung des Kaufhausentwurfes [2] oder die Einbindung der Untersuchung von Christian Raabe zur Bauakademie, auf dass der rekonstruierte Grundriss des zweiten Obergeschosses (Abb. 81) tatsächlich detailliert und nicht so dermaßen abstrakt, ja letztlich lieblos dargestellt werden kann. [3] (Oder ist die Art der Zeichnung eine bewusste Entscheidung, um respektvollen Abstand zu wahren?)
Ziel der Publikation ist, "die Persönlichkeit" des "Ausnahmekünstlers" Schinkel "näher zu beleuchten", Thema sind dabei auch die "Banalitäten von Person und Leben" (14). "Das mag" - wie Mende schreibt - "manchen Lesenden befremden". Vermutlich als Antidot - aber letztlich in der besten Tradition von Biographik - wird auch Kritik am Genius Schinkel und seinen Werken geübt, sei es durch die Wiederentdeckung von persönlichen Bemerkungen der Zeitgenossen oder wenn der Autor die Defizite des "preußischen Stararchitekten" zusammenfassend herausstellt: Schinkel überschreitet die vereinbarten Bausummen, ist mithin maßlos (19), und Herausforderungen der Akustik (17f., 28f.), Statik (18) und Bautechnik (28) weiß er vergleichsweise schlecht zu meistern; andererseits hat er aber ein ausgesprochenes Faible für neue Technologien und Werkstoffe (79). Wer Veröffentlichungen von Jan Mende kennt, wird auch von den Exkursen in die Gegenwart nicht überrascht sein: "Schinkel war ein Workaholic, der nicht Nein sagen konnte und Aufgaben kaum delegierte, vielleicht aber auch Kollegen gar nicht recht einbezog. Das gibt es auch heute noch: Führungskräfte, die alles besser wissen, Untergebene in der Unmündigkeit belassen und sich dann über Überlastung beschweren." (61) Herrlich sind die Passagen zur Beratungsresistenz (76) und zur Bockigkeit Schinkels (39, 44, 78). Selbst wer ein Freund der Dekonstruktion von Künstlermythen ist [4], darf sich von dieser analysierenden Erzählung durchaus begeistern lassen.
Die Struktur des Buches ist an den präzisen und knappen Kapitelüberschriften ablesbar, im ersten, längeren Teil geht es um den großen Künstler, die "eigentlich einsame Seele", wie es Clemens Brentano 1820 in einem Brief an Achim von Arnim festhält (56). Ein kürzeres Kapitel widmet sich dem zweiten Obergeschoss der Bauakademie und bietet hier spannendes neues Material, vor allem bezüglich der Raumfunktionen und -dispositionen.
2012 schreibt Jörg Trempler in seiner Schinkelbiographie, dass "die Person des Künstlers fast vollständig hinter seinen Werken zurücktritt." Und weiter: "Wer also einen kurzweiligen Anekdotenschatz sucht, ist hier fehl am Platz." [5] "Wer Schinkel wirklich war", diese Frage wird auch Jan Mende nicht beantworten können (49-52). Aber wer sie stellen und Antworten suchen will, wird um die Lektüre des Buches nicht herumkommen. [6]
Anmerkungen:
[1] Mario Zadow: Karl Friedrich Schinkel, Berlin 1980.
[2] Christoph von Wolzogen: Karl Friedrich Schinkel. Unter dem bestirnten Himmel, 2 Bde., Frankfurt/Main 2016, Bd. 2, 251f., Anm. 87.
[3] Christian Raabe: Eine Ecke der Bauakademie. Zur Rekonstruktion der "Allgemeinen Bauschule" Karl Friedrich Schinkels, Emsdetten / Berlin 2011.
[4] Elke Katharina Wittich: Frühe Schinkel-Monographien. Erzählungen über einen Künstler, der eigentlich ein gut ausgebildeter Baubeamter war, in: RIHA Journal 2025, Special Issue "Architekt:innen-Monographien. Kanonisierung, Kontextualisierung, Kritik", URL: https://doi.org/10.11588/riha.2025.2.
[5] Jörg Trempler: Karl Friedrich Schinkel. Baumeister Preußens. Eine Biographie, München 2012, 10.
[6] Vgl. auch Alexander Markschies: Dem Architekten in den Kopf schauen. Ein Gedankensplitter zu Karl Friedrich Schinkel, in: Baugedanken. Einsichten, Ansichten, Aussichten für Jan Pieper zum 80. Geburtstag, hgg. von Anke Naujokat / Verena Hake / Bruno Schindler / Björn Schötten, Aachen / Berlin 2024, 188-197.
Alexander Markschies