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Michael Kaiser / Florian Schönfuß: Adelsgeschichte. Einführung, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
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Adelsgeschichte

Einführung

Von Michael Kaiser / Florian Schönfuß

Das nun schon seit Jahren erstarkte Interesse am Adel schlägt sich in einer Fülle von Publikationen nieder, von denen einige in diesem Forum zusammengefasst werden. Es ist praktisch unmöglich, für diese höchst unterschiedlichen Werke einen gemeinsamen Nenner zu finden. Denn in der Anlage und im methodischen Zugriff, der jeweiligen Quellengrundlage wie auch der zeitlichen und regionalen Verortung handelt es sich um grundverschiedene Arbeiten. Insgesamt lassen sie erkennen, in welcher Bandbreite heutzutage Adelsforschung betrieben wird. Im Folgenden sollen gleichwohl einige Aspekte angesprochen werden, die sich aus den hier vorgestellten Büchern ableiten lassen.

Als nach wie vor ergiebig erweist sich der regionale Zugriff, sei es, dass einzelne "Adelslandschaften" in den Blick genommen werden, sei es, dass der Adel einzelner Territorien und Reiche Thema der Untersuchung ist. In den hier besprochenen Studien spiegelt sich dies deutlich wieder. Dies gilt durchaus noch für klassische Untersuchungsräume wie den süddeutschen Raum (Andermann/Lorenz), erst recht aber für Regionen wie das Maasgebiet (Heynens, Adel in Limburg) oder auch den SaarLorLux-Raum (Labouvie, Adel an der Grenze), die bisher eher im "toten Winkel" der Adelsforschung standen. Auf diese Weise kommen auch Spezialstudien zu Manifestationen adeliger Kultur mit regionalem oder lokalem Bezug zustande (Hupperetz/Meierink/Rommes, Kastelen in Limburg), die zweifelsohne eine Grundlage für weiterreichende Studien bieten. Allerdings gilt es dabei, über den engeren regionalen Kontext hinaus auch die gesamteuropäische Dimension des Adels nicht aus dem Blick zu verlieren.

Der neue Aufschwung der Adelsforschung rührt nicht zuletzt daher, dass neben den früheren Epochen zuletzt verstärkt jene Jahrhunderte einbezogen wurden, die man zuvor eher einem "bürgerlichen Zeitalter" zugeordnet hatte. Auch einige hier versammelte Arbeiten richten den Blick auf das 18. und 19. Jahrhundert, also eine Periode, die gerade für den Adel wirkmächtige Umbruchsphänomene und Wandlungsprozesse mit sich brachte. Dabei geht es nicht mehr nur um die Frage, ob mit Beginn des 19. Jahrhunderts gemäß der älteren Forschung ein unausweichlicher "Niedergang" des Adels einsetzte oder ob neueren, vielfach revisionistisch angelegten Studien zufolge dem Adel durch sein ausgeprägtes Adaptionsvermögen das "Obenbleiben" gelang. Am ehesten scheint dies noch bei Hirschmanns Studie zu Knigge der Fall zu sein. Ansonsten wenden sich die Arbeiten (hoch-)adeligen Frauengestalten zu (Labouvie) oder rücken bedeutungsschwere und bisher unterbelichtete Themenfelder wie den Komplex "Adel und Wirtschaft" (Cerman/Velek) in den Mittelpunkt. Gerade anhand letzterer Thematik wird man nur zu gern eine hohe Anpassungsleistung des Adels an neue Verhältnisse feststellen wollen, so dass schließlich doch das Paradigma des "Obenbleibens" auftaucht. Doch ist das Feld "Adel und Wirtschaft" noch viel zu dürftig bestellt, die Materie viel zu komplex, als dass sich aus den bislang vorliegenden Befunden abschließende Wertungen herleiten ließen.

Es fällt auf, dass innerhalb der Adelsgeschichte nach wie vor eine individualhistorische Orientierung dominiert. Mit einem kollektiven Zugriff auf den Adel tut sich die Forschung offenbar immer noch schwer. Tatsächlich zeigen einige der hier vorgestellten Studien durchaus die Chancen auf, die die Fokussierung auf eine oder nur wenige historische Figuren eröffnet. So bietet die Annäherung über Einzelbiographien Spielraum für mikrogeschichtliche Arbeitsweisen (Kink), aber auch volkskundlich angelegte Analysen sind möglich (Spies). Gerade beim Adel ist jedoch zu berücksichtigen, dass einem einzelbiographischen Zugriff kaum die Vorstellung einer einheitlichen sozialen Konfiguration gegenübersteht: Vielmehr drängt sich die Familie oder die Dynastie als entscheidender Bezugspunkt der historischen Analyse auf (Beispiele bei Andermann/Lorenz).

Die Quellengrundlage bilden neben den klassischen Beständen auch verschiedene Arten von Selbstzeugnissen. Hier zeigt sich auch der besondere Wert privater Adelsarchive, da sich gerade hier immer wieder Tagebücher und andere autobiographische Schriftstücke finden. Bei allen methodischen Fragen ist doch unbestritten, dass derartige Quellen wertvollste Einblicke in die Lebenswelten des zeitgenössischen Adels gewähren können. Thematisiert und reflektiert werden in ihnen zudem einige für den Adel wahrhaft konstitutive Handlungsfelder und Erfahrungsräume wie die adelige Kavalierstour (Freller) oder das Militär (Welten).

Angesichts der vielfachen Herausforderungen, denen sich die Adelsforschung gegenübersieht, gibt es unzweifelhaft ein Bedürfnis, aus bislang Erforschtem Orientierungswissen in kondensierter Form zu generieren. Diesem durchaus berechtigten Wunsch entsprechen Handbücher und Nachschlagewerke; zu letzterer Gattung ist das Lexikon des Adels zu zählen (Conze), das durchaus Standards zu setzen vermag. Angesichts eines stetigen Stroms neuer Befunde und Impulse dürfte das hier versammelte Wissen jedoch einer regelmäßigen Erneuerung zu unterziehen sein. Doch auch dies zeigt einmal mehr, wie sehr die historische Adelsforschung im Flusse ist.

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