Rezension über:

Jacek Purchla (Hg.): Mythos Galizien, Wien: Metroverlag 2015, 480 S., ISBN 978-3-99300-220-6, EUR 38,00
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Rezension von:
Stefaniya Ptashnyk
Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Stefaniya Ptashnyk: Rezension von: Jacek Purchla (Hg.): Mythos Galizien, Wien: Metroverlag 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/11/29552.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Jacek Purchla (Hg.): Mythos Galizien

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Galizien, das nach der ersten Teilung Polens im Jahr 1772 als "terra incognita" (Patrice M. Dabrowski, 129), als "synthetisches, fiktionales Territorium ohne Vorgeschichte" (Wolfgang Kos, 56) an die Habsburger fiel und bis 1918 Bestandteil der k.u.k. Monarchie blieb, erfreute sich in den letzten Jahren verstärkter, überraschend lebhafter Aufmerksamkeit. In der österreichischen Hauptstadt fand vom 26. März bis 30. August 2015 im Wien Museum am Karlsplatz die Ausstellung "Mythos Galizien" statt, konzipiert in enger Zusammenarbeit mit dem Krakauer International Cultural Centre (MCK). Aus diesem Anlass wurde der rezensierte Band herausgebracht.

Neben einer reichhaltigen Dokumentation der gleichnamigen Ausstellung umfasst das vorliegende Werk 28 Beiträge, die sich mit Galizien aus verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzen. Den thematischen Schwerpunkt des Bandes bilden - wie der Titel andeutet - Fragen der Mythisierung dieser Region (Vergleiche Beiträge von Jurko Prochasko, Katrin Ecker, Krzysztof Zamorski und viele mehr) Bereits im 19. Jahrhundert schrieb Maurycy Orgelbrand über Galizien: "Die Existenz dieses Königreiches ist eines diplomatischen Charakters, und dessen Bezeichnung fußt auf falsch verstandenen historischen Prämissen". [1] Polnische, ukrainische und jüdische Narrative zu dem Mythos Galizien finden im vorliegenden Band genauso Berücksichtigung wie auch der Blick vom Zentrum aus. So stellt Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums, fest: "Für die Polen war es Symbol des schmerzlichen Verlusts, die österreichischen Neubesitzer wiederum investierten kaum mehr als kalte Unterwerfungspragmatik" (56).

Neben dem Mythologischen ist die Geschichte Galiziens ein zentrales Thema der Ausstellung wie auch des Buches, beleuchtet in den Beiträgen von Kerstin Jobst, Waldemar Lazuga, Jaroslaw Hrycak, Hans-Christian Maner, Jacek Purchla, Jan Rydel und anderen. Dabei stellt Ecker fest, dass Mythos und Geschichtsschreibung einander nicht feindlich gegenüberstünden, "weil auch die Geschichtsschreibung [...] nicht mehr beanspruchen kann, die Wahrheit [...] zu repräsentieren. [...] Eine Verbindung zwischen den beiden besteht darin, dass auch Ersterer eine Geschichte hat" (251). Monika Rydiger vertritt die Meinung, dass "beide Kategorien Mittel der Vergangenheitsdarstellung sind" und dass "der Mythos zwar von der Geschichte umfasst wird, gleichzeitig aber außerhalb derselben bleibt. Er ist eine Spur, ein Zeugnis der Vergangenheit, er kann jedoch kein Dokument sein" (253). Die Rückbeziehung auf historische Daten bedeute deshalb keine Zerstörung des Mythos, sondern schaffe die Möglichkeit, "aus einer breiteren, suprakulturellen Perspektive unterschiedliche Merkmale verschiedener Nuancen der mythologischen Erzählungen über Galizien zu verstehen" (253 f.).

Auf das jüdische Leben in Galizien gehen Larry Wolff und Joshua Shanes ein: Bereits in den 1780er Jahren veranlasste Joseph II. als aufgeklärter absolutistischer Herrscher zahlreiche Reformen wie etwa das Einräumen von Niederlassungsfreiheiten, deren Ziel es war, die "Autonomie jüdischer Gemeinschaften aufzubrechen und deren Angehörigen bisher verbotene berufliche Möglichkeiten zu eröffnen" (Shanes, 155). Somit verlief die Gleichstellung des Judentums in Galizien ganz anders als in anderen Ländern.

Das Miteinander und Nebeneinander von Sprache, Kulturen und Religionen machte Galizien zu einem anziehenden und somit häufig aufgegriffenen Objekt literarischer Gestaltung: "Galizien ist zeit seines Bestehens Gegenstand literarischer Beschreibungen gewesen", so Alois Woldan (223). Zu den wohl bekanntesten Autoren, in dessen Werk Galizien sehr präsent ist, gehört Joseph Roth (darüber ausführlich der Beitrag Telse Hartmanns; der deutschsprachigen Literatur aus Galizien ist der Text von Maria Klanska gewidmet). "Das Miteinander unterschiedlicher Sprachen und Narrationen, Gattungen und kultureller Codes legt es nahe, von nur einer galizischen Literatur zu sprechen, die als offenes und dynamisches System all jene Texte, die von Galizien handeln, umfasst" (Woldan, 227). Dies gilt vor allem für gemeinsame Narrationen vor dem Ersten Weltkrieg, die es in verschiedenen Sprachen gab. Auch nach ihrem Untergang am Ende des Ersten Weltkriegs und gar nach dem Zweiten Weltkrieg blieb diese Region in der literarischen Landschaft präsent, jedoch ging - wie Woldan feststellt - nach dem Zweiten Weltkrieg der gemeinsame Nenner verloren, und wir hätten "keine gemeinsamen Texte mehr, in denen sich die polnische, ukrainische und deutsche Literatur treffen, die einzelnen Galizien-Narrationen unterscheiden sich nun deutlich voneinander" (227).

Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der darstellenden Kunst begegnen wir den Verkörperungen Galiziens in verschiedenen Kontexten: "Das Urbild der späteren Personifikation von Ländern oder Gebieten war in der europäischen Ikonografie die Allegorie Europas selbst", schreibt Zhanna Komar (207). Zu den bekanntesten Gemälden in diesem Zusammenhang gehört wohl ein Bild von Josef Haßlwander (um 1849), das "das Schiff Österreich" darstellt: Personifizierte Kronländer bewundern Apoll, den damals jungen Franz Josef. Wer im Schönbrunner Schlosspark spazieren geht, sollte die prächtige Brunnenanlage mit einer Skulpturgruppe nicht verpassen, in der Galizien als eine Zwillingsschwester neben den anderen Figuren (das heißt Kronländern) erscheint.

Die facettenreiche Schilderung Galiziens ergänzen die Beiträge von Martin Pollack über Galizien als Erinnerungslandschaft oder von Patrice M. Dabrowski, die sich besonders mit der Karpatenregion auseinandersetzt und das Narrativ über Galizien als ein "Land hinter den Karpaten" aufgreift. Purchla zieht einen Vergleich zwischen Lemberg und Krakau als den wichtigsten Städten Galiziens und der Hauptstadt Wien auf dem Weg in die Moderne. Matthias Beitl beleuchtet die Präsenz Galiziens in Wien und berichtet insbesondere über galizische Exponate aus der Sammlung des Museums für Volkskunde.

Sicherlich sind damit nicht alle Aspekte erschöpft, mit denen man sich im Zusammenhang mit dieser Region auseinandersetzen könnte und auch sollte. Themen wie Bildung, Hochschulleben, Wissenschaft und viele andere blieben leider unberücksichtigt. Dennoch liegt uns mit diesem Katalog nicht nur eine optisch und haptisch sehr ansprechende Ausstellungsdokumentation mit reichhaltigem und rarem Bildmaterial vor, sondern auch eine inhaltlich reichhaltige, multiperspektivische Publikation, die Einblicke in verschiedene Facetten des Gesamtbildes Galiziens in Vergangenheit und Gegenwart vermittelt.

Ob es sich lohnt, sich auch heute noch mit dem Mythos Galizien zu beschäftigen? Ein klares "Ja" sprachen nicht nur die großen Besucherzahlen der Ausstellung; als Fürsprecher möchte ich an dieser Stelle auch den Historiker und Diplomaten Emil Brix (61) zitieren: "Heute [...] ist der 'Mythos Galizien' ein wichtiger positiver Faktor für die regionale Identität Südpolens wie auch der Westukraine und für die kulturellen Beziehungen zwischen Polen, der Ukraine und Österreich".


Anmerkung:

[1] Encyklopedia powszechna [Allgemeine Enzyklopädie], Bd. 9, Warszawa 1862, 514.

Stefaniya Ptashnyk