Rezension über:

Beate Kosmala: Juden und Deutsche im polnischen Haus. Tomaszów Mazowiecki 1914-1939 (= Dokumente - Texte - Materialien; Bd. 28), Berlin: Metropol 2001, 390 S., ISBN 978-3-932482-08-3, EUR 22,00
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Rezension von:
Viktoria Pollmann
Hofheim/Taunus
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Viktoria Pollmann: Rezension von: Beate Kosmala: Juden und Deutsche im polnischen Haus. Tomaszów Mazowiecki 1914-1939, Berlin: Metropol 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/3246.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Beate Kosmala: Juden und Deutsche im polnischen Haus

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Zur Geschichte der einzelnen Bevölkerungsgruppen in Polen liegt eine Fülle von Literatur vor. Beate Kosmala wählt einen anderen Blickwinkel: Sie untersucht ein Beziehungsgeflecht, in dessen Mittelpunkt die deutsche und die jüdische Bevölkerung einer kleinen polnischen Industriestadt in der politisch aufgeheizten Atmosphäre der Zwischenkriegszeit stehen. Der Gründer der Stadt Tomaszów Mazowiecki hatte Anfang des 19. Jahrhunderts jeden aufgenommen, der über Leistungswillen und Fähigkeiten verfügte, gleichgültig, welcher Konfession oder Nationalität der neue Siedler war. Das machte die Stadtgründung erfolgreich. Die historische Methode, durch die Fokussierung auf einen nur scheinbar geringfügigen Nebenschauplatz Zusammenhänge aufzuzeigen, erweist sich als erfolgreich. Sie bietet die Möglichkeit, das Leben dreier Volksgruppen unter den Bedingungen von Modernisierung und Industrialisierung zu untersuchen, ihre gegenseitigen Wahrnehmungen und Berührungspunkte sowie, gegen Ende des Berichtszeitraums, die zunehmenden Ausgrenzungsversuche. Die Beziehungen zeigen eine Entwicklung von Achtung und Duldung zu Verachtung, Gewalt und Vernichtung.

Jede der Bevölkerungsgruppen erweist sich bei genauer Betrachtung als stark binnendifferenziert, wobei der Status der nationalen Minderheit sich für Deutsche und Juden unterschiedlich gewichtet: Das Selbst- und Fremdbild der - fast durchgängig evangelischen - Deutschen ist von Selbstbewusstsein bis hin zu Überlegenheitsgefühlen geprägt; die Juden, selbst die akkulturierte, großbürgerliche Unternehmerschicht, tragen, wie Kosmala meint, noch den Stempel des 'minderen' Status aus der Zarenzeit. Berührungspunkte ergaben sich eher schichtspezifisch, wobei die obere Schicht, das örtliche Unternehmertum und seine Repräsentanten in der Gemeindevertretung, sich zumindest während längerer Zeiträume ebenso verhältnismäßig problemlos verständigen konnte wie die Aktivisten aus den Arbeiterparteien aller drei Bevölkerungsgruppen. Die zahlenmäßig überwiegenden Mittelschichten hatten die relativ geringsten Kontakte, weder gesellschaftliche - das Vereinsleben blieb durchgängig nach Ethnien getrennt - noch über den teilweise gemeinsamen Schulbesuch der Kinder.

Die repressive Minderheitenpolitik des polnischen Staates nach 1918 auch gegenüber den Deutschen schuf einen aufnahmebereiten Boden für nationale Verlockungen von jenseits der Grenzen. In konservativen protestantischen Kreisen trafen völkische Töne und in deren Gefolge der Nationalsozialismus auf offene Ohren. Ein idealisiertes Deutschlandbild stärkte das Selbstgefühl der deutschen Minderheit und wirkte sich auf die Beziehung der Deutschen zu den Juden verheerend aus. Die evangelische Kirche war in diesem Beziehungsgeflecht anfänglich in ihrem Selbstverständnis unpolitisch, später gespalten. Einige wenige staatsloyale evangelische Pastoren büßten ihre Ablehnung der NS-Ideologie nach Kriegsbeginn mit Verhaftung, Konzentrationslager und Tod. Die Mehrheit der evangelischen Pfarrer in Tomaszów und Umgebung adaptierte sich mühelos der neuen Ideologie.

Dass die Autorin Fakten der politischen Geschichte durch Personalisierung lebendig werden lässt, bereichert die faktographische Darstellung. Die Ereignisse bekommen Namen und Gesichter: Ein deutscher Metzgergeselle erhält unter der deutschen Besatzung Macht über Leben und Tod und wird zum gefürchteten Mörder. Ein Schuldirektor wehrt sich gegen den zunehmenden Antisemitismus an seinem Gymnasium. Andere Lehrer "lachten herzlich" über den Eifer ihrer Zöglinge beim Abreißen jüdischer Plakate. Die nachträgliche Amnesie in Bezug auf diesen bereits gewalttätigen Vorkriegsantisemitismus der meisten deutschen Zeitzeugen, die Autoren der nach dem Krieg verfassten Memoiren und Monografien über Tomaszów Mazowiecki eingeschlossen, gehört zu den spannendsten Passagen des ungewöhnlich gut lesbaren Buches. Das positive Selbstbild der deutschen Minderheit ließ noch nicht einmal rückblickend Kritik am eigenen Verhalten zu.

Die Schwierigkeit der Quellenlage - weder die Akten der jüdischen Gemeinde noch die evangelischen Kirchenbücher standen zur Verfügung - gleicht die Verfasserin durch intensive Arbeit in staatlichen und Wojewodschaftsarchiven aus, durch Zeitzeugenbefragung von New York über Paris bis Tel Aviv, durch Auswertung der lokalen und überregionalen Presse, wobei besonders die jiddischsprachige Presse von Tomaszów Mazowiecki durch ihre lebendige, oft im Ton ebenso ironische wie bittere Schilderung des Alltagsgeschehens eine hervorragende Ergänzung etwa zu den Berichten der Sicherheitsabteilung des Lodzer Wojewodschaftsamtes darstellt.


Viktoria Pollmann