Rezension über:

Joanna Wawrzyniak: Veterans, Victims, and Memory. The Politics of the Second World War in Communist Poland (= Studies in Contemporary European History; Vol. 4), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2015, 259 S., ISBN 978-3-631-64049-4, EUR 49,95
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Rezension von:
Maximilian Becker
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Maximilian Becker: Rezension von: Joanna Wawrzyniak: Veterans, Victims, and Memory. The Politics of the Second World War in Communist Poland, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 12 [15.12.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/12/29122.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Joanna Wawrzyniak: Veterans, Victims, and Memory

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"In what ways was the public memory of the Second World War shaped in communist Poland? How did the state and social groups interact in order to create this memory? And finally, what was the relationship between the memory of the war and the state's social policies?" (13). Diesen Fragen geht die Warschauer Soziologin Joanna Wawrzyniak in ihrer Studie nach, die auf ihrer 2009 auf Polnisch veröffentlichten Dissertation beruht. [1] Die Übersetzung wurde gegenüber dem Original leicht gekürzt, aber um ein neues Vorwort und um ein Schlusskapitel ergänzt. Seit 2009 erschienene Literatur hat die Autorin zudem eingearbeitet. Die Arbeit ist fesselnd, was natürlich auch das Verdienst des Übersetzers Simon Lewis ist.

Nach einer kurzen Einführung in die methodischen Grundlagen der Studie nennt Wawrzyniak drei Leitnarrative der Kriegserinnerung im kommunistischen Polen, die gleichzeitig die Phasenabfolge der Erinnerung kennzeichnen: den Mythos des Sieges, der während des Stalinismus das Leitmotiv war; den Mythos der Einheit der Widerstandsbewegung, der zwischen 1955 und 1959 den Diskurs beherrschte; und den Mythos der Unschuld, der die 1960er Jahre dominierte. Diese Phasenabfolge ist jedoch nicht so zu verstehen, dass jeweils nur eines der genannten Narrative "erzählt" worden wäre. Vielmehr waren alle drei Mythen miteinander verwoben, wobei die Autorin die These vertritt, dass je nach Zeitabschnitt eine der Erzählungen in den Vordergrund gestellt wurde. Dies führt sie in den folgenden Kapiteln näher aus.

Im Zentrum der Untersuchung steht der "Verband der Kämpfer um Freiheit und Demokratie" (Związek Bojowników o Wolność i Demokrację - ZBoWiD). Diese Massenorganisation vereinte ehemalige Mitglieder des antifaschistischen Widerstands, NS-Opfer und Veteranen der polnischen Streitkräfte. Der Verband war ein wichtiger Akteur in der Erinnerungspolitik der Volksrepublik Polen. Damit ordnet sich die Studie in ein internationales Forschungsfeld ein, das derzeit auf wachsendes Interesse stößt: die Erforschung der gesellschaftlichen und politischen Rolle der Opfer der NS-Verfolgung nach 1945 und ihrer zahlreichen Organisationen. In vielerlei Hinsicht stellt die Arbeit von Wawrzyniak zudem die chronologische Fortsetzung von Zofia Wóycickas bereits 2013 auf Englisch erschienener Geschichte der Erinnerung an die Konzentrationslager, NS-Verfolgung und Judenvernichtung in Polen 1945-1950 dar.[2] Auch bei Wóycicka stehen die Verfolgtenverbände im Mittelpunkt, die 1949 im Zuge der Stalinisierung im ZBoWiD aufgingen.

Der Ansatz, den ZBoWiD in den Mittelpunkt zu stellen, ist gut gewählt, lassen sich an seiner Organisationsgeschichte doch die Wandlungen der Erinnerung ablesen - etwa in der Aufnahme von ehemaligen Mitgliedern der Heimatarmee 1956. Die ehemaligen Verfolgten standen im Zentrum dieser Erinnerung "as living symbols of war, as evidence that supported the version of history being told by the authorities" (86). Zudem kann die Autorin so die Politik des kommunistischen Staates gegenüber den NS-Opfern zeigen, wobei sie vor allem die stalinistische Verfolgung von Mitgliedern des ZBoWiD und den Umgang mit den Soldaten der Heimatarmee thematisiert. Auf die Sozialpolitik für die NS-Opfer geht Wawrzyniak dagegen nur sehr knapp ein, ein Aspekt, der bislang auch in Polen kaum erforscht ist. Die Geschichte des ZBoWiD verdeutlicht außerdem, wie einzelne Opfergruppen zeitweise den Diskurs bestimmten: als Objekte, an die erinnert wurde, aber auch als erinnerungspolitische Akteure. Während dies in den Jahren des Stalinismus die ehemaligen KZ-Häftlinge waren, dominierten in den beiden Jahrzehnten danach die antifaschistischen Widerstandsangehörigen.

Etwas enttäuschend ist, dass der Leser kaum etwas über die politische Vernetzung der leitenden Funktionäre des ZBoWiD erfährt, obwohl die Beantwortung der Frage, welche Ämter sie in der Partei bekleideten, für den Beleg der zentralen These der Arbeit wichtig gewesen wäre. Die Autorin geht davon aus, dass "the official patterns of war memory [...] were to a surprising extent the result of negotiation between the state and memory groups" (13). Die Kernfrage ist hier, wie selbständig der ZBoWiD agieren konnte. Trotzdem begründet Wawrzyniak ihre These überzeugend anhand von Beispielen wie den verbandsinternen Diskussionen während der Entstalinisierung, an denen sich auch "einfache" Mitglieder beteiligten.

Wawrzyniak lässt ihre Untersuchung im Wesentlichen 1969 enden, weil die ehemaligen Kriegsteilnehmer aufgrund ihres Alters seit den 1970er Jahren zunehmend aus der Politik ausschieden. Die 1970er und 1980er Jahre behandelt sie nur noch kursorisch im Schlusskapitel, wobei sie hier die Entwicklung der polnischen Erinnerungskultur mit dem offiziellen Gedenken in anderen Staaten des Ostblocks vergleicht. Abschließend nennt Wawrzyniak unter der Überschrift "The Long Shadow of the Communist Politics of Memory" auf wenigen Seiten die wesentlichen geschichtspolitischen Initiativen und Debatten in Polen seit 1989: die Betonung der Opfer des Kommunismus, die Diskussionen um das Verhältnis von Polen und Juden, die in den Debatten um die Bücher von Jan Tomasz Gross kulminierten, und die Gründung des Warschauer Instituts des Nationalen Gedenkens, das vereinfacht ausgedrückt das polnische Pendant zur Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (Gauck-Behörde) darstellt, sich aber auch mit dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzung auseinandersetzt.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Wawrzyniak überzeugend und souverän durch die Wandlungen der Geschichtspolitik in der Volksrepublik Polen führt. Daran vermögen auch die genannten Kritikpunkte nichts zu ändern.


Anmerkungen:

[1] Joanna Wawrzyniak: ZBoWiD i pamięć drugiej wojny światowej 1949.1969 [Der ZBoWiD und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg 1949-1969], Warszawa 2009.

[2] Zofia Wóycicka: Arrested mourning. Memory of the Nazi camps in Poland, 1944 - 1950 (= Warsaw studies in contemporary history, Bd. 2), Frankfurt am Main u.a. 2013; die polnische Ausgabe erschien 2009.

Maximilian Becker