Ines Reich / Sven Schultze / Katharina Steinberg (Hgg.): Spionagenetzwerke oder Widerstandsgruppen? Studien zur Häftlingsgesellschaft im zentralen Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Militärspionageabwehr in Potsdam 1945-1955 (= Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten; Bd. 37), Berlin: Metropol 2025, 312 S., ISBN 978-3-86331-813-0, EUR 24,00
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Thomas Boghardt: Covert Legions. U.S. Army Intelligence in Germany, 1944-1949, Washington, D.C.: Center of Military History 2022
Luke Daly-Groves: The British and American Intelligence Divisions in Occupied Germany, 1945-1955. A Secret System of Rule, Cham: Palgrave Macmillan 2024
Rainer Karlsch: Uran für Moskau. Die Wismut - Eine populäre Geschichte, Berlin: Ch. Links Verlag 2007
Ines Reich / Maria Schultz (Hgg.): Sowjetisches Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße Potsdam, Berlin: Metropol 2012
Ines Reich / Maria Schultz (Hgg.): Sprechende Wände. Häftlingsinschriften im Gefängnis Leistikowstraße Potsdam, Berlin: Metropol 2015
Sven Schultze: "Land in Sicht"? Agrarexpositionen in der deutschen Systemauseinandersetzung: Die "Grüne Woche" und die DDR-Landwirtschaftsausstellung in Leipzig-Markkleeberg 1948-1962, Berlin: BeBra Verlag 2015
Der vorliegende Band bietet neue Forschungsergebnisse zur Häftlingsgesellschaft des zentralen Untersuchungsgefängnisses der sowjetischen Militärspionageabwehr in der Potsdamer Leistikowstraße. Im Zentrum steht dabei die Gruppenbiografie von 84 Frauen und Männern, welche die Geheimpolizei Stalins hier zwischen 1945 und 1955 inhaftiert hatte. Für die Rekonstruktion nutzten die Autoren einen umfangreichen Quellenkorpus. Sie konnten dabei nicht nur auf zahlreiche Unterlagen aus dem Staatsarchiv der Russischen Föderation, dem Staatlichen Militärarchiv und dem Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdiensts der Russischen Föderation zurückgreifen. Gleichfalls nutzten sie Quellen aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv im Bundesarchiv, denn das Ministerium für Staatssicherheit und seine Vorläufer unterstützten die sowjetischen Dienste häufig bei deren Ermittlungen gegen die Betroffenen.
Es erwies sich als ausgesprochener Glücksfall, dass diese quellenkritisch nicht immer einfach zu handhabenden Akten nun zum Teil mit Dokumenten des Bundesnachrichtendiensts (BND) abgeglichen werden konnten. Zu 14 ehemaligen Häftlingen der Leistikowstraße ließen sich so Informationen zu Decknamen, V-Mann-Nummern, Einsatzorten, zur Stellung in der Vorläuferbehörde des bundesdeutschen Nachrichtendiensts - der Organisation Gehlen -, aber auch zur Haft in der Sowjetunion sowie zur Nachbetreuung durch den BND nach erfolgter Freilassung ermitteln. Diese Trefferquote hätte wohl auch höher ausfallen können, doch behinderten der Erschließungsgrad der Akten im Archiv des BND und die nötigen Freigabeprozeduren offenbar noch weitergehende Personenrecherchen. Einem ähnlichen Zweck diente die Auswertung von Unterlagen des Counter Intelligence Corps der United States Army (CIC) sowie im polnischen Instytut Pamięci Narodowj.
Sven Schultze kann so zeigen, wie die Organisation Gehlen eine Gruppe von Vertriebenen aus dem schlesischen Liegnitz für die Spionage gegen die sowjetischen Besatzungstruppen in Ostdeutschland instrumentalisierte. Die rund 30 dort tätigen Personen spionierten nicht nur sowjetische Einheiten und Garnisonen im Raum Halle/Leipzig aus, sie beschafften zudem Informationen zur wirtschaftlichen und politischen Lage in der Sowjetischen Besatzungszone, verteilten Flugblätter und befragten sogar aus der Sowjetunion heimgekehrte Kriegsgefangene für die Organisation Gehlen. Im Frühjahr 1948 flog die Agentengruppe um den ehemaligen Jagdflieger der Luftwaffe Karl-Dieter Teschner auf; ihre Mitglieder wurden - "alle kannten sich klar" (62) - nahezu ausnahmslos von der sowjetischen Abwehr verhaftet. Wegen Spionage zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, mussten die Angehörigen der Liegnitzer Gruppe im GULag schwere Zwangsarbeit verrichten. Bis 1956 kehrten die Verurteilten in die DDR beziehungsweise Bundesrepublik zurück.
In Westdeutschland kümmerte sich der BND um die Wiedereingliederung seiner aufgeflogenen Agenten, welche die Organisation Gehlen "regelrecht verheizt" (61) hatte. Teschner blieb allerdings aus Sicherheitsgründen eine angestrebte Karriere beim Nachrichtendienst der Bundesrepublik versagt, der ihn mit der Begründung "Guter Feldwebel, kümmerlicher Offizier" zurückwies (77). Teschner trat daraufhin in die Bundeswehr ein, wo er erfolgreich einen Stabsoffizierslehrgang bestand und danach mindestens bis zum Major aufstieg. Die Mitglieder der Gruppe, die nach der Haftentlassung in der DDR verblieben waren, erhielten schließlich 1992 im Rahmen der sogenannten Altfallbetreuung eine finanzielle Entschädigung für die verbüßten Haftjahre. Wohl ein spätes Eingeständnis des Diensts, dessen Vorgänger die kaum ausgebildeten Spione als sogenannte Wegwerfagenten eingesetzt hatte.
Insgesamt kann Schultz nachweisen, dass mehr als die Hälfte der Mitglieder der Liegnitzer Gruppe Verbindungen zur Organisation Gehlen hatten und die sowjetische Militärpräsenz in der SBZ ausspionierten. Mithin traf der stalinistische Verfolgungsapparat nicht nur unschuldige Widerstandskämpfer, sondern auch Personen, die sich in den aktiven Dienst westlicher Nachrichtendienste gestellt hatten.
Ähnliches zeigen die lesenswerten Beiträge von Andreas Weigelt über die Gruppe Amler, die für den US-Militärgeheimdienst den sowjetischen Truppenübungsplatz Lieberose beobachtete, sowie über den CIC-Residenten Herbert Steinborn, der aber auch für andere westliche Nachrichtendienste aktiv war.
Sebastian Nagel wiederum kann belegen, wie sich die CIA bemühte, ehemalige Wehrmachtsangehörige für die Spionage gegen die sowjetischen Truppen in der DDR und Polen zu gewinnen. Der US-Geheimdienst versuchte so das schwindende Nachrichtenaufkommen der Organisation Gehlen zu ersetzen, deren Agenten zunehmend von der sowjetischen Abwehr ausgeschaltet wurden. Durch die CIA-Programme CAUTERY und REDBIRD sollten dringend benötigte Informationen über die Stärke und Zusammensetzung der sowjetischen Streitkräfte in Osteuropa beschafft werden. Deshalb erstreckten sich die Spionagenetzwerke sogar bis nach Polen. Auch die CIA stellte den Wert der zu beschaffenden Informationen über das Leben der Agenten; daher endete für Walter Mellenthin und Franciszek Michalski ihr Einsatz mit dem Todesurteil eines polnischen Militärgerichts.
Im Gegenzug kann Natalja Jeske in ihrem Beitrag über die sogenannte Meuselwitzer Gruppe nachweisen, dass deren drei zum Tode verurteilten Mitglieder - Heinz Baumbach, Heinz Eisfeld und Helmut Paichert - "nichts unternommen hatten, um sowjetische Armeeinheiten auszuspionieren" (214), also zu Unrecht hingerichtet wurden. Katharina Steinberg zeigt abschließend an den Biografien zweier ehemaliger Angehöriger des militärischen Nachrichtendiensts der Wehrmacht, dass trotz aller Bemühungen immer noch Quellenlücken vorhanden sind, die es nicht erlauben, die Nachkriegsaktivitäten von durch die sowjetische Abwehr abgeurteilten Personen eindeutig zu rekonstruieren.
Mit ihrem eindrucksvollen Band verweisen die Herausgeber darauf, dass die Motivlage für Spionage und Widerstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Deutschland vielschichtig war und nicht selten auch auf Antikommunismus gepaart mit NS-Vergangenheit beruhte. Hinzu kamen die ausweglos erscheinende Nachkriegssituation sowie die Risikobereitschaft ehemaliger Wehrmachtsangehöriger. Westliche Nachrichtendienste nutzten dies für ihre Zwecke aus und schufen nicht selten ganze Gruppen sogenannter Wegwerfagenten, die von sowjetischer Seite dann wegen Spionage abgeurteilt wurden. Nicht immer stand also allein der Widerstand gegen die Sowjetmacht im Mittelpunkt der einzelnen Gruppen.
Während Gerhard Sälter in seinem klugen Vorwort auf die fließenden Übergänge zwischen Widerstand und Spionage hinweist, nehmen die Herausgeber "von einem vorbehaltlosen Widerstandsbegriff im Kontext von Spionage weitgehend Abstand" (22). Ihr Verdienst ist es, darauf hinzuweisen, dass Widerstands- und Unschuldsnarrative der Forschung heute nicht weiterhelfen, sondern kritisch zu hinterfragen sind.
Ein weiterer Beitrag zur Rekrutierungspraxis westlicher Geheimdienste am Beginn des Kalten Kriegs - der leider fehlt - hätte nicht nur dazu beigetragen, den historischen Rahmen der Untersuchung noch einmal abzustecken. Er würde zudem deutlich machen, dass kaum jemand, wenn er einmal in das feingesponnene Netz der Dienste geraten war, sich aus freien Stücken zur Spionage gegen die Sowjetunion bereit erklärte. Insgesamt überzeugt der Band durch seine breite Quellenbasis, die differenzierte Analyse und die konsequente Dekonstruktion vereinfachender Widerstands- und Opfernarrative. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Diskussion von Widerstand, Spionage und Verfolgung unter den Bedingungen der stalinistischen Diktatur im frühen Kalten Krieg und leuchtet die persönlichen Handlungsspielräume und Motive der Menschen aus, die den Repressionen der sowjetischen Abwehr ausgesetzt waren.
Matthias Uhl