Stefan Jordan: Geschichtsschreibung. Geschichte und Theorie, Berlin 2024.
Stefan Jordans "Geschichtsschreibung" ist eine pointierte Einführung in historische Erzähl-und Deutungspraktiken und zugleich viel mehr als das. Jordan legt zunächst die Entwicklung historiografischer Traditionen dar: von altorientalischen Königsannalen über die klassischen Werke eines Herodot und Thukydides, die mittelalterliche Chronistik und humanistische Geschichtskultur bis hin zur Professionalisierung des Faches im 19. und 20. Jahrhundert. Er zeigt, wie sich die Funktionen von Geschichtsschreibung, die Legitimation und Sinnstiftung, Kritik und Identitätsbildung, über die Jahrhunderte verschoben und diversifiziert haben. Im Anschluss widmet er sich den theoretischen Grundfragen der Disziplin, diskutiert die Bedingungen historischer Erkenntnis, reflektiert die Rolle von Narrativen, die Problematik von Objektivität, die Bedeutung kritischer Quellenarbeit und nicht zuletzt die politischen Implikationen historiografischer Entscheidungen. Auch Wirklichkeitsbegriffe erörtert er - kontrovers, fachbezogen, thesenstark. Daher ist dieser Einführungsband nicht nur ideal für alle, die verstehen möchten, was historische Erkenntnis ausmacht und wie sie produziert wird, sondern auch für diejenigen, die sich über die Rolle von Geschichtsschreibung in der Gegenwart neu inspirieren lassen wollen.
Stephen King/Maurice Sendak: Hänsel und Gretel, Frankfurt/M. 2025.
Neu geschrieben hat Stephen King das bekannte Märchen sicher nicht, gleichwohl ist das Buch eine faszinierende Variante eines scheinbar vertrauten Stoffs. King greift den Grimm-Plot auf, doch statt ihn bloß zu modernisieren, legt er dessen psychologische Tiefen frei: Angst und Geschwisterbindung, Kontrollverlust und die Fallstricke gestörter Familienbeziehungen. Das Ergebnis ist weniger eine bloße Nacherzählung als vielmehr eine belletristische Anatomie des Märchens - radikalisiert durch Kings Gespür für Atmosphäre, Spannung und das Abgründige im Alltäglichen. Inspiriert ist sein Text aber vor allem durch Maurice Sendaks wiederentdeckte Illustrationen; Bühnenbilder, die den Text mit ihren starken Kontrasten und subtilen Verzerrungen auf eine zweite, ebenso eindringliche Ebene heben - mit einer anthropomorphisierten Hexenhausdarstellung, die einen unmittelbar in ihren Bann zieht. Und schließlich gibt dieses Kinderbuch die Möglichkeit, mit Kindern über Hexendarstellungen ins Gespräch zu kommen.
Hans Joas: Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos, Berlin 2025.
Ich gebe zu: Ich habe dieses Buch nicht vollständig gelesen - noch nicht. Vielleicht kann man es auch gar nicht vollständig lesen, weil man auch in den Passagen, die man schon gelesen hat, immer wieder nachlesen möchte. Joas fragt, wie universale Werte entstehen - und wie sie sich historisch behaupten, kulturell und politisch. Anders als normative Philosophien, die Universalismus häufig aus abstrakten Prinzipien ableiten, verfolgt Joas einen stark soziologisch-historisch orientierten Ansatz. Er zeigt, wie Universalismen erlebt, erfunden und institutionalisiert werden - und wie brüchig, konflikthaft und voraussetzungsvoll dieser Prozess ist. Gut, dass solche Bücher noch geschrieben werden!
Christian Kracht: Air, Köln 2025.
Christian Krachts "Air" ist eine konzentrierte literarische Miniatur, die sich beim Lesen leise, aber bestimmt in die eigene Wahrnehmung schiebt. Es wird einem angenehm kalt, wenn Kracht erzählt: in kurzen Sätzen, die sich umgehend in Bilder verwandeln. Nichts ist überladen, alles exakt austariert, aber ausstaffiert mit unzähligen literarischen Spuren und Verweisen. Ein Erzähler durchstreift eine fremde, fast traumhaft entrückte Landschaft, in der Natur, Technik und menschliche Begegnungen in einem merkwürdigen Schwebezustand existieren. Dabei geht es um Innenarchitektur und ein keltisches Heldenepos, Eismenschen und KI. Je weniger in "Air" passiert, desto stärker wird der Sog dieser Novelle.
Dorothy Thompson: "Das Ende der Demokratie". Reportagen aus Deutschland 1931-1932, Wien 2025.
Dorothy Thompsons Reportagen gehören zu den eindrucksvollsten journalistisch-historischen Momentaufnahmen der späten Weimarer Republik. In ihren Texten aus den Jahren 1931/32 gelingt es ihr, die politische und gesellschaftliche Atmosphäre eines Landes einzufangen, das sich unaufhaltsam auf den Weg in die Diktatur macht - ohne dies zu wissen. Thompson schreibt mit der Klarheit einer Beobachterin, die zugleich distanziert und tief involviert ist: Sie schildert Szenen des Alltags, politische Kundgebungen, wirtschaftliche Not und soziale Spannungen. Daraus formt sie ein präzises Panorama eines unter enormen Druck geratenen demokratischen Systems. Für Goebbels war sie ein "dumme[s] Frauenzimmer", das sich erdreistet, die "geschichtliche Größe" des 'Führers' zu beschmutzen. Für uns ist sie ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie sich Mechanismen erkennen ließen, die den Zerfall der Demokratie beschleunigten: ökonomische Verunsicherung, politische Radikalisierung, das fatale Spiel mit Ressentiments und die Fähigkeit populistischer Bewegungen, diffuse Ängste zu bündeln. Manche Einschätzung über die NS-Klientel oder Politiker Weimars würden wir heute sicher anders formulieren. Doch Thompsons Blick für fatale Muster, die sich in Gesellschaft, Politik und Kultur entfalten, ist brillant. Daher ist das Buch auch keine nostalgische Rückschau, sondern scharfsinnige Analyse im Gewand großer Reportagekunst.