Christof Dipper / Heinz Duchhardt (Hgg.): Generation im Aufbruch. Die Geschichtswissenschaft in Deutschland im Spiegel autobiographischer Porträts, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2024, 484 S., ISBN 978-3-412-52694-8, EUR 59,00
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"Koordinierte Autobiographien" oder sogar "coordinated lives" - so benannte Jeremy Popkin in seiner Geschichte der Historikerautobiographien das Genre des vorliegenden Bandes [1]: Eine Anzahl von Historikerinnen und Historikern erzählt ihr (wissenschaftliches) Leben in relativ einheitlicher, durch Länge und Leitfragen vorgegebene Form. Diese Beiträge werden im Anschluss zwischen zwei Buchdeckeln vereint, so dass die individuellen Leben und deren Erzählung zu Teilkapiteln eines Kollektivs werden. Seit Pierre Noras Sammlung von Essais d'égo-histoire (1987, dt. 1989) gewann das Genre an Popularität, wenn auch nicht in allen Wissenschaftskulturen gleichermaßen. Die deutschen geschichtswissenschaftlichen Beispiele blieben eher rar gesät. Während Nora aktuelle Größen des Faches zusammenbringen wollte, entwickelte sich das Genre mit der Zeit in Richtung der Selbstverständigung historiographischer Subfelder, sei es der amerikanischen Frankreichhistorie, der dortigen jüdischen Geschichte, der französischsprachigen Historie in der Schweiz oder zuletzt des Faches Österreichische Geschichte. [2] Wie verortet sich nun der vorliegende Band? Er sucht die Einheit nicht in der Spezialisierung, sondern in der Generation. Angedacht ist ein Querschnitt der gesamten deutschen Geschichtswissenschaft, allerdings beschränkt auf die titelgebende "Generation im Aufbruch".
Die beiden Herausgeber schließen damit an ein früheres von ihnen initiiertes Projekt an, in dem Barbara Stambolis auf Basis ausführlicher Interviews den Historikerjahrgang 1943 monographisch analysiert hat. [3] Die "Generation im Aufbruch" besteht nun aus den Älteren, also den bis 1942 geborenen. Von ca. 130 noch lebenden Professorinnen und Professoren wurden etwa 60 angefragt; gute 30 haben zugesagt, am Ende sind es 28 Beiträge aus den Geburtsjahrgängen 1933 bis 1942 geworden (N. Angermann; W. Benz; D. Beyrau; H. Bley; G. Bock; A. Demandt; W. Eck; A. Esch; P. Herde; H. Kaelble; Ch. Kleßmann; J. Kocka; E. Kolb; H. Lehmann; H. Medick; W. Paravicini; H. Pietschmann; H. Reif; W. Reinhard; J. Rüsen; A. v. Saldern; H. Schilling; W. Schulze; R. Spree; W. Schieder; G. Vogler; H. A. Winkler; H. Zwahr). Eine volle Repräsentation des Gesamtfaches in dieser Altersgruppe wird von den Herausgebern nicht in Anspruch genommen; sie wäre ohnehin ebenso schwer zu definieren wie zu erreichen. Letztlich hing die Auswahl von der Prominenz innerhalb des Faches sowie dem Willen und den Möglichkeiten der im neunten, teils gar im zehnten Lebensjahrzehnt stehenden Beiträger ab. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Gerade für die Frühneuzeitgeschichte sowie die Neueste Geschichte und hier vor allem die Sozialgeschichte konnten viele bedeutende Vertreter gewonnen werden, dagegen sind die Mediävistik und die Alte Geschichte schwächer vertreten, ebenso wie die Wirtschaftsgeschichte, Osteuropäische Geschichte usw. Zum großen Bedauern der Herausgeber wollten sich nur zwei Historiker aus der ehemaligen DDR beteiligen; Adelheid von Saldern und Gisela Bock sind die einzigen Frauen, nachdem einige im letzten Moment ausschieden. Die genaue Formulierung des Auftrages an die Beitragenden ist in der Einleitung leider nicht enthalten; manche zitieren später daraus und knüpfen daran ihre Überlegungen. In jedem Fall war das Ziel die Darstellung des gesamten wissenschaftlichen Werdegangs, also nicht nur oder nicht einmal in erster Linie der in vielen Autobiographien im Mittelpunkt stehende Weg zur Geschichte, sondern der Weg in der Geschichte als Fach, als Beruf und als intellektuelles Milieu - ganz im Sinne der amerikanischen Reihe A Life of Learning. [4]
Hier ist nicht der Ort, die einzelnen Lebenserzählungen widerzugeben, oder zu versuchen, sie auf einen Nenner zu bringen. Einige hervorstechende Tatsachen werden in der Einleitung thematisiert, etwa die überraschend heterogene soziale Herkunft. Viele Beiträger waren Bildungsaufsteiger, und zwar nicht erst in den späteren Jahrgängen, die in den 1960er Jahren an die Universitäten kamen. Sehr gelungen ist ohnehin die Entscheidung der Herausgeber, die Beiträge chronologisch nach der Geburt zu ordnen. So lässt sich ungezwungen der Wandel innerhalb der zehn Jahrgänge beobachten. Die erlebten Kriegsereignisse, insbesondere Bombennächte und die Flucht aus dem Osten, treten im Lauf der Beiträge zurück. Gleichzeitig erweitern sich bei den Späteren die Karrieremöglichkeiten; da werden auch mal Assistentenstellen abgelehnt oder schnell wieder verlassen, was in den 1950ern niemandem eingefallen wäre. Insgesamt dominieren die geraden Lebensläufe hin zur Professur, das ergibt sich naturgemäß aus der Auswahl erfolgreicher Fachvertreter in einer Zeit der Stellenvermehrung; aber selbst hier werden die Wege der Späteren etwas krummer. Ein Entlanghangeln auf befristeten Stellen kam in diesen Jahrgängen nicht vor; Drittmittelprojekte wurden erst aus dem festen Sattel der C4-Professur beantragt. Insofern geben die Darstellungen einen Einblick in eine vergangene Welt, in das kurze Möglichkeitsfenster des extremen Hochschulausbaues gerade in den Geisteswissenschaften.
All das liegt im Rahmen des Erwartbaren. Wer Grundkenntnisse der inhaltlichen und institutionellen Fachentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg mitbringt - und wer sonst sollte ein solches Buch lesen? -, wird nichts grundlegend Neues erfahren. Und doch sind die Beiträge in der Gesamtschau instruktiv, gerade auch im Effekt der Wiedererkennung. So wird die polyzentrische Struktur des deutschen Wissenschaftssystems plastisch vor Augen geführt. Trotz zeitweiser Schwerpunkte (West-Berlin und natürlich Bielefeld für die Sozialgeschichte) gab es eben keine dauerhaften Kaderschmieden; ein englischer, französischer oder selbst amerikanischer Parallelband würde hier schon anders aussehen. Auch die Ausrichtung und Intensität der Internationalisierung werden deutlich, ebenso wie der inhaltliche Wandel und manche Konflikte des Faches.
Bedauern muss man aus wissenschaftshistorischer Sicht die Konzentration auf das Individuelle sowie die lineare Darstellung des eigenen Lebens trotz vereinzelter Anrufung gängiger Topoi über die biographische Illusion. Trends waren für die Beitragenden nie entscheidend, ebenso wenig leitete strategisches Handeln ihre Themenwahl. Formulierungen wie "wir lasen" oder "wir dachten" kommen extrem selten vor, die Einreihung des Selbst in eine Kohorte vermeiden fast alle Beiträge ebenso wie die Diskussion äußerer Einflüsse auf das eigene Denken und historiographische Tun. Die Ideengeschichte der Bundesrepublik lässt sich anhand der Beiträge nachvollziehen, sie wird aber praktisch nie explizit als Folie der Selbstanalyse herangezogen. 1968 wird häufig gestreift, bleibt aber ein vager Hintergrund, der kaum Einfluss auf die individuelle Forschung hatte; 1989/90 tritt mehrfach als Bruchpunkt auf, jedoch eher weil die Wende für mehrere, auch westdeutsche Beiträger institutionelle Veränderungen mit sich brachte. Intellektuelle Revisionen eigener Überzeugungen finden sich nicht, der Wandel von Themen und Methoden erfolgte immer selbstbestimmt und evolutionär-erweiternd, nie weil ein Zugang sich als Sackgasse erwies oder schlicht aus der Mode kam. Ebenso wenig müssen im Nachhinein Fehleinschätzungen oder Irrwege konstatiert werden, seien sie wissenschaftlicher oder politischer Natur. Der institutionelle Wandel des Faches - Vergrößerung, Differenzierung, Projektforschung - oder der habituelle und soziokulturelle Wandel der Universität lassen sich zwischen den Zeilen ablesen, werden aber kaum systematisch reflektiert.
All diese Leerstellen sind wohl ein unüberwindbares Genreproblem der Autoergographie, wie die Darstellung des wissenschaftlichen Lebenswerks aus eigener Hand in den 1920er Jahren getauft wurde. Bei begrenzter Zeichenzahl und einem langen und produktiven wissenschaftlichen Leben bleibt kaum Raum für eine reflexive Einbettung des Eigenen in größere Kontexte. Die Über-Individualisierung schmälert den wissenschaftshistorischen Nutzen einer solchen Sammlung, aber sie hebt ihn nicht auf. Denn einerseits gehört der kritische Umgang mit Ego-Dokumenten zum Rüstzeug von Historikerinnen und Historikern, und andererseits entfalten koordinierte Autobiographien ihre Wirkung gerade in der Zusammenschau vieler individueller Perspektiven. Die vorliegende Sammlung bietet insofern einen Schatz für die Historiographiegeschichte, dem sie in Zukunft mit ganz unterschiedlichen analytischen Methoden zu Leibe rücken wird. Ganz unabhängig von diesem Nutzwert sei der Band auch zum Schmökern empfohlen.
Anmerkungen:
[1] Jeremy D. Popkin: History, Historians, & Autobiography, Chicago 2005.
[2] Laura Lee Downs / Ste?phane Gerson (eds.): Why France? American Historians Reflect on an Enduring Fascination, Ithaca/London 2007; Jeffey S. Gurock (ed.): Conversations with Colleagues. On Becoming an American Jewish Historian, Boston 2018; Alain Cortat (éd.): Ego-Histoires: ecrire l'histoire en Suisse romande, Neuchatêl 2003. Ein dt. Bsp. einer spezifischen Gruppe ist Peter Alter (ed.): Out of the Third Reich. Refugee Historians in Post-War Britain, London 1998. Nur teils autobiographisch zuletzt das Themenheft von Thomas Winkelbauer (Hg.): Österreichische Geschichte im 21. Jahrhundert. Individuelle Standortbestimmungen, Retrospektiven und Perspektiven (= Österreich. Geschichte, Literatur, Geographie 66,4 (2022)).
[3] Barbara Stambolis: Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943, Essen 2010.
[4] Online unter https://www.acls.org/resources/occasional-papers/.
Justus Nipperdey