Rezension über:

Pippa Salonius / Andrea Worm (eds.): The Tree. Symbol, Allegory, and Mnemonic Device in Medieval Art and Thought (= International Medieval Research; Vol. 20), Turnhout: Brepols Publishers NV 2014, XVII + 255 S., zahlr. Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-2-503-54839-5, EUR 125,00
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Rezension von:
Wolfgang Augustyn
Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Augustyn: Rezension von: Pippa Salonius / Andrea Worm (eds.): The Tree. Symbol, Allegory, and Mnemonic Device in Medieval Art and Thought, Turnhout: Brepols Publishers NV 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/25585.html


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Pippa Salonius / Andrea Worm (eds.): The Tree

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Seit der Antike illustrierte man Texte und suchte so deren Inhalte zu veranschaulichen. Im Mittelalter - in einer weitaus weniger literalisierten Umwelt, in der Gedächtnisleitungen einen völlig anderen Stellenwert hatten als in nachmittelalterlicher Zeit - kam hinzu, dass Inhalte mithilfe der Bilder durch Verknappung "merkfähig" gemacht wurden: Diese im profanen Bereich didaktische, im religiösen Bereich katechetische Funktion mit ihrer mnemotechnischen Bedeutung wurde vor allem für Schule und Wissenschaft regelmäßig genutzt, diente als Instrument der Verwaltung, Weitergabe und Aneignung von Wissen. Entweder kleidete man dafür den zu veranschaulichenden Inhalt in das Bild einer beispielhaften Handlung, in eine allegorische oder metaphorische Darstellung, oder man suchte nach einer Bildform, in der sich der Inhalt auf eine grafische Formel verkürzen ließ, die die Struktur des Inhalts vor Augen führte. Viele Argumentationen, die man ins Bild setzen wollte, beziehen sich auf Kohärenzen unterschiedlicher Art: auf zeitlich oder kausal begründete Zusammengehörigkeit, parallel oder in einem Abhängigkeits- oder Nachfolgeverhältnis. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, diese Relationen einprägsam darzustellen, erprobte man die Anwendung eines Schemas, das bei der Wiedergabe das organische Bild des Baums zugrunde legte.

Im Rahmen einer Sektion des International Medieval Congres "The Natural world" 2008 in Leeds nahm man sich der vielfältigen Aspekte dieser Bildformel an, in einer Reihe von Vorträgen wurden der Gebrauch dieses Bildes als Symbol, als Allegorie und als Instrument der Mnemotechnik vorgestellt und die jeweiligen Voraussetzungen erörtert. Die beiden Verantwortlichen der Sektion, Andrea Worm (Universität Graz) und Pippa Salonius (Humboldt State University, Arcata, CA), haben nun die Vorträge in einem Sammelband publiziert, der diesen Themenbereich der mittelalterlichen Ikonografie anhand signifikanter Fallbeispiele vor dem Hintergrund historischer Positionen und mit ihren theologischen und literarischen Grundlagen erschließt.

Naheliegend war der Gebrauch der Baum-Metapher im Bereich genealogischer Darstellungen, was bereits die biblische Metapher von der Wurzel Jesse als Stammbaum Christi empfahl. Als Beispiel für diese Bildüberlieferung behandelt Marie-Pierre Gelin Werke der Glasmalerei und deren häufige, liturgisch bedingte Platzierung im Chor der Kirche (13-34). Seit dem 9. Jahrhundert hatte man bei der Bebilderung von Handschriften mit dem knappen Text Isidors von Sevilla zum geltenden kanonischen Eherecht (Etymologiarum liber VI,9) begonnen, Verwandtschaftsverhältnisse in Tafeln mit stilisierten Baumformen, ansatzweise auch mit Ästen und Laub darzustellen. Hinzu kam der Text des "Decretum Gratiani". Für beide Texte gebrauchte man in Hoch- und Spätmittelalter das Schema des Baums mit Ästen und Laubwerk, um anhand von Verwandtschafts- und Verschwägerungsverhältnissen mögliche und unzulässige Eheschließungen anschaulich zu machen ("tabula consanguinitatis" und "tabula affinitatis"). Nach diesem Vorbild gestaltete man auch im Dienst bestimmter legitimierender Argumentationen verschiedentlich Genealogien dynastischer oder herrscherlicher Familien wie im Fall der von Marrigold Ann Norbye präsentierten Beispiele zu den französischen Königen (69-94). Dass solche Baumschemata auch als Gerüst für eine grafische Darstellung historischer Abläufe in zeitlicher Folge genutzt wurden, zeigt die Herausgeberin Andrea Worm (35-68). Jenseits historischer Inhalte diente die organische Metapher auch als Werkzeug systematischer Ordnung, etwa in der enzyklopädischen Literatur (so bei der Bildüberlieferung zur Einteilung von Tugenden und Wissenschaften, u.a. der "Artes Liberales"; vgl. dazu Karl August Wirth: Von mittelalterlichen Bildern und Lehrfiguren im Dienst der Schule, in: Bernd Moeller (u.a.): Studien zum städtischen Bildungswesen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Göttingen 1983, 256-370, hier 278-310). Annemieke R. Verboon erläutert aus diesem Themenfeld die Anwendung der Baum-Metapher zur schematischen Veranschaulichung der Logik nach Porphyrius (95-116).

In mehreren Beiträgen wird auch eine der vielleicht wirksamsten und bildmächtigsten Anwendungen der Baum-Metapher behandelt, die des Lebensbaums, die aus der Genesis und aus der Tradition jüdisch-christlicher Legendenliteratur von apokrypher Zeit bis ins Spätmittelalter tradiert, vielfach kommentiert und narrativ erweitert wurde. Während Ute Dercks (143-158) die Bildüberlieferung zur alttestamentlichen Erzählung über den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens in der Skulptur der italienischen Romanik zusammenfasst, zeigt Ulrike Ilg (187-212), wie aus der Ursprungserzählung in einem schöpferischen Anverwandlungsprozess eine theologisch aufgeladene Bildformel entwickelt wurde. Bonaventura (1221-1274), der als Theologe und Kardinal zu den wichtigsten Autoren des 13. Jahrhunderts gehörte, schrieb nach seiner Wahl zum Ordensgeneral der Franziskaner 1257 von 1259 bis 1260 mehrere Traktate zur geistlichen Formung der ihm unterstellten Brüder, darunter auch einen Traktat "Baum des Lebens" ("Lignum vitae"), in dem das Kreuz Christi mit dem Lebensbaum gleichgesetzt ist: eine eingängige Bildformel, die nicht nur in Handschriften, sondern auch in der Wandmalerei weite Verbreitung fand. Wie populär diese Bildkomposition war, belegt, dass man in einer Stadt wie Orvieto die Wurzel Jesse als Relief an der Domfassade anbrachte und das "Lignum vitae"-Bild nach Bonaventura in der wichtigsten Pfarrkirche San Giovenale zeigte (Pippa Salonius, 213-241).

Der sorgfältig redigierte und bebilderte Band ist eine hilfreiche Einführung in diesen Themenbereich und präsentiert neues, kaum bekanntes Material.

Wolfgang Augustyn