Rezension über:

Deborah Cuccia / Michael Gehler / Markus Kotzur (eds.): 50 Years of The Copenhagen Declaration 1973-2023. Questions on European Identity Policies (= Arbeitskreis Europäische Integration. Historische Forschungen. Veröffentlichungen; Vol. 14), Wien: Böhlau 2025, 257 S., ISBN 978-3-205-22371-9, EUR 60,00
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Rezension von:
Ines Soldwisch
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen
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Ines Soldwisch: Rezension von: Deborah Cuccia / Michael Gehler / Markus Kotzur (eds.): 50 Years of The Copenhagen Declaration 1973-2023. Questions on European Identity Policies, Wien: Böhlau 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/10/40907.html


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Deborah Cuccia / Michael Gehler / Markus Kotzur (eds.): 50 Years of The Copenhagen Declaration 1973-2023

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Die Kopenhagener Erklärung über die europäische Identität vom 14. Dezember 1973 bildet den Ausgangspunkt des von Deborah Cuccia, Michael Gehler und Markus Kotzur herausgegebenen Bandes. Einleitend formulieren Cuccia und Gehler das Anliegen: Ein in der EU-Integrationsgeschichte bislang wenig beachtetes Dokument soll in seinen Entstehungsbedingungen, politischen Funktionen, nationalen Voraussetzungen und institutionellen Bezügen erschlossen werden. Die Frage nach einem "forgotten document", einer "missed opportunity" oder einer "neglected legacy" verweist zugleich auf die Bedeutung der Erklärung für die politische Selbstverständigung der damaligen Gemeinschaft der Neun (11).

Deborah Cuccia untersucht in zwei Beiträgen Portugal, Spanien und Griechenland vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1973. Im Zentrum stehen die Auseinandersetzungen um Mitgliedschaft, Assoziierung, demokratische Ordnung und Menschenrechte. Besondere Bedeutung erhält der nach dem SPD-Bundestags- und Europaabgeordneten Willy Birkelbach als Kommissionsvorsitzendem benannte Birkelbach-Bericht von 1962, in dem bereits Leitlinien für eine demokratische Mindestqualifikation von Beitrittsaspiranten formuliert wurden. Cuccia zeigt, wie politische Kriterien europäischer Zugehörigkeit Gestalt annahmen und gegenüber den drei südeuropäischen Diktaturen zur Anwendung kamen.

Die Fallstudien zu den großen Gründungsstaaten erschließen unterschiedliche nationale Vorstellungen der internationalen Rolle Europas. Guido Thiemeyer analysiert für die Bundesrepublik die Verbindung von europäischer Eigenständigkeit, transatlantischer Bindung und Europäischer Politischer Zusammenarbeit. Henry Kissingers "Year of Europe" erhält dabei einen zentralen Stellenwert. Sylvain Schirmann rekonstruiert die französische Position und die Vorstellungen einer eigenständigeren europäischen Rolle gegenüber den Vereinigten Staaten. Maria Eleonora Guasconi untersucht Italien im Spannungsfeld europäischer Integration, atlantischer Orientierung und mediterraner Interessen. In der Zusammenschau machen diese Beiträge sichtbar, wie aus divergierenden nationalen Positionen ein gemeinsames Dokument hervorgehen konnte.

Jan van der Harst charakterisiert die Niederlande als "Atlantic Antagonist" und verbindet die außenpolitische Orientierung mit innenpolitischen und parlamentarischen Debatten.

Siebo M. H. Janssen untersucht Luxemburg vom Werner-Plan über die Kopenhagener Erklärung bis hin zur Wirtschaftskrise. Die Verbindung von Europapolitik, Wirtschafts- und Währungspolitik erweitert den Zugriff. Europäische Identität erscheint auch hier eingebettet in konkrete politische und ökonomische Interessenlagen. Eine eigenständige belgische Fallstudie hätte diese überzeugende Behandlung der Benelux-Staaten sinnvoll ergänzt.

Ergiebig ist der Abschnitt zur Norderweiterung um drei vormalige Staaten der European Free Trade Association, die gerade erst zum 1. Januar 1973 vollzogen worden war. Gabriele Clemens rekonstruiert die britische Initiative für das Dokument und den Weg vom britischen Vorschlag über die Verhandlungen innerhalb der Europäischen Politischen Zusammenarbeit bis zur endgültigen Fassung. London verband die Erklärung mit dem Ziel einer stärkeren außenpolitischen Kooperation. Clemens arbeitet zugleich die Kompromisse heraus, die aus unterschiedlichen Vorstellungen über das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, zur NATO und zur europäischen Eigenständigkeit resultierten.

Mervyn O'Driscoll untersucht Irlands Position und die Rolle Garret FitzGeralds als Dublins damaligem Außenminister. Seine Studie erschließt die Spannungen zwischen gemeinsamen außenpolitischen Positionen, irischer Neutralität und sicherheitspolitischen Interessen. Thorsten Borring Olesen verbindet für Dänemark die EG-Mitgliedschaft mit innenpolitischen Vorbehalten, sicherheitspolitischen Interessen und den Verhandlungen über die Erklärung. Zusammengenommen zeigen die drei Beiträge die Bedeutung der ersten Erweiterung für die Entstehung des Dokuments: Die Gemeinschaft der Neun stand vor der Aufgabe, ihre veränderte Zusammensetzung politisch zu verarbeiten und gemeinsame Bezugspunkte zu formulieren.

Der letzte Teil verschiebt die Perspektive auf europäische Institutionen. Birte Wassenberg untersucht den Europarat und dessen Verhältnis zur Kopenhagener Erklärung. Debatten über europäische Identität werden damit über den institutionellen Rahmen der Europäischen Gemeinschaften hinaus verfolgt. Demokratie, Menschenrechte und Vorstellungen einer europäischen politischen Gemeinschaft besaßen im Europarat schließlich (längere) eigene Traditionslinien.

N. Piers Ludlow nimmt den Kopenhagener Gipfel selbst in den Blick. Seine Frage "Messy but ultimately productive?" führt unmittelbar in die politische Praxis des Treffens. Ludlow rekonstruiert Vorbereitung, Konflikte, Verfahrensprobleme und Ergebnisse. Die Identitätserklärung erhält dadurch ihren konkreten Verhandlungskontext. Der Gipfel erscheint als Zusammenkunft mit gemischter Bilanz, deren Bedeutung sich aus mehreren längerfristig wirksamen Ergebnissen erschloss.

Einen eigenständigen Zugriff bietet Brigitte Leucht mit ihrer Untersuchung des Europäischen Gerichtshofs. Sie verbindet die Erklärung mit der Entwicklung des Menschenrechtsschutzes und der konstitutionellen Praxis des Gerichtshofs. Die Analyse reicht in die 1950er und 1960er Jahre zurück und verfolgt die Auseinandersetzungen um Grundrechte, allgemeine Rechtsgrundsätze und die Bindung des Gemeinschaftsrechts an Menschenrechte. Die Erklärung erhält damit eine rechtsgeschichtliche Vorgeschichte. Leucht zeigt überzeugend, dass zentrale Elemente der 1973 formulierten Prinzipien bereits zuvor Gegenstand institutioneller und juristischer Aushandlungsprozesse waren.

Als einziger Nichthistoriker im Band bündelt der Europarechtler Markus Kotzur schließlich die Ergebnisse in seinen "Final Remarks". Im Mittelpunkt steht der offene, prozessuale Charakter europäischer Identität. Die Kopenhagener Erklärung erscheint als historischer Versuch, gemeinsame Bezugspunkte zu formulieren und die Vielfalt nationaler Traditionen einzubeziehen. Europäische Identität entsteht in dieser Perspektive durch politische Aushandlung, institutionelle Praxis und fortgesetzte Selbstbeschreibung.

Der Sammelband überzeugt durch die Qualität seiner Einzelstudien und deren komplementäre Anlage. Nationale Perspektiven werden durch diplomatie-, institutionen- und rechtsgeschichtliche Zugriffe erweitert. Aus der Zusammenschau ergibt sich ein präzises Bild der Genese der Erklärung: Sie entstand aus unterschiedlichen Interessen, Europavorstellungen und außenpolitischen Orientierungen. Gerade die Fähigkeit, diese Unterschiede in einer gemeinsamen politischen Sprache zusammenzuführen, begründet ihre historische Bedeutung.

Damit erfüllt der Band sein zentrales Anliegen. Er erschließt die Kopenhagener Erklärung als eigenständigen Gegenstand der europäischen Integrationsgeschichte und rekonstruiert ihre Voraussetzungen mit großer Quellen- und Kontextnähe. Die Beiträge zeigen, wie eng europäische Identität mit Erweiterung, Außenpolitik, Demokratie, Menschenrechten und institutioneller Entwicklung verbunden war. Der Band schließt damit eine Forschungslücke. Für die Erforschung der europäischen Integration der frühen 1970er Jahre bietet er einen wichtigen, methodisch vielfältigen und in seinen Einzelstudien durchgehend substanziellen Beitrag.

Ines Soldwisch