Ulrich Niggemann (Hg.): Der Bauernkrieg von 1525. Staatlichkeit und Ordnungsvorstellungen (= Staatsverständnisse; Bd. 185), Baden-Baden: NOMOS 2025, 203 S., Diverse s/w-Abb., ISBN 978-3-7560-0998-5, EUR 49,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Lyndal Roper: Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2024
Jan Martin Lies: Zwischen Krieg und Frieden. Die politischen Beziehungen Landgraf Philipps des Großmütigen von Hessen zum Haus Habsburg 1534-1541, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2013
Christian Gahlbeck (Bearb.): Die Beziehungen Herzog Albrechts in Preußen zu Ungarn, Böhmen und Schlesien (1525-1528). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, Berlin: Duncker & Humblot 2017
Heinz Schilling: Karl V. Der Kaiser, dem die Welt zerbrach, München: C.H.Beck 2020
Ignacio Czeguhn / Heiner Lück (Hgg.): Kaiser Karl V. und das Heilige Römische Reich. Normativität und Strukturwandel eines imperialen Herrschaftssystems am Beginn der Neuzeit, Stuttgart: S. Hirzel 2022
Ulrich Niggemann: Immigrationspolitik zwischen Konflikt und Konsens. Die Hugenottenansiedlung in Deutschland und England (1681-1697), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2008
Ulrich Niggemann: Revolutionserinnerung in der Frühen Neuzeit. Refigurationen der "Glorious Revolution" in Großbritannien (1688-1760), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2017
Langsam ebbt die Welle der Neuerscheinungen zum Bauernkrieg im Jubiläumsjahr 2025 ab. Absehbar ist schon jetzt, dass dieser Anlass - ähnlich dem "Lutherjahr 2017" - weniger radikale Innovationen hervorbringen wird als vielmehr Aktualisierungen, Neujustierungen und gelegentlich auch die Beschwörung überholter Erzählungen. Für Forschende, die sich in dieses Feld begeben, verspricht das gleichwohl Aufmerksamkeit und Resonanz.
Zu ihnen zählt Ulrich Niggemann, der den vorliegenden Band nicht nur herausgegeben, sondern ihn im eigentlichen Sinne verantwortet hat. Denn ohne persönliches Engagement und gute Vernetzung ist nicht zu denken, dass diese Sammlung - ganz ohne Tagung, stattdessen als eine Art Akademieprodukt und noch dazu termingerecht - zustande gekommen wäre. Der Impetus ist kein Zufall. Niggemann hat sich der (neueren) Revolutionsforschung verschrieben, und dieser Zugriff prägt auch seinen Blick auf den Bauernkrieg. Bereits zuvor hat er die neueren Ansätze der Revolutionsforschung dort verortet, wo sie Revisionismus und bloße Deskription hinter sich lassen wollen: bei Diskursen, Kommunikation und Medien, bei symbolischen Formen und Repräsentationen von Ordnung. [1] Genau diese Perspektive wird im vorliegenden Band auf den Bauernkrieg angewandt, freilich ohne dies programmatisch eigens zu deklarieren.
Entsprechend verzichtet der Band, in dezidierter Abgrenzung vom Reihentitel der "Staatsverständnisse", auf "Staatlichkeit" als moderne Leitkategorie und fragt stattdessen nach Ordnungsvorstellungen: nach den Formen, in denen politische Ideen artikuliert, verdichtet und praktisch wirksam wurden. Im Zentrum stehen dabei normative und programmatische Ausdrucksformen - Texte, Verfahren, kirchliche Regeln, soziale Normen -, ergänzt um ihre spätere historiographische und geschichts- beziehungsweise bildpolitische Aneignung. So reiht sich der Band in eine erneuerte, kulturhistorisch sensibilisierte Geschichte politischer Ideen ein, die ihre Gegenstände über Praktiken und deren Medien erschließt.
In dieser Perspektive werden die sechs Einzelbeiträge anschlussfähig. Begriffe wie "Bund" oder "Landfrieden" erscheinen als Programmsprache, die Erwartungen bündelt, nicht als Vorformen moderner Staatlichkeit (Horst Carl). Verfahren wie Suppliken, Gravamina oder Landtage werden als Kommunikationswege ernst genommen, über die Konflikte kanalisiert und - unter bestimmten Bedingungen - befriedet werden konnten (Martin P. Schennach). Theologisch-kirchliche Ordnung wird nicht als geschlossenes Modell, sondern als Bündel von Stichworten sichtbar, das vor 1525 lokal erprobt und nach 1525 stärker territorial verfestigt wird, wobei die Obrigkeit zur entscheidenden Scharnierfigur wird (Stefan Michel). Geschlechter- und Familiennormen schließlich treten als Orte der Einübung von Ordnung hervor: Frauen bleiben in den Programmschriften meist stumm, ihre Lebensbereiche werden jedoch umso präziser reguliert - ein Befund, der den Blick auf Ordnungspolitik im Alltag lenkt (Vito Conego / Britta Kägler).
Besonderes Gewicht legt der Band auf die Metaebene der Rezeption. Zwei Beiträge (Ulrich Niggemann und Jana Osterkamp) verfolgen die Deutungen des Bauernkriegs vom 16. Jahrhundert bis in die DDR. Betont wird, wie stark diese Deutungen von jeweiligen Gegenwartsinteressen geprägt sind: vom Widerstands- und Tyrannei-Topos des 19. Jahrhunderts bis zur Formel von der "frühbürgerlichen Revolution" und ihrer bildlichen Verdichtung im Bauernkriegspanorama Werner Tübkes. Der Bauernkrieg erscheint hier weniger als abgeschlossene Vergangenheit denn als Projektionsfläche, auf der politische Ordnungsfragen immer neu verhandelt werden.
Gerade dieser rezeptionsgeschichtliche Akzent wirft eine leise Frage nach dem Timing des Bandes auf. Er ist zu Beginn des Jubiläumsjahres erschienen, noch bevor dessen Ausstellungen, Debatten und Publikationen ihr eigenes Deutungsangebot entfalten konnten. Die Rezeptionen von 2025 selbst bleiben daher notwendigerweise außen vor. [2] Man könnte dies als verpasste Chance lesen; oder es als bewusste Setzung verstehen: Der Band will nicht bilanzieren, sondern den Rahmen markieren, innerhalb dessen solche Bilanzierungen erst sinnvoll werden.
Das Fazit spitzt diese Haltung zu. Niggemann erteilt einer direkten Übertragbarkeit politischer Agenden des Bauernkriegs auf moderne Verfassungswirklichkeiten eine klare Absage. Vielmehr plädiert er dafür, aus dieser Geschichte zu lernen, "dass Staatlichkeit sich nur im partizipativen Diskurs realisieren lässt und so die nötige Akzeptanz findet" (203). Hier blitzt - unwillkürlich? - doch noch einmal das wirkmächtige Narrativ von der "Revolution des Gemeinen Mannes" und den darin entwickelten "Staatsvorstellungen" [3] auf, dem der Band ansonsten konsequent widerspricht. Ein Fragezeichen sei erlaubt: Denn in der Frühneuzeit machten letztlich die Fürsten den Staat; Beteiligung blieb strukturell begrenzt.
Der Band versammelt Fallstudien, beinahe Vignetten, entwickelt an konkreten Begriffen und Handlungen. In dieser Auswahl erweist sich der vorangestellte "Mut zur Lücke" (7) als konzeptionelle Klammer. Der eigentliche Gewinn liegt daher in den Denkanstößen, namentlich zur Relektüre von Begriffen, Programmen, Verfahren, Regeln, Normen, Bildern und Deutungen als Ausdrucksformen von Ordnung. Darin fügt er sich überzeugend in die neuere Revolutions- und Ideengeschichte ein, ohne sich kulturalistisch anzubiedern. Dass der hohe Preis, auch für die digitale Fassung, der erklärten interdisziplinären Ausrichtung der Reihe eher entgegensteht, ist bedauerlich. Am Ertrag ändert dies nichts: Der Band erfindet die Bauernkriegsforschung nicht neu, sondern macht sie neu lesbar. Für einen schmalen Jubiläumsband, der gar keiner sein will, ist das viel.
Anmerkungen:
[1] Ulrich Niggemann: Berichte und Kritik. Revolution in der Frühen Neuzeit. Tendenzen und Probleme der Forschung, in: Zeitschrift für Historische Forschung 46 (2019), 255-288.
[2] Dazu etwa Markus Laufs: Ausstellungsrezension zu: UFFRUR! Utopie und Widerstand im Bauernkrieg 1524/25, 26.04.2025 - 05.10.2025 Kloster Bad Schussenried / freiheyt 1525. 500 Jahre Bauernkrieg, 26.04.2025 - 19.10.2025 Museum St. Marien - Müntzergedenkstätte; Bauernkriegsmuseum Kornmarktkirche; Kulturhistorisches Museum, alle Mühlhausen; Panoramamuseum Bad Frankenhausen (Ausstellungszeitraum dort: 10.05. - 17.08.2025), in: H-Soz-Kult, 06.12.2025, https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/reex-155249 [abgerufen am: 20.12.2025].
[3] Peter Blickle: Die Revolution von 1525, München 1975. 4., durchges. und bibliografisch erw. Aufl., München 2004, hier zum Beispiel 213: "Die landständische Verfassung war als Modell für die Staatsvorstellungen der Revolution deswegen tauglich, weil sie erkennen ließ, daß Ordnungsprobleme in einem großflächigen Staat im Zusammenwirken von Landesherr und Landschaft zu meistern waren."
Tilman Moritz