Rezension über:

Dennis Pausch: Biographie und Bildungskultur. Personendarstellungen bei Plinius dem Jüngeren, Gellius und Sueton (= Bd. 4), Berlin: de Gruyter 2004, X + 408 S., ISBN 978-3-11-018247-7, EUR 88,00
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Rezension von:
Konrad Vössing
Seminar für Alte Geschichte mit Papyrusabteilung, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Konrad Vössing: Rezension von: Dennis Pausch: Biographie und Bildungskultur. Personendarstellungen bei Plinius dem Jüngeren, Gellius und Sueton, Berlin: de Gruyter 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 1 [15.01.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/01/7743.html


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Dennis Pausch: Biographie und Bildungskultur

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Die Briefe Plinius' des Jüngeren, Gellius' Noctes Atticae und Suetons Kaiserbiografien, alle aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, gehören verschiedenen Gattungen an. Dies hat Dennis Pausch in dieser altphilologischen Dissertation (Gießen 2003/2004) jedoch nicht davon abgehalten, sie zu vergleichen. Den gemeinsamen Punkt bildet dabei die Personendarstellung. Unter der Voraussetzung, diese als exemplarische literarische Reaktion "auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Bildungskultur" (VII) begreifen zu können, hofft er, mit seiner bewusst quer zu den Genusgrenzen angelegten Untersuchung die biografischen Elemente in den thematisierten Werken so miteinander in Beziehung setzen zu können, dass ein Vergleich zugleich kultur- und literaturwissenschaftlichen Ertrag bringt.

Das Buch ist in vier große Teile gegliedert. Nach einem einleitenden Kapitel generell über das biografische Wissen in der literarischen Welt des 2. Jahrhunderts n. Chr. (1-50) werden jeweils in einem Abschnitt der plinianische Porträtbrief (51-146), die Personenbeschreibungen in Gellius' Noctes Atticae (147-232) und die in Suetons Kaiserviten (233-324) behandelt. Ein Fazit (325-335), ein Literaturverzeichnis (237-287), ein allgemeines Register und ein Stellenregister (389-408) runden den Band ab.

Zeitraum und Autoren sind für einen Versuch, 'das Biografische' und seinen Stellenwert in der literarischen Bildung Roms zu isolieren, gut gewählt. Aus dem 2. Jahrhundert stammen die noch heute prominentesten Biografien (Sueton, Plutarch), und auch in der Brief- und der Buntschriftstellerei dieser Zeit sind biografische Elemente ubiquitär. Dennoch beginnt die Untersuchung (ohne Einleitung) etwas unvermittelt; dem Leser wird nicht gleich klar, auf welchem Wege Pausch die unterschiedlichen Personendarstellungen seiner Autoren so homogenisieren möchte, dass sie in vergleichbare Elemente aufgegliedert werden können. Er tut dies mittels zweier Leitfragen, indem er nämlich zunächst die angestrebten gesellschaftlichen Funktionen der biografischen Informationen zu isolieren sucht und dann die literarischen Formen, in die diese absichtsvoll verpackt wurden. Damit ist allerdings schon ein gewisses Modell literarischen Arbeitens impliziert, das eine separate Prüfung verdient hätte. Denn warum sollte nicht auch der umgekehrte Weg möglich sein, der von bestimmten literarischen Formen zu bestimmten Wirkungen führt, ohne dass diese den Grund für die Wahl der Formen darstellten. Mit anderen Worten: Welcher Regel folgend können wir aus der Funktion eines Werkes seine Motivation machen? Pausch geht bei der Antwort auf seine beiden Fragen von einer sehr zielgerichteten Abfolge von erwünschter Funktion und literarischem Mittel aus: Die Autoren wollen bestimmte Wirkungen, und um sie zu erzielen, präsentieren sie biografische Informationen, die sie - wiederum mit Blick auf die erwünschten Effekte - literarisch bearbeiten. In dieser Perspektive haben sie dann "ein überraschend homogenes Repertoire literarischer Formen" herausgebildet, "das über die Gattungsgrenzen hinweg zahlreiche Überschneidungen aufweist" (334). Aber was ist, wenn die gesellschaftlichen Funktionen (jedenfalls in ihrer Isolierung) den Autoren gar nicht alle bewusst waren und diese die damit verbundenen literarischen Mittel folglich auch nicht gezielt entwickelt haben? Es lohnt sich, die Frage zumindest zu stellen, nicht etwa um einer auf die soziale Funktion konzentrierten Werkanalyse, wie Pausch sie betreibt, die Legitimation abzusprechen, sondern um sie klarer als bewusst isolierende Versuchsanordnung kenntlich zu machen.

Dies könnte dann ein Gegengewicht bilden zu der jeder funktionszentrierten Literaturbetrachtung eigenen Bevorzugung des prodesse gegenüber dem (durch die changierende Kategorie der Ästhetik immer mehrdeutigen) delectare. Diese Präferenz ist auch bei Pausch festzustellen. So lesen wir etwa auf Seite 251, der typische Sueton-Leser habe vor allem "den Erwerb biographisch geordneten historischen Faktenwissens beabsichtigt". Wenn Suetons Leser durch verschiedene Orientierungshilfen die Möglichkeit erhalten, nur bestimmte Passagen herauszugreifen, dann geht es wieder in erster Linie um gezieltes Lesen und um schnelles Nachschlagen, um "Utilität" (263), nicht um genussvoll-planloses Springen zwischen den species.

Dass der Autor seine Perspektive tatsächlich fruchtbar machen kann und zu interessanten Resultaten kommt, liegt auch daran, dass die theoretische Ebene nicht sein Hauptinteresse bildet. Ihm geht es vielmehr darum, seine drei Autoren und ihre Personendarstellungen in der geistigen Kultur ihrer Zeit zu verorten, und er tut dies mit geschickt ausgewählten Fallbeispielen, an denen er interessante Beobachtungen macht, so bei Plinius die Briefe 2,1; 3,1; 1,10 und 2,3 (99-140), bei Sueton die Vitellius-Vita (275-319) und bei Gellius etwa die Darstellung des Herodes Atticus (206-226). Seine philologischen Analysen sind dabei immer kenntnisreich, klar formuliert und originell. Dass sie zur Diskussion und zu kritischen Nachfragen anregen, sollte als Qualitätsmerkmal gewertet werden.

Vier wichtige Entwicklungen kann Pausch dabei isolieren:

1. Biografische Informationen kommen seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. (in diese Zeit datiert er die Etablierung einer neuen Bildungskultur) ins Zentrum der 'Allgemeinbildung'.

2. Die Beispielhaftigkeit der großen Persönlichkeiten der Vergangenheit wird insofern aufgelöst, als sie gern nur noch für einzelne Kompetenzen und Situationen formuliert wird, passend zum jeweiligen Kontext. So sind diese Segmente dann - etwa in gebildeter Konversation - besser operationalisierbar.

3. Große Bedeutung erhalten Persönlichkeiten, die ihre Prominenz nicht der Politik, sondern der 'Kultur' verdanken; die 'Helden' können dabei sehr wohl der Gegenwart entstammen.

4. Es bilden sich Gemeinsamkeiten der literarischen Gestaltung biografischer Elemente heraus, und zwar gattungsübergreifend: daher die Prominenz anekdotischer Erzählformen, die große Bedeutung in sich abgeschlossener erzählerischer Einheiten und die Entwicklung von textimmanenten und paratextuellen Orientierungshilfen (wie Gliederungen, Inhaltsverzeichnissen etc.), die dem Leser erlauben, sich zurechtzufinden.

Im Ganzen kann man sagen, dass das literarische Klima und die 'Bildungskultur' der Zeit mit den genannten Entwicklungen gut getroffen sind. Freilich bleibt offen, wie sehr die Geschlossenheit dieses Bildes von der Auswahl der Autoren Sueton, Plinius und Gellius abhängt. Das Fehlen der Historiografie und das anekdotische, der Geschichtsschreibung komplementäre Erzählen (228) etwa ist ja keine Verweigerung eigentlich zu erwartender Darstellungsweisen [1], sondern liegt in der Eigenart der untersuchten (nicht-historischen) Gattungen begründet.

Jeder Vergleich hinkt, und Unterschiede setzen ihn nicht außer Kraft, sondern ermöglichen ihn erst. Die Anlage der vorliegenden Arbeit, die verbindenden literarischen Strategien der drei Autoren herauszuarbeiten, die dann auf gemeinsame Bedürfnisse der Hörer und vor allem Leser zurückgeführt werden, bringt es jedoch mit sich, dass die Unterschiede eher im Dunkeln bleiben. Von den dreien wollte einzig Sueton "echte" Biografien schreiben (deren Hauptperson ja tot sein musste, damit das Leben als Ganzes in den Blick kommen konnte); "personenbezogenes Wissen" - s. etwa Kap. III 2 - ist kein Äquivalent. Nur Plinius' Ziel war es, mit seinen Kunstbriefen dem Leser das detaillierte (möglichst makellose) Selbstbild eines römischen Senators vor Augen zu stellen; insofern ist sein (und nur sein) Ziel auch ein politisches. Nur Gellius verzichtet bewusst auf jede thematische Konzentration ('Buntschriftstellerei') und verkörpert damit den Konversationston (und den Konversations-Ratgeber, s. 17,21,1), den Pausch auch bei den anderen Autoren wahrnimmt. [2]

Aber damit soll nicht der Eindruck erweckt werden, der Autor habe die Differenzen seiner drei Autoren übersehen. Er nimmt bewusst eine Perspektive ein, bei der sie zurücktreten, und auch wenn diese originelle Sichtweise der Ergänzung bedarf, sollte niemand, der sich für Plinius' Briefe, Suetons Biografien oder Gellius' enzyklopädische Plaudereien interessiert, an dieser klar formulierten, profunden und anregenden Studie vorbeigehen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. auch das 'Non-History-Konzept' Suetons; dazu S. 229 ff. und 271 ff. in Anlehnung an Wallace-Hadrill. Hervorzuheben ist dabei, dass Sueton (und auch Gellius) die historiografischen Defizite seiner Viten nur von den modernen Kritikern angekreidet wurden.

[2] Übrigens sollte man vielleicht die Strenge, mit der Gellius seine Kriterien der richtigen Bildung einschärft, nicht überbewerten; sie kennzeichnet in dieser rigiden Form weniger die Gesprächskultur einer Zeit als die Ansprüche ihrer literarischen 'Gurus', denen genau zu folgen nur diese und ihr enger Kreis für nötig befanden.

Konrad Vössing