Rezension über:

Thomas Müller-Bahlke / Holger Zaunstöck (Hgg.): Das Ansehen der Stadt. Halle in historischen Ansichten (= Kataloge der Franckeschen Stiftungen; 24), Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen zu Halle 2009, 160 S., ISBN 978-3-939922-19-3, EUR 24,00
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Rezension von:
Kristine Greßhöner
Historisches Institut, Universität Paderborn
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Kristine Greßhöner: Rezension von: Thomas Müller-Bahlke / Holger Zaunstöck (Hgg.): Das Ansehen der Stadt. Halle in historischen Ansichten, Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen zu Halle 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 5 [15.05.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/05/17562.html


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Thomas Müller-Bahlke / Holger Zaunstöck (Hgg.): Das Ansehen der Stadt

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So modern uns die Begriffe Stadtmarketing und Imagebildung erscheinen, so überraschend zeitlos wirken sie im Angesicht der Stadtansichten der vergangenen Jahrhunderte. Nicht zuletzt dienten diese dem Ansehen der Stadt: Damals wie heute waren und sind sie ästhetischer Schmuck, ein Stück Erinnerung und zeugen in ihrer Konzeption und Gestaltung von Wertschätzung und Ausdruck von Macht.

Einen Einblick und eine Einführung in diesen Bereich städtischer Repräsentation bietet der hier anzuzeigende Katalog der gleichnamigen Ausstellung, welche vom 1. November 2009 bis 28. März 2010 in Halle an der Saale stattfand. Der Katalog verzeichnet die Exponate, knapp 600 teils unveröffentlichte Stadtansichten aus dem frühen 16. bis späten 19. Jahrhundert, mit kurzen Verweisen und wegweisend nach Ausstellungsräumen sortiert. Vier Aufsätze sowie ein Geleitwort resümieren und ergänzen die thematische Vielfalt des Katalogteils. Zur Freude des Betrachters finden sich 156 Abbildungen in diesem, mit 160 Seiten eher schmalen Band teils en détail vergrößert, so dass ein Teil der Druckgrafiken, der Holzschnitte und bemalten Gefäße - um hier nur einige Exponate zu nennen - nachhaltig dokumentiert ist.

Der Großteil der Ausstellungsstücke - übrigens bewusst keine historischen Fotografien - entstammt der Hallensia-Sammlung von Hans Stula, einem Kunstsachverständigen und Sammler mit hallischen Wurzeln. Sein Beitrag über das Glück des Sammelns gewährt den Blick hinter die Kulissen, wie er von Besuchern so sehr geschätzt wird. Zugleich verstärkt er den Eindruck, dass sich dieser handliche Katalog an das interessierte Publikum wendet und nicht vorrangig als Forschungsüberblick dient.

Ein Ziel der Ausstellung, so die Herausgeber, sei es, die hallischen Stadtansichten "in einen überregionalen, europäischen Forschungskontext" (12) einzubringen. Zumindest vermögen Ausstellung und Katalog auf das reichhaltige Quellenkonvolut aufmerksam zu machen, eine begleitende Tagung hätte diesen Anspruch noch stärker unterstrichen.

Einen ersten Eindruck von der Fülle an Kupferstichen und offenbar unzähligen anderen Abbildungen vermittelt der Beitrag "Halle in topographischen Abbildungen" von Edmund Baron und Jörg Hebestedt, der für jene Leser, die die Ausstellung nicht besucht haben, einen wertvollen Überblick liefert. Wegen der Kürze gehen die Autoren, wie sie es selbst formulieren, nur exemplarisch auf ausgewählte, besonders populäre Bilderserien und Ansichten ein - beispielsweise der gesamten Stadt, der Universität und der Franckeschen Stiftungen. Denkmäler und utopische Darstellungen werden an dieser Stelle nicht behandelt.

Eine kritischere Perspektive unter Einbeziehung aktueller Forschungsergebnisse [1] wählt Holger Gräf, der den vermeintlich abgebildeten Ist-Zustand der Veduten diskutiert und treffend resümiert, dass vor allem die den Bildern immanente Vorstellung von Stadt einen Mehrwert für die Forschung habe und weniger ihre fotorealistische Darstellung von Gelände und Gebäuden. Gründe für die wachsende Beliebtheit der Vedutenkunst sucht Gräf anhand von mehreren Prozessen aufzuzeigen, unter anderem Buchdruck, Säkularisierung und frühmoderner Staatsbildung, wobei die Diskussion hier, vermutlich wegen der Seitenvorgaben, leider unbefriedigend knapp ausfällt und eine ausführlichere Würdigung - als Impulsreferat einer Tagung oder eines Workshops - verdient hätte.

Ebenso wie Gräf wählt auch Andrea Thiele in "Halle im Spiegel frühneuzeitlicher Topographien" den Kupferstecher Matthäus Merian (1593-1650) als Ausgangspunkt ihrer Ausführungen. Neben einer Chronologie monografischer Städtebeschreibungen stellt sie unterschiedliche Textquellen zu einem markanten Bauwerk, dem Roten Turm auf dem Marktplatz, nebeneinander und verkleinert so eine Lücke: Schließlich verzichtet die Ausstellung sonst, zumindest systematisch, auf literarische Städtebeschreibungen. Thiele fügt zudem eine an anderer Stelle edierte Städtebeschreibung des Nicolaus Mameranus, eines Mannes aus dem Gefolge Kaiser Karls V., aus dem 16. Jahrhundert an [2], wobei das sonst sehr gelungene Layout die Grenze zwischen Quellenpräsentation und Aufsatz in diesem Fall verwischt.

Der handliche Katalog dient zweifelsohne als Einführung in das Thema der hallischen Stadtansichten verschiedener Epochen. Er bietet optisch ansprechend eine Vielzahl an hochwertigen Reproduktionen der Exponate. Die begleitenden Aufsätze leiden ungeachtet ihrer Qualität unter der offenkundigen Vorgabe einer beschränkten Seitenzahl, so dass eine tiefergehende, auch kritische Diskussion ausbleiben muss. So ist den Ausstellungsverantwortlichen sehr zu wünschen, dass dieses Projekt den Impuls für ein Forschungsprojekt auslöst, das sich diesem umfassenden und faszinierenden Quellenkorpus widmet.


Anmerkungen:

[1] Vgl. exemplarisch Wolfgang Behringer / Bernd Roeck (Hgg.): Das Bild der Stadt in der Neuzeit 1400-1800, München 1999; Ferdinand Opll (Hg.): Bild und Wahrnehmung der Stadt, Linz 2004.

[2] Nach Georg Lorenz: Beschreibung der Stadt Halle im 16. Jahrhundert. Aus einer Handschrift Gebhard von Alvenslebens mitgeteilt, in: Archiv für Landes- und Volkskunde der Provinz Sachsen 9 (1899), 108-110.

Kristine Greßhöner