Geschenktipps (nicht nur) zu Weihnachten

Jürgen Finger, Paris


Nadia Pantel: Das Camembert-Diagramm. Ein etwas anderes Frankreich-Porträt, Berlin 2025.
Obwohl ich seit acht Jahren in Frankreich lebe, lese ich immer noch gerne Bücher, in denen deutsche Landsleute versuchen, meine Wahlheimat zu erklären. Oft sind solche Bücher Ausdruck einer schwer erklärbaren deutschen Sehnsucht nach der angeblichen französischen Leichtigkeit, mit Paris im Zentrum und einem gehörigen Schuss geistvoller Referenzen. Der langjährigen SZ-Korrespondentin in Frankreich, Nadia Pantel, ist es gelungen, die üblichen Fallstricke und Stereotype zu vermeiden, was vielleicht auch daran liegt, dass sie als Journalistin in politisch aufregenden Zeiten in Paris war, und als Mutter eines kleinen Kindes in andere Erfahrungshorizonte eintauchen konnte als manche Frankreicherklärer vor ihr. In ihre Erfahrungen mit dem "Hexagon" flicht Pantel Gespräche mit Französinnen und Franzosen aller sozialen Schichten und gekonnte historische Einordnungen ein. Als roter Faden durch die Herausforderungen von Politik und Alltag dient die französische Esskultur.

Atlas:
François Gemenne / Aleksandar Rankovic / Atelier de cartographie de Sciences Po: Atlas de l'Anthropocène, mit einem Vorwort von Bruno Latour, 3. akt. und erweiterte Aufl., Paris 2025.

Auch wenn die International Commission on Stratigraphy das Anthropozän vorerst als Bezeichnung für eine geologische Ära aussortiert hat, wird der Begriff uns doch weiter begleiten. Sandra Maß hat eine kluge Reflexion dazu vorgelegt, was das für die Arbeit von Historikern und Historikerinnen bedeuten könnte. Über das Phänomen selbst und die globalen Prozesse, die es konstituieren, kann man sich auf hervorragende Weise mit dem Atlas de l'anthropocène informieren. François Gemenne und Aleksandar Rankovic haben ihn in Zusammenarbeit mit dem Kartographie-Atelier der Hochschule Sciences Po erstellt. Der Atlas ist ein Musterbeispiel für die in Frankreich stark verbreitete Form der Wissen(schaft)svermittlung durch Infografiken und "Atlanten", häufig in Zusammenarbeit mit etablierten Forschenden auch aus der Geschichtswissenschaft. Auch das Geopolitikmagazin "Mit offenen Karten" ("Au dessous des cartes") auf Arte ist dafür ein gutes Beispiel. Nach einer Diskussion des Epochenbegriffs "Anthropozän" widmen sich die Kapitel den Themen Ozon, Klima, Biodiversität, Verschmutzungen, Demographie; dem folgte ein Abschnitt zu konkreten politischen Handlungsfeldern. Man kann dem inzwischen in dritter erweiterter und aktualisierter Auflage erschienen Band nur eine baldige Übersetzung ins Deutsche wünschen. So sieht gute Wissenschaftskommunikation aus.

Brigitte Benkemoun: Das Adressbuch der Dora Maar. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch, München 2021.
Als die Journalistin Brigitte Benkemoun im Internet einen alten Kalender ersteigert, entdeckt sie in dem Lederetui die Adressbuchblätter der ersten Besitzerin. 1951 notierte diese die Kontaktdaten von Chagall, Aragon, Breton, Lacan, Giacometti... Im Lauf der Recherchen wird klar: es ist das Adressbuch von Dora Maar, Muse und zeitweise Weggefährtin von Pablo Picasso. Doch Maar ist nicht nur die "weinende Frau" Picassos, sondern vor allem Fotografin und Malerin aus eigenem Recht. Die Kapitel sind nach den Namen und Adressen gegliedert, wir folgen Benkemoun auf ihrer Entdeckungsreise durch das Milieu der Surrealisten und begleiten Dora Maar zu einigen der wichtigsten Künstler:innen und Intellektuellen der Zwischen- und Nachkriegszeit. Alle Adressen sind aufschlussreich, egal ob ein Klempner, ein Graphologe oder Lacan, der Dora Maar behandelte. Zusammen ergeben sie die Topographie der linken französischen Intellektuellenszene von den 1930er bis in die 1960er Jahre. Ihr manchmal berechnendes Wesen und die Flucht in den katholischen Mystizismus ("Nach Picasso kann nur noch Gott kommen") lassen Dora Maar nicht immer als sympathisch erscheinen, doch nimmt sie die Autorin wie den Leser gefangen.

Emmanuel Carrère: V13. Die Terroranschläge in Paris. Aus dem Französischen von Claudia Hamm, Berlin 2023.
Der zehnte Jahrestag der Anschläge von Paris vor wenigen Wochen offenbarte, wie sehr die Angriffe auf das Stade de France, auf die Café-Terrassen im Osten der Stadt und auf den Konzertsaal Bataclan das Selbstverständnis der französischen Gesellschaft getroffen haben und diese bis heute beschäftigen. Emmanuel Carrère, in Deutschland unter anderem bekannt für "Das Reich Gottes" (2014, dt. 2016) sowie "Ich lebe und ihr seid tot" (1993, dt. 2025), hat von September 2021 bis Juni 2022 den Mammutprozess im Pariser Justizpalast verfolgt, Sitzung für Sitzung. Seine Gerichtsreportagen für die Zeitschrift L'Obs, die indirekt auch das Geschehen am V13 - Vendredi 13 (Freitag, den 13.11.2015) erzählen, erlauben einen Blick in die Maschinerie des französischen Rechtsstaats, der erfolgreich beweist, dass er in der Lage ist, die terroristischen Attacken zu verarbeiten - selbst wenn die toten Haupttäter nicht auf der Anklagebank sitzen. Vor allem gibt Carrère den Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme. Carrères Beobachtungsgabe und sein Sprachgefühl machen aus den zum Buch zusammengefügten Texten eine Justizchronik, die nah an den Menschen und dennoch unaufgeregt geschrieben ist. V13 allein ist schon maßlos, da braucht es keine maßlose Sprache.

Graphic Novel:
Christophe Gaultier / Vincent Lemire: Jerusalem. Die Geschichte einer Stadt, Berlin 2024.

Der Historiker Vincent Lemire und der Zeichner Christophe Gaultier haben mit dieser Graphic Novel viertausend Jahre Geschichte auf knappen 250 Seiten kondensiert. Gekonnt greifen sie die wichtigsten Ereignisse heraus und erläutern strukturelle Entwicklungen, ohne dabei voreilig Partei zu ergreifen: Niemand war zuerst da an diesem Kreuzungspunkt der Geschichte, niemandem allein kann Jerusalem "gehören". Im Zentrum steht im Wortsinn ein alter Olivenbaum, der vom Ölberg aus die Geschehnisse kommentiert und einordnet. Berühmte Figuren wie auch anonyme Akteure kommen zu Wort, erleben und erleiden die Stadt; Zitate aus Reiseberichten und anderen Quellen ergeben ein lebendiges Bild. Wasserversorgung und Städtebau werden ebenso thematisiert wie sozioökonomische Fragen und die politischen und religiösen Konfliktherde und das vielfache Blutvergießen. Trotz der starken Verdichtung folgt man dem Olivenbaum gerne durch diese Geschichte der Stadt Jerusalem, ist sie doch mit einem gewissen Witz erzählt.