Rezension über:

Burcu Dogramaci: Kulturtransfer und nationale Identität. Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927, Berlin: Gebr. Mann Verlag 2008, 431 S., ISBN 978-3-7861-2587-7, EUR 79,00
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Rezension von:
Jörg Stabenow
Institut für Kunstgeschichte, Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Olaf Peters
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Stabenow: Rezension von: Burcu Dogramaci: Kulturtransfer und nationale Identität. Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927, Berlin: Gebr. Mann Verlag 2008, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/15207.html


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Burcu Dogramaci: Kulturtransfer und nationale Identität

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Die Tätigkeit österreichischer und deutscher Architekten in der Türkei in den 1920-50er Jahren ist eines der erstaunlichsten Kapitel innereuropäischer Architekturvermittlung. Die Liste der beteiligten Personen liest sich wie ein Who's who der zeitgenössischen architektonischen Prominenz. Sie umfasst führende Architekturlehrer wie Hans Poelzig und Paul Bonatz, erfolgreiche Praktiker wie Martin Elsässer oder Bruno Taut und erfahrene Städtebauer wie Martin Wagner. Einige von ihnen kamen auf der Suche nach Arbeit und Aufträgen in die 1923 gegründete Republik, andere als Emigranten. Den Anstoß zu dieser bemerkenswerten Wanderung architektonischer Kompetenz gab die zielstrebige Berufung ausländischer Experten durch den türkischen Staat, der in bewusster Abkehr vom kulturellen Erbe des Osmanischen Reiches um Anpassung an internationale Standards bemüht war.

Das Thema steht seit den 1980er Jahren im Blickfeld der türkischen Forschung; von deutscher Seite hat Bernd Nicolai es erstmals zusammenhängend behandelt und im Kontext der europäischen Moderne interpretiert. [1] Gegenüber bisherigen Arbeiten nimmt Burcu Dogramaci in ihrer 2008 vorgelegten Publikation insofern einen Perspektivwechsel vor, als sie nicht die architekturhistorische Problematik in den Mittelpunkt stellt, sondern die Prozesse und Mechanismen der Kulturvermittlung. Zugleich erweitert sie das Untersuchungsgebiet, indem sie neben der Entwurfs- und Bautätigkeit auch die Lehre, die publizistische Arbeit und die Jurorentätigkeit der ausländischen Architekten mit einbezieht. Jenseits der Architektur berücksichtigt sie die Tätigkeit der Emigranten auf den Feldern der Stadtplanung, der Plastik und der Kunstgeschichte. Neben den erfolgreichen Praktikern rückt damit eine Reihe weiterer Persönlichkeiten in den Blick, die in der Türkei weniger sichtbare, aber ebenso wirksame Spuren hinterlassen haben. Die Werke und Biografien der Emigranten werden nicht für sich betrachtet, sondern im Kontext ihrer türkischen Rezeption analysiert. Gleichberechtigt mit den ausländischen Lehrern und Praktikern lässt Dogramaci deren türkische Gesprächspartner zu Wort kommen, die als Schüler und Assistenten, Mitarbeiter und Kollegen wesentlichen Anteil an den Prozessen der kulturellen Vermittlung hatten.

Es entspricht dem spezifischen Fokus des Buches, wenn die Gliederung sich nicht am Œuvre und an den Biografien einzelner Protagonisten orientiert, sondern an den Etappen, Arbeitsfeldern und Strukturphänomenen der kulturellen Transmission. Ein einführender Abschnitt behandelt die Lebenswelt und die Arbeitsbedingungen der Emigranten in der Türkei. Als Vorgeschichte der Präsenz deutschsprachiger Architekten diskutiert Dogramaci die Architekturbeziehungen zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich um 1900 und die Ausbildung türkischer Architekten in Deutschland und der Schweiz in den 1920er Jahren. Sedad Hakkı Eldem und Seyfi Arkan, die bei Poelzig studierten, und Emin Onat, ein Schüler Otto Rudolf Salvisbergs in Zürich, waren nicht nur Ansprechpartner für ausländische Kollegen in der Türkei, sondern selbstständige Vermittler kultureller Impulse.

Ein Hauptkapitel gilt der Praxis der österreichischen und deutschen Architekten im Auftrag des türkischen Staates, die mit dem Engagement Ernst Eglis und Clemens Holzmeisters 1927 begann. Die Berufung ausländischer Fachleute stand im Kontext einer tiefgreifenden gesellschaftlichen und kulturpolitischen Modernisierung unter der Ägide des Staatspräsidenten Mustafa Kemal Atatürk. Dogramaci erörtert die Bauten und Entwürfe der deutschsprachigen Architekten nach Aufgabengebieten und fragt nach ihrer Bedeutung im Rahmen des kemalistischen Modernisierungsprojekts.

Weitere ausführliche Kapitel behandeln die Mitwirkung der Architekten am Aufbau der Architekturausbildung und an der Grundlegung eines professionellen Städtebaus. Zu den Entdeckungen der Arbeit gehört die zehnjährige Präsenz des ehemaligen Altonaer Bausenators Gustav Oelsner, der als Lehrer und Praktiker der Stadtplanung eine besonders nachhaltige Wirksamkeit entfaltete.

Mit zwei Abschnitten über die Denkmalplastik und die Kunstgeschichte erweitert die Autorin den Rahmen ihrer Untersuchung. Der Bildhauer Rudolf Belling, der in den 1920er Jahren in Deutschland durch seine abstrakten Plastiken hervorgetreten war, reüssierte ab 1936 in der Türkei als Vertreter einer gegenständlichen Staatskunst. Weniger erfolgreich war die Arbeit des Kunsthistorikers Ernst Diez, der ab 1943 an der Universität Istanbul das Kunsthistorische Seminar begründete. Den Erwartungen an eine 'nationale' Kunstgeschichtsschreibung wurde er mit seiner vergleichenden, übernationale Verflechtungen akzentuierenden Argumentation nicht gerecht.

Eine eigene kurze Abhandlung widmet Dogramaci den Momenten des Dialogs zwischen deutschen und türkischen Architekten. Hier konkretisiert sie ihr Verständnis kultureller Transmission als eines Vorgangs, an dem stets zwei Seiten beteiligt sind. Das prägnanteste Fallbeispiel bietet die enge Kooperation zwischen Paul Bonatz und seinen Kollegen Sedad Hakkı Eldem und Emin Onat. Bonatz, der erst 1944 nach Istanbul kam, sah sich als Geburtshelfer einer nationalen Rückbesinnung in der türkischen Architektur. Die von ihm propagierte Stilhaltung, die den Monumentalismus der NS-Architektur mit einer Aufnahme seldschukischer und osmanischer Formelemente verband, fand in den Bauten Eldems und Onats einen starken Widerhall.

Es überrascht nicht, dass die dominierende Präsenz ausländischer Architekten beim türkischen Publikum zunehmend Abwehr und Kritik hervorrief. Der staatlich forcierte Architekturimport war begleitet von Spannungen und Konflikten. Obwohl die ausländischen Experten sich überwiegend offen mit der Kultur ihres Gastlands auseinandersetzten, waren sie mit dem Vorwurf konfrontiert, türkische Traditionen zu ignorieren.

Dogramaci entfaltet ein facettenreiches Panorama des Kulturtransfers, in dem Kommunikationsprozesse ebenso großes Gewicht haben wie architektonische und künstlerische Phänomene. Allerdings lässt ihre Arbeit auf zwei Feldern - bei der politischen Charakterisierung der türkischen Republik und bei der Bestimmung der heterogenen Profile der ausländischen Architekten - eine gewisse Unschärfe erkennen. Die politische Identität der jungen Republik wird völlig zu Recht, jedoch etwas einseitig durch die enorme Modernisierungsleistung definiert, die der von Atatürk vorangetriebene Aufbau des Nationalstaats mit sich brachte. Vernachlässigt werden dagegen die autoritären Züge des kemalistischen Staates, der durch Einparteienherrschaft und Personenkult geprägt war. Dieser Staat war Auftraggeber der ins Land gerufenen Architekten; ihre Arbeit diente somit direkt den Zwecken staatlicher Repräsentation.

Etwas unscharf bleibt zudem mitunter die Einschätzung der von den ausländischen Experten vertretenen architektonischen Positionen. Auch wenn die Arbeit der deutschsprachigen Architekten in der Türkei als 'modern' rezipiert wurde, fanden sich unter ihnen keine Exponenten einer radikalen Avantgarde. Das Spektrum reichte von der gemäßigten Moderne Eglis oder Elsässers über die pluralistische Haltung des späten Bruno Taut bis zu den konservativen Standpunkten Holzmeisters oder Bonatz'. Gerade die beiden letztgenannten Architekten wurden mit den prominentesten Staatsbauten betraut. Offenbar ging es den institutionellen Auftraggebern nicht nur um den Ausdruck architektonischer Modernität, sondern in gleicher Weise um eine an etablierten Konventionen orientierte Darstellung staatlicher Macht.

Für eine architektonische Einordnung und Deutung des Beitrags der Emigranten bleibt es deshalb sinnvoll, ergänzend weiterhin das Buch von Bernd Nicolai heranzuziehen. Mit ihrer differenzierten Beurteilung der Phänomene kultureller Transmission kann jedoch Dogramaci den Horizont bisheriger Forschungen erheblich erweitern. Bei der strukturellen Analyse der Arbeit kultureller Brückenbauer entwickelt die Kunsthistorikerin ihrerseits eine beeindruckende Brückenkompetenz. Den grenzüberschreitenden Fluss der Ideen in seiner Komplexität und Vielfalt sichtbar zu machen, ist ein wesentliches Verdienst ihrer Arbeit.


Anmerkung:

[1] Bernd Nicolai: Moderne und Exil. Deutschsprachige Architekten in der Türkei 1925-1955, Berlin 1998.

Jörg Stabenow